Die Festung auf dem Berg

Die Festung auf dem Berg

Die letzten Kilometer vor Chachapoyas sind eine Quälerei. Als wir in der Stadt ankommen, ist es bereits 17 Uhr. Immer, wenn wir in eine Stadt kommen, haben wir viel zu erledigen, so auch heute. Wir brauchen eine Unterkunft, müssen dringend etwas essen, unsere Wäsche waschen und ins Krankenhaus, um mir eine Auffrischung der Tollwutimpfung zu besorgen, nachdem ich am Morgen auf dem Weg aus Cocachimba von einem Hund ins Bein gebissen wurde. Nachdem wir unsere Sachen in einem Hostel und die Wäsche in einer Lavandería abgeladen haben, ist der Hunger so groß, dass wir eine Pizzeria aufsuchen.

Wir bestellen, und Marius möchte ein Bier zum Essen. „Wollen Sie es kalt haben?“, fragt die Bedienung. Marius schaut irritiert. „Äh…ja?!“, antwortet er und regt sich, als die Kellnerin gegangen ist, über die dämliche Frage auf. Wer bestellt den Bier in Zimmertemperatur? (Er sagt mir mehrmals, dass ich diese Unverschämtheit unbedingt in den Blog aufnehmen müsse, also hier, bitte Schatz.)

Auf die Pizzen warten wir eine geschlagene Stunde, obwohl es nicht voll ist. Anschließend suchen wir das städtische Krankenhaus auf, inzwischen ist es dunkel. Was zuerst auffällt, ist, dass es in der Notaufnahme keinen Empfang gibt, sondern nur eine Kasse. Also werde ich dort vorstellig und schildere, was passiert ist und was ich möchte. Das habe ich mir vorher mit Google Übersetzer zurechtgelegt, denn mit meinem Standardvokabular hätte ich das nicht erklären können. Wir sollen morgen früh um 7:00 Uhr wiederkommen, wird uns gesagt. Luba und Tom haben uns schon darauf vorbereitet, dass wir möglicherweise abgewimmelt werden, weil der Impfstoff nicht vorrätig ist oder weil die Peruaner einen Hundebiss nicht für behandlungswürdig halten. Also gehen wir erstmal zurück ins Hostel. Die Stadt ist übrigens sehr hübsch und aufgeräumt, es gibt sogar eine Fußgängerzone mit Cafés. Kleine Balkone verzieren die weißen Fassaden. Die Polizei ist hier sehr präsent.

Ein Krankenhaus in Peru

Am nächsten Morgen stehen wir früh auf, um pünktlich im Krankenhaus zu sein. Wir werden zwischen den Stationen hin und her geschickt, jeder erzählt uns etwas anderes, hier lang, nein, da lang. Die erste halbe Stunde irren wir durch die Gänge, bis eine Mitarbeiterin sich erbarmt und die Führung übernimmt. In einem der vielen Innenhöfe steht ein kleines Häuschen, über der Tür ein Schild mit einer Mücke und einem Hund darauf. Das hätten wir alleine niemals gefunden. Sie schließt auf, den Impfstoff hat sie in einer Kühlbox dabei und spritzt in mir in den Oberarm. Dann lächelt sie, „Fertig!“, sagt sie. Als wir nach der Rechnung fragen, um vorne an der Kasse zu bezahlen, winkt sie ab. „Das ist gratis.“ Das freut uns natürlich. So sparen wir uns den Stress mit der Reisekrankenversicherung. In Peru werden die Einheimischen fünfmal gegen Tollwut geimpft. Wir haben vorbeugend drei Spritzen bekommen, jede kostet in Deutschland 80 €.

Kuélap

Da der Krankenhausbesuch schneller abgehakt ist, als gedacht, erwischen wir noch den Touristenbus nach Kuélap. Das ist die Ruinenstätte einer Vor-Inkakultur, der Chachapoya. Diese liegt natürlich hoch in den Bergen, aber es gibt seit etwa zwei Jahren eine Seilbahn für die Lauffaulen. Zu denen zählen wir uns heute auch mal.

