Morgens sind die Schatten lang

Morgens sind die Schatten lang

Wegen der großen Hitze tagsüber beschließen wir, unseren Tagesplan umzustellen. Also stehen wir ab jetzt um 5:30 Uhr auf, bauen das Zelt ab, packen zusammen und fahren um 6:30 Uhr los. Es ist so kühl, dass wir Jacken und Handschuhe tragen müssen, die Sonne leuchtet rötlich von der Seite und wirft lange Schatten auf den Asphalt. Nach 15 km gibt es dann eine Frühstückspause. Marius telefoniert mit seiner Schwester, sie sucht uns gerade eine Ferienwohnung für November in Rio aus. Bis es 13 Uhr ist, fahren wir nochmal 30 km. Der Mittagssonne entgehen wir, indem wir zwei Stunden Siesta machen. Die Strategie macht sich bezahlt: Wir schaffen 68 km, das ist viel für unsere Verhältnisse. Am Samstagabend kommen wir in Agua Caliente an, einem Ort, der, wie der Name schon vermuten lässt, über eine heiße Quelle verfügt. Ich stelle mir einen Tümpel zwischen den Felsen vor, mitten in der Natur zwischen Bäumen. Tatsächlich finden wir aber ein ausgebautes Freibad vor. Dieses ist gut besucht, vor allem Kinder planschen im Licht der untergehenden Sonne im warmen Wasser. Hinter dem Schwimmbad ist eine große Wiese, wo wir campen dürfen. Das ist hier immer sehr unbürokratisch: Man fragt einfach, die Leute sagen fast immer Ja, niemand stört sich daran, selbst dann nicht, als wir unseren Gaskocher aufbauen. Nur ein paar neugierige Hunden kommen herüber und beschnüffeln unsere Taschen, alle anderen beobachten uns aus sicherer Ferne. Fremde scheinen hier etwas Besonderes zu sein, besonders, wenn sie so groß sind. Selbst die Männer hier kommen kaum über die 1,65 m hinaus.

Wir essen zu Abend und als wir uns in das warme Wasser des Schwimmbeckens legen, ist es bereits dunkel. Der Wasserspiegel geht mir nicht mal bis zur Hüfte. Vielleicht können viele Menschen hier nicht schwimmen.

Cajabamba

Am nächsten Morgen fahren wir wieder früh los. Ein paar Bodegas haben schon auf und wir decken uns mit Wasser ein. Mittags erreichen wir Cajabamba. Im Zentrum gibt es einen kleinen, gepflegten Park vor der Kirche, auf dem erstaunlicherweise kein Müll liegt. Wir entdecken bald, wieso: Mehrere Angestellte der Stadt sind permanent damit beschäftigt, die Anlage sauber zu halten. Die Mentalität in Peru (und auch in Ecuador) in Sachen Müll und Umweltschutz ist eine andere, als wir sie in Deutschland kennen. Überall, in den Städten, an den Straßen, auf den Wiesen und in den Flüssen liegen Klumpen von verformtem und verfärbtem Plastik, selbst in den Vorgärten der Menschen stapelt sich der Unrat. Mich wundert, dass es sie selbst vor ihrer eigenen Haustür nicht zu stören scheint, dass niemand den Drang verspürt, sein Umfeld schön und sauber zu haben.

Auf einer Bank machen wir uns Sandwiches. Hier gibt es einen richtigen Supermarkt, wo wir sogar Käse dafür bekommen. Es ist ein Festmahl. Danach legen wir uns auf die Wiese und dösen vor uns hin. „Hannah?“, höre ich plötzlich jemanden fragen. Zuerst denke ich, dass jemand anderes gemeint sein muss, denn ich kenne hier schließlich niemanden. Aber der kleine bebrillte Mann, der direkt vor mir steht, scheint nicht nur mich, sondern auch Marius (den er als Marcus anspricht) sehr wohl zu kennen. Es stellt sich heraus, dass er der Cousin von Carlos, unserem Gastgeber in Cajamarca, ist. Er führt ebenfalls ein Hotel und hat uns, wie er freudestrahlend berichtet, schon erwartet. In seinem Gesicht spiegelt sich eine große Freude, als hätte er einen wertvollen