Himmelhoch und abgrundtief

Himmelhoch und abgrundtief

geschrieben von Hannah

Von Cotopaxi nach Baños müssen wir uns einen Pickup und Fahrer organisieren. Ich bin noch immer wackelig auf den Beinen und kann nicht Fahrrad fahren. So schaffen wir es nach Baños in nur zwei Stunden statt zwei Tagen. Während der Autofahrt ruckelt es, geht rauf und runter und mir wird gleich wieder schlecht. Marius blickt immer wieder besorgt aus dem Rückfenster, aber die Fahrräder sind auf der Ladefläche so ineinander verkeilt, dass sie sich gar nicht bewegen, geschweige denn herunterfallen. In Baños haben wir uns in einem Hostel eingemietet, wo ich mich sofort auf das Bett fallen lasse. Marius besorgt etwas zu essen.

Casa del Arbol

Später brechen wir auf, um einige Sehenswürdigkeiten in den nahen Bergen zu besichtigen. Baños hat sowohl in dieser Hinsicht als auch landschaftlich mehr zu bieten als Quito. In den Bergen liegt das Casa del Arbol, ein Baumhaus hoch über dem Tal, an dem Schaukeln angebracht sind, mit denen man sich über den Abhang schwingen kann. Als wir ankommen, hängen die Wolken zwischen den Bergen und man kann die benachbarten Berge oder das Tal gar nicht sehen, doch innerhalb von zwei Minuten klart es auf. Es ist schwer was los hier oben, und das nicht ohne Grund: Das Erlebnis ist spektakulär.

Um 18:30 Uhr wird es dunkel, am Äquator ist es immer fast genau 12 Stunden hell und die wollen genutzt sein. Wir haben noch etwa 45 Minuten und sagen einem Taxifahrer, er solle uns einfach dahin fahren, wo er es schön findet. Das zahlt sich aus, er fährt uns zu einer noch größeren Schaukel, auf der man etwa 10 Meter in einen Abgrund stürzen und dann über der Stadt pendeln kann. Als wir dort vorfahren und ich die aktuellen Opfer dort oben sitzen sehe, wie sie mit Klettergurten festgeschnallt werden, ist mein erster Gedanke: Oh nein, niemals! Marius sieht mich an, mit enttäuschtem Blick und fährt seine besten Argumente auf: “Wenn wir schonmal hier sind… Sowas kommt vielleicht nie wieder…” etc. Also überwinde ich mich dann doch und lege Gurt und Helm an. Als ich die Leiter nach oben steige, frage ich mich noch einmal, was zur Hölle ich hier eigentlich mache. “Das ist alles vom TÜV abgenommen!”, witzelt Marius noch, ich finde es gar nicht lustig, aber zum Aussteigen ist es zu spät. Wir werden angeschnallt, die Plattform unter unseren Füßen wird weggefahren, wir schweben über dem Abgrund. Ein Ruck, und wir sind im freien Fall, ich schreie. Ich fühle mich, als würden alle Atome meines Körpers voneinander getrennt und neu zusammengesetzt, schwerelos und gleichzeitig von meinem eigenen Körper von innen nach außen erdrückt. Wir erreichen den höchsten Punkt unseres Pendelns, ich sehe die Stadt hunderte Meter unter und den Himmel direkt vor mir. Wahrscheinlich waren es nicht mal hundert Meter, aber meine ganze Wahrnehmung ist vom Adrenalin verzerrt. Es ist schrecklich. Es ist fantastisch. Als wir zurück pendeln und wieder vor, habe ich mich beruhigt und kann es genießen. Der erste Schwung ist am heftigsten, nun wird es erträglicher.

Als wir wieder auf der Plattform ankommen, grinst der Taxifahrer uns an, wohlwissend, dass er uns ein besonderes Erlebnis beschert hat. Das Video dazu gibt es auf Instagram.

Irgendwas ist ja immer

In der Nacht wache ich davon auf, wie Marius durch das Zimmer läuft. Nun hat es ihn erwischt: Er hat sich nachmittags auf einem Markt einen Saft gekauft und den will sein Magen nun nicht mehr haben. Während es mir inzwischen besser geht, ist er nun krank. Viele südamerikanische Lebensmittel, und das geht schon bei Wasser los, sind für verwöhnte, europäische Mägen nicht geeignet. Also können wir auch am Samstag nicht wieder auf’s Fahrrad.

This Post Has One Comment

  1. Tolle Bilder und geschossen trotz Magenrummel.Hoffentlich akklimatisieren sich Gedaerme bald zu neuen Umstaenden.

Leave a Reply

Close Menu