Regen und Erdrutsche

Regen und Erdrutsche

Gegen den Wind

Nachdem wir das Hotel verlassen haben und der Straße in die Berge folgen, beginnt es bald zu regnen. Und damit meine ich nicht einen Regenschauer von oben, sondern eine Kombination aus hartem Niederschlag und Wind, die uns entgegenschlägt. Wird schon bald aufhören, denke ich hoffnungsvoll. Aber das tut es nicht. Der Nebel ist so dicht, dass die Sicht bald auf drei Meter beschränkt ist. Da es nur bergauf geht und der Wind weiter zunimmt, müssen wir schieben, gegen den Wind, gegen den Regen. Zu sagen, dass es anstrengend ist, wäre untertrieben, obwohl es das natürlich ist. Das Wetter kriecht nicht nur unter meine Kleidung, die die Nässe sich Schicht für Schicht erobert, sondern auch in meine Gedanken. Wo soll ich hin? Wie viel kann ich leisten? Und wozu überhaupt? Aber Umkehren geht nicht, da ist nichts, kein Haus, ein Unterschlupf, kein heißer Kakao vor einem Kamin, nur der nächste Meter bergauf auf glitschigem Asphalt.

Ich bin schon bald völlig entkräftet, wir schaffen drei Kilometer in einer Stunde. Ich habe das Gefühl, der Naturgewalt jeden Meter unter Aufwendung all meiner Widerstandskraft abringen zu müssen, ein Kräftemessen, an dessen Ende… ja was eigentlich steht? Den Gipfel des Berges, an dem die Straße entlang führt, kann ich sehen, aber ich weiß, dass die Straße dort oben nicht endet, sondern hinüber führt zum nächsten Berg, der immer höher ist als der letzte. Den Gipfel des Sturms kann man nicht sehen. Wann er endet, weiß nur der Wind.

Der erste Sturz

Irgendwann begreife ich, dass es gar kein Nebel ist, der mir die Sicht verdeckt, sondern dass wir die ganze Zeit mitten in den Wolken sind, die zwischen den Bergen eingepfercht sind und sich über uns abregnen. Sie ziehen nicht weiter, denn sie hängen fest. Damit teilen wir ein Schicksal, denn auch Marius und ich hängen fest. Über Stunden schieben und schieben wir, fahren mal ein paar Meter, wenn der Sturm es zulässt. Am Nachmittag, als wir mit 4km/h eine Serpentine hoch kriechen, spüre ich, wie mein Vorderreifen unter einer dünnen Ablagerung aus grauem Schlick, die sich fast unsichtbar über den Asphalt gelegt hat, weggleitet. Die Sekundenbruchteile, bevor ich mitsamt dem Fahrrad auf dem Boden aufschlage, genügen mir um zu begreifen, was gleich geschehen wird. Meine Schuhe hängen in den Klickpedalen fest, ich liege halb auf der Seite, halb auf dem Rücken, eher vom Schock als dem Schmerz geprellt. Marius kommt angelaufen, genauso erschrocken wie ich und hilft mir auf. Danach ist die Stimmung endgültig im Eimer. Bald wird es dunkel und wir suchen einen geeigneten Platz, um das Zelt aufzubauen. Das klingt viel einfacher, als es ist, denn auf der einen Seite der Straße geht es steil den Hang hinab, die andere Straßenseite ist von einem urwaldartigen Dickicht beinahe zugemauert. Also müssen wir weiter. Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, denke ich, und kann doch irgendwie, weil ich halt muss. Sich im Regen einfach auf die Leitplanke zu setzen und nicht weiterzufahren ist schließlich auch keine Lösung. Als die Dämmerung bereits einsetzt, finden wir dann endlich ein paar Quadratmeter abseits der Straße, die nur ein kleines Gefälle haben. Das Zelt steht binnen Minuten, wir kriechen hinein, und kein Hotelzimmer könnte gemütlicher sein. Schnell raus aus den nassen Sachen und erstmal ausruhen.

Schlammschlacht

Es regnet die ganze Nacht und auch den ganzen nächsten Tag. Zu allem Übel werden auch die Straßenverhältnisse schlechter, aus Teer werden zunächst Betonplatten, stellenweise fehlen auch die und die Straße, die ihren Namen kaum mehr verdient, wird eine Rutschbahn aus Matsch. Die Wassermassen der Regenfälle laufen einfach über die Straße, mal in kleinen Rinnsalen, dann in ganzen Bächen, in denen Steine mit gespült werden. Die Pickups fahren einfach ohne zu zögern durch, man scheint derartige Verhältnisse gewohnt zu sein, ich ziehe meine Schuhe aus, kremple die Hose hoch und versuche, gar nicht darüber nachzudenken, als ich den Fuß in das eiskalte Wasser setze. Während meine Zehen taub werden, bugsiere ich das Fahrrad durch das Flussbett und über die glitschigen Steine auf die andere Seite. Marius ist schon drüben.

Zahlreiche Erdrutsche versperren die Straße, meist aber nur eine Fahrspur, sodass man gut daran vorbeikommt. Einige der Erdmassen werden von Arbeitern mit Baggern und Schaufeln beseitigt, an anderer Stelle scheint man sich die Mühe sparen zu wollen, aus der Erde auf der Straße ragen schon Pflanzenstengel und Sträucher, die auf diese Weise die Straße zurückerobern. Davor hängt manchmal ein gelbes Flatterband, auf dem „Peligro“ steht.

In den folgenden Tagen beschränkt sich der Regen zum Glück auf ein bis zwei Stunden täglich. Im Juli ist in Ecuador eigentlich Trockenzeit. Wenn das, was wir hier in den letzten Tagen erlebt haben, die Trockenzeit ist, will ich die Regenzeit nicht erleben.

This Post Has 2 Comments

  1. Durchhalten, durchhalten, durchhalten…

    1. Inzwischen haben wir zum Glück besseres Wetter!

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