„Hat dein Vater dir das erlaubt?“

„Hat dein Vater dir das erlaubt?“

Als wir am Donnerstag durch Bagua Grande kommen, hat Marius für mich ein vegetarisches Restaurant ausgesucht. Dort wird zwar kein Fleisch serviert, aber ein wirklicher Gewinn ist das leider auch nicht. Die Beilagen auf der Karte, die wohl ein ganzes Hauptgericht darstellen sollen, sind genau dieselben, die es überall anders auch gibt. Also esse ich mal wieder Reis mit Eiern und Bohnen. Als Vegetarier hat man in Südamerika nichts zu lachen und meist auch nichts Leckeres auf dem Teller.

Danach besuchen wir den Markt der Stadt, um für den Abend einzukaufen. Von Nudeln und Reis haben wir die Nase gestrichen voll, also wollen wir Pfannkuchen machen. Das wird ein Experiment, denn wir haben kein Mehl und keine Pfanne, sondern nur zwei Kochtöpfe. Ich beschließe, den Teig aus Bananen und einem Rest Haferschrot, den wir dabei haben, mit Eiern und Zucker anzurühren. Auf dem Markt treiben wir sogar eine Packung Milch auf.

Bereits seit einigen Tagen suchen wir in den größeren Ortschaften nach einem Schneider. Es scheint, dass einige Ausrüstungsteile der Belastung nicht gewachsen sind, darunter zu meinem großen Ärger auch eine teure Marken-Fahrradhose, die ich erst kurz vor der Reise gekauft habe. Das Material ist einfach gerissen, nicht an der Naht, sondern mitten im Stoff. Als wir vom Markt kommen, überlegen wir, wo wir nun wohl eine Schneiderei finden könnten und wären wir so dastehen, fällt uns auf, dass der Zufall uns direkt vor eine gespült hat. Auf der anderen Straßenseite ist ein schmaler Hauseingang, über dem Sastrería steht. Im Flur stehen dort hintereinander drei Nähmaschinen, an zweien davon sitzt jeweils ein älterer Herr und näht. Wir zeigen unsere Sorgenkinder, die Fahrradhose, eine Regenhose und einen Handschuh. Er macht sich gleich an die Arbeit.

Unsere draußen abgestellten Fahrräder ziehen mal wieder Aufmerksamkeit auf sich und wir werden angesprochen. Ich weiß nicht, ob dem Mann der benachbarte Laden gehört oder er einfach nur so auf einem Stuhl davor sitzt, jedenfalls fragt er uns, woher wir kommen. „Aus Deutschland“, sage ich. Das Gespräch findet auf Spanisch statt, der Einfachheit halber gebe ich es aber auf Deutsch wieder. „Ah, ah, Berlin!“, nickt er wissentlich. „Nein, aus Hamburg, das liegt im Norden.“, kläre ich ihn auf.

Marius geht noch Einkäufe erledigen, und so finde ich mich alleine den neugierigen Fragen ausgeliefert. „Wie viel kostet eine Tasse Kaffee in Deutschland?“ „Etwa 3,50€, das sind so 12 Sol.“ Das scheint für ihn ziemlich teuer zu sein. „Wohin fahrt ihr?“ „Nach Saõ Paulo in Brasilien. Wir haben fünf Monate Zeit.“ Er schaut ungläubig, ich sehe, wie er nachdenkt, vielleicht überlegt er, ob er mich falsch verstanden hat. „Alles mit dem Fahrrad?“ „Ein bisschen auch mit dem Bus.“ „Kannst du nicht Auto fahren?“ „Doch, schon, ich habe auch einen Führerschein, aber ich fahre lieber Fahrrad.“ „Und wie viel kostet das? Der Flug aus Deutschland?“ „Etwa 1000€, hin und zurück.“, erkläre ich. Jetzt kommt der Peruaner erst richtig in Fahrt. Ob ich denn auch die Erlaubnis meines Vaters dazu hätte, will er wissen, und ob Marius und ich denn verheiratet wären, ob mein Vater den Flug bezahle und er wohl einen eigenen Laden habe (Das scheint für ihn das Höchste zu sein, was ein Mann an Stellung in der Gesellschaft erreichen kann: ein eigenes tienda). Da muss ich nun etwas weiter ausholen. „Nein, mein Vater ist Polizist und ich brauche seine Erlaubnis nicht. Ich bin 25 Jahre alt.“ Während er hierfür noch ein wenig Verständnis aufzubringen scheint, quittiert er meine Erläuterung, dass Marius und ich zwar ein Liebespaar wären, aber nicht verheiratet, mit kritischem Blick. Auch meine Versicherung, dass das in Deutschland normal sei, kann ihn nicht beruhigen. Um seine patriarchale Gesellschaftsvorstellung nicht endgültig zu zerstören, beantworte ich seine Nachfrage danach, ob mein Vater den Flug bezahlt habe, mit Ja, obwohl ich die Reise aus eigener Tasche finanziere und in Deutschland zwei eigene Jobs hatte. Während der Unterhaltung bin ich so sehr auf die Verteidigung meines Weltbildes fixiert, dass ich ganz vergesse, auch ein paar Gegenfragen zu stellen. Vielleicht ist das besser so, denn auf diese Weise behält das Gespräch einen heiteren Unterton, statt zur kulturellen Grundsatzdiskussion auszuarten.

Eine Viertelstunde später verlasse ich die Schneiderei, mit reparierter Kleidung, 5 Sol ärmer und um eine Erfahrung reicher.

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  1. Scheinbar scheint Internet fast ueberall zu funktionieren; und wachen darum die von Euch besuchten Dorfbewohner (leider !!??) bald von ihrem Dornroeschenschlaff auf??

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