Weiter nach Süden

Weiter nach Süden

Wir sitzen jeden Tag auf dem Rad und fahren die Hauptverkehrsstraßen. Ein Kilometer Luftlinie bedeutet dabei manchmal drei Kilometer Weg, denn die Straße verläuft an den Berghängen entlang. Zum Glück ist die Panamericana hier nicht mehr so breit und weniger stark frequentiert, sodass wir entspannt in Alausí ankommen. Die kleine Stadt ist aufgeräumter, als wir es bisher gewohnt sind, was wohl daran liegt, dass sie Touristen anziehen möchte, denn es gibt dort einen Zug, mit dem man Rundfahrten durch die Berge machen kann. Das sparen wir uns, denn wir wollen weiter. Die Strecke ab Alausí ist landschaftlich wirklich schön, zum ersten Mal auf unserer Tour. Die nächsten Tage können wir Ecuador also endlich genießen, und auf dem Land sind auch die Menschen viel herzlicher. Viele lachen und winken. Für zukünftige Fahrradtouren erlaube ich mir an dieser Stelle den Tipp: Startet nicht in Quito, sondern weiter südlich, wo die Panamericana schmaler und einsamer ist.

Besonders in den Kurven fallen uns auf den Asphalt gemalte blaue Herzen auf, die am Straßenrand um Kreuze ergänzt sind. Während des Radelns setzt sich in meinem Kopf eine Chronologie von Unfällen zusammen, hier sterben regelmäßig Menschen. Das ist leider wenig verwunderlich, wenn man den Fahrstil der Leute begutachtet, denn sie scheren auch an den schwer einsehbaren Stellen in den Gegenverkehr ein, um LKWs zu überholen. An solchen Stellen sind oft Schwellen auf der Fahrbahn angelegt, um die Fahrer zur Verringerung ihres oftmals rasanten Tempos zu zwingen. Blitzer gibt es keine, denn die Menschen bezahlen ihre Strafen ohnehin nicht.

Wildcampen

Am Donnerstag geht es fast nur bergauf. Die Straße hat zwar keine extrem steile Steigung, dafür aber eine kontinuierliche über Kilometer hinweg. Da ist Ausdauer gefordert. Wir kommen nur mäßig voran, müssen ständig kleine Pausen machen und essen, um Energie nachzuliefern. Ich fühle mich an den Auszug der Hobbits aus Beutelsend erinnert, vier gemütlich veranlagte Naive gehen auf Wanderschaft und sind enttäuscht, dass sie nicht alle paar Meter Halt machen können für das zweite Frühstück oder den 5-Uhr-Tee.

Inzwischen sind wir 30 km und etwa 1000 Höhenmeter weiter, es ist 17 Uhr und wir haben noch eine Stunde Tageslicht. Also suchen wir nach einem Platz, um unser Zelt aufzuschlagen. Das klingt einfacher, als es ist, denn wir wollen nicht direkt neben der Straße schlafen, aber Nebenstraßen gibt es kaum und wir möchten auch nicht ungefragt auf Privatgrund campieren. Schließlich haben wir Glück und finden ein kleines Plateau, auf das nur ein Schotterweg führt. Dort bauen wir das Zelt auf und kochen ein paar Nudeln. Pünktlich zum Sonnenuntergang ist alles fertig. Es ist ein atemberaubendes Schauspiel, denn von unserem höher gelegenen Punkt aus können wir ins benachbarte Tal sehen, wo die Wolken tief stehen. Das rötliche Licht fällt von oben auf den Wolkenteppich, alles leuchtet in warmen Farben. Dann wird es sehr schnell kühl.

Am nächsten Morgen sehen wir die Sonne über den Bergen aufgehen. Wir brechen früh auf, die Straße ist noch leer. Nach 10 km erreichen wir Zhud, ein Ort, wo laut Google Maps nichts ist außer der Stelle, an der zwei Fernstraßen zusammentreffen. Wir finden aber eine kleine Stadt vor. Das ist uns schon häufiger passiert, auf der Karte steht ein Ortsname, aber es sind keine Gebäude oder Nebenstraßen verzeichnet. Ab Zhud nimmt der Fernverkehr massiv zu, auf der Straße ist es so laut, dass wir uns kaum unterhalten können. Einen anderen Weg gibt es nicht. Also sparen wir uns die letzte Etappe des Tages und nehmen von El Tampo nach Cuenca einen Bus. Selbiger kann sogar mit einem Unterhaltungsprogramm aufwarten: Es gibt Fuck you Goethe auf Spanisch. Cuenca ist die bisher schönste Stadt auf unserer Reise, die Architektur europäisch angehaucht, es gibt eine Flusspromenade, auf der man flanieren kann. Es ist eine Stadt der Künstler und Handwerker, die ihre Werke auf den Straßen zur Schau stellen und zum Kauf anbieten. Ein Musikant läuft mit seiner Gitarre unter dem Arm und seiner Katze auf der Schulter an uns vorbei.

Besorgen, was man so braucht

Wir kommen mit einer Einkaufsliste nach Cuenca. Wir brauchen endlich neue Ohrstöpsel. Diese gehören zu unseren Grundausrüstung, ohne sie würden wir keinen Schlaf finden und auch beim Fahren dem Lärm der LKWs nie entkommen. Wir waren in ungefähr zehn Apotheken, immer hieß es: „No tememos.“ Als die Apothekerin in Cuenca uns ihre Auswahl präsentiert, kaufen wir gleich 14 Paare. Außerdem steht ein Besuch im Outdoor Shop an. Wir denken darüber nach, uns für Peru einen Wasserfilter zuzulegen, da man in einsamen Gegenden nicht täglich Trinkwasser nachkaufen kann, entscheiden uns dann aber für Tabletten, die man im Wasser auflöst und die Bakterien abtöten. Das ist zwar einfacher, aber nicht der Weisheit letzter Schluss, denn gerade in Peru gibt es viele illegale Minen, die das Grundwasser mit giftigen Stoffen verseuchen. So werden zum Herauslösen von Gold aus Gestein meist Chemikalien verwendet. Der letzte Punkt auf der Liste ist ein Buch. Das eine, das ich auf die Reise mitnehmen konnte, habe ich ausgelesen und Ersatz soll her. In Cuenca gibt es einen internationalen Buchladen, den wir begeistert aufsuchen (ich begeistert, Marius als notgedrungener Begleiter). Obwohl es dort sogar deutschsprachige Bücher gibt, werde ich leider nicht fündig. Das hängt auch mit den Preisen zusammen. Alles, was importiert wird, ist exorbitant teuer, ein Beispiel: Ein Glas Nutella kostet 6-7$. Zum Glück komme ich gut ohne Nutella aus, aber weniger gut ohne etwas zu lesen.

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