Die Seilbahn ist die erste öffentliche in Peru, für die Einheimischen ist das etwas ganz besonderes. Sie filmen während der gesamten Fahrt. Oben angekommen müssen dann auch die Faulen noch etwa 20 Minuten laufen. Kuélap ist eine Festung mit gut erhaltener Außenmauer. Durch einen schmalen Eingang steigen wir eine Treppe nach oben, dann weitet sich das Sichtfeld und wir sind mittendrin in den Resten der uralten Stadt auf der Spitze des Berges. Von den zahlreichen, runden Häusern sind nur die Außenmauern bis auf Hüfthöhe erhalten, aber sie sind so zahlreich, dass man sich gut vorstellen kann, wie die Stadt aufgebaut gewesen sein muss. Zwischen den Ruinen führt ein mit Holzstiegen markierter Pfad entlang, auf dem wir einen Rundgang machen. Es ist sehr voll, aber der Pfad schlängelt sich so geschickt über das Gelände, dass man sich zwischendurch trotzdem immer mal wieder alleine zwischen den Häusern wiederfindet. Sie sind einfach gebaut, aus grob behauenen Steinen geschichtet, ihre runde Form verleiht ihnen ein uriges Aussehen. Dieses wird noch verstärkt durch die mit Lianen behangenen und von Moos bewachsenen Bäumen, die überall dazwischen wachsen. Heute sind sie die einzigen Bewohner. Ich finde es toll, dass man sie bei den Ausgrabungen hat stehen lassen, denn so bleibt die Atmosphäre des Entdeckens erhalten. Es gibt sogar einen Tempel, der eine ungewöhnliche Form hat und sich nach unten hin verjüngt. Daher wird er auch El Tintero, das Tintenfass, genannt. Außerdem gibt es zwei Wachtürme.

Das Gelände ist viel größer, als wir dachten, es umfasst etwa 300 Gebäude, die sich auf einer Fläche von 580×110 m erstrecken.

In Kuélap treffen wir auch Luba und Tom wieder.

Kleines Rezept

Als wir zurück in der Stadt sind, kochen wir Abendessen. Es gibt Reis mit Salat, Käse und Avocadocreme. Avocados sind eine wunderbare Zutat, denn sie sind nahrhaft, leicht zu bekommen und billig. Eine kostet etwa 0,60 €, und die ist dann doppelt so groß wie die in deutschen Supermärkten. Mit etwas Knoblauch, Zwiebeln, Limettensaft, Salz und Pfeffer kann man sie zu allem essen. Tom und Luba haben uns auf die Idee gebracht, sie ernähren sich sogar vegan, was mir großen Respekt einflößt.

Zwölf Stunden Busfahrt

Wir sind zu langsam, das wissen wir schon seit längerem. Daher müssen wir, um im Zeitplan zu bleiben, einen Streckenabschnitt mit dem Bus überspringen. In Ecuador haben wir sehr gute Erfahrungen damit gemacht, hier ist der Bus, vor dem wir nun stehen, deutlich kleiner, er hat nur etwa 35 Plätze und einen winzigen Gepäckraum. Unsere Fahrräder müssen also aufs Dach. Zunächst wehre ich mich dagegen, aber der Bus hat eine Kunststoffschale für Gepäck oben drauf und es wird ein Netz darüber gespannt, das beruhigt mich.

Hoffentlich kommt nicht später noch jemand, der einen Plasmafernseher oder eine Ziege zu transportieren hat. Für die Strecke von 389 km brauchen wir zwölf Stunden. Zum Glück haben wir kein schreiendes Kind an Bord oder den eigentlich obligatorischen Dauertelefonisten, der lautstark Gespräche am Handy führt. Trotzdem ist die Fahrt, grob zusammengefasst, furchtbar. Es geht in Serpentinen rauf und runter und wieder rauf. Mir ist übel. Die Straße bis Celendin ist einspurig, wenn uns also jemand entgegenkommt, brüllen die Fahrer sich aus geöffneten Fenstern laut an, wer zurückfahren soll, hupen und rangieren nur Centimeter am Abgrund entlang. Erstaunlicherweise klappt es immer irgendwie und niemand scheint dem anderen die Schreierei übel zu nehmen. Als wir in Cajamarca ankommen, mit leeren Mägen und auf wackeligen Beinen, ist es bereits dunkel. Es gibt ein Hostel eines Fahrradbegeisterten in der Stadt, der sogar Englisch versteht. Leider ist er voll belegt, aber er will uns unbedingt versorgt wissen, seine Mutter serviert erstmal heiße Schokolade und Kekse, Carlos organisiert derweil, dass wir bei einer Freundin eine Straße weiter unterkommen. Sie ist Zahnärztin und hat ein großes Haus. Dort fallen wir erschöpft ins Bett.

This Post Has 2 Comments

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