Begegnungen auf dem Weg

Begegnungen auf dem Weg

Auch, wenn Baños uns mit dem aufgeräumten Stadtbild und den Wasserfällen die bisher schönste Stadt ist, wollen wir weiter. Die nächste größere Stadt südlich von Baños ist Riobamba. Marius‘ Magen erholt sich noch von dem Saftdebakel auf dem Markt, daher wagen wir den Versuch, die Fahrräder mit in den Fernbus zu nehmen. Marius ist ziemlich nervös deswegen, wir haben natürlich die üblichen Geschichten gehört von Diebstählen. Als wir am Busbahnhof ankommen, sind wir aber positiv überrascht: Die Busse sind in guten Zustand, haben große Gepäckklappen und eine Fahrt nach Riobamba, die etwa zwei Stunden dauert, kostet 2$, plus 0,50$ für ein Fahrrad. Das halten wir für vertretbar und verstauen die Fahrräder im Gepäckraum. Der Busfahrer behandelt unser Gepäck besonders fürsorglich, nachdem wir ihm ein Trinkgeld gegeben haben.

Als wir in Riobamba ankommen, ist es schon dunkel und wir bahnen uns unseren Weg durch die spärlich beleuchteten Straßen zu Sarah, einer ausgewanderten Deutschen, die mit ihrer kleinen Familie am Rand der Stadt lebt. Wir haben sie bei Warmshowers gefunden und ihr Haus scheint sich großer Beliebtheit zu erfreuen, denn schon ein Freund von uns, der vor einigen Jahren von Alaska nach Feuerland geradelt ist, hat bei ihr übernachtet. Als wir ankommen, sind schon zwei Franzosen da. Ben und Clémentine sind Geschwister und testen Fahrräder für Decathlon. Unsere Fahrräder sollen wir mir ins Haus nehmen, obwohl der Garten von einem hohen Zaun eingefasst ist. Das hat einen Grund, wie Sarah uns erzählt. Sie hatte zwei Hunde, doch hatte es wohl jemand auf ihr Fahrrad auf der Veranda abgesehen und vergiftetes Fleisch über den Zaun geworfen, um die Hunde aus dem Weg zu schaffen. Nun hat sie keine Hunde mehr und ein neues Fahrrad, das drinnen im Flur steht.

Während Clémentine und Ben kochen, tauschen wir Erfahrungen aus. Kurz darauf kommen Sarahs Söhne hereingestürmt, beide noch klein, und fordern sofort Aufmerksamkeit ein. Dorian hat heute einen Dinoball geschenkt bekommen, den er erstmal allen zeigen muss. Während ich mit ihm spiele, erzählt er mir von seinem Tag, alles auf Spanisch und sehr schnell, ich verstehe nur die Hälfte. Dafür versteht er mich: Wenn ich auf Deutsch mit ihm spreche, scheint er gut zu begreifen, aber selbst Deutsch sprechen möchte er nicht. Das macht natürlich nichts, denn spielen kann man auch ohne Sprache.

Am nächsten Tag verlassen wir Riobamba zu viert, Ben, Clémentine, Marius und ich. Die beiden sind was Gepäck angeht viel strikter und beherrschter als wir: Sie kommen ohne die großen Taschen aus, die wir jeder noch hinten quer über dem Gepäckträger haben. Wir sind uns einig, auf keinen Fall zurück auf die Panamericana zu wollen und Sarah empfiehlt uns eine Straße über die Dörfer. Die ist in überraschend guten Zustand, kaum Schlaglöcher und die Steigungen verteilen sich über längere Strecken, weswegen sie angenehm zu fahren ist.

Schnell stellt sich heraus, dass Ben und Clémentine ihren Rhytmus schon gefunden haben (sie sind schon länger unterwegs als wir) und uns von Zeit zu Zeit abhängen. Dann trödeln wir ein bisschen vor uns hin und hinter der nächsten Biegung sitzen sie dann auf der Leitplanke, winken und reihen sich wieder ein.

Während wir fahren, überdenke ich die Eindrücke der ersten Woche. Bisher gefällt Ecuador mir nicht, was einerseits an mir liegt: Ich bin das erste Mal wirklich auf Reisen, die über Urlaub hinausgehen und weg von Zuhause, außerdem ist Ecuador gemessen an Deutschland auch ein Kulturschock. Andererseits ist es aber auch Ecuador selbst, das ich nicht so richtig schön finde, die meisten Leute sind unfreundlich, die Städte hässlich und die Fahrten auf den vielbefahrenen Straßen haben ihr Übriges zu dem Eindruck beigetragen. An den Städträndern und in den Dörfern sieht man unfertige Rohbauten, die aufgegeben worden zu sein scheinen, als würde hier niemand leben wollen, Müll und Bauschutt liegen an den Berghängen.

Heute sehe ich auch die ersten toten Hunde am Straßenrand liegen. Vor den lebenden muss man sich in den Dörfern fürchten, denn sie sind sehr aggressiv, anders als in der Stadt. Aber wenn ich sie dort liegen sehe, abgemagert und verdurstet oder überfahren, tun sie mir Leid.

Clémentine sagt mir, sie habe die Erfahrung gemacht, wenn man die Leute anspreche, würden sie anfangen zu lächeln und wären sehr hilfsbereit. Ich nehme mir vor, das auszuprobieren, um meine Gesamtstimmung anzuheben. Die Reiseerfahrung hängt zu einem Großteil von den Menschen ab, denn wo Freundlichkeit existiert, kann man sich wohlfühlen. Meine erste Erfahrung kann ich währen unserer Mittagspause machen, als wir zu viert unter einem Dach picknicken und einige Einheimische vorbeikommen. Sie tragen die traditionelle Kleidung Ecuadors, einen dunklen Hut, farbenfrohe Tücher um die Schulten und die Frauen bodenlange Röcke mit Stickereien am Saum. Einer von ihnen interessiert sich besonders für die Fahrräder, fragt, wo wir herkommen und wo wir hinwollen.

Später entdecke ich, während wir in die Pedale treten, Menschen auf den Felder abseits der Straße, die die Köpfe heben, als sie uns sehen. Viele winken und lachen, es ist das, was mir in den letzten Tagen so gefehlt hat. Ich winke fleißig zurück.

This Post Has One Comment

  1. Wir fahren im Geiste mit Euch mit und beneiden Euch fuer Erlebnisse.

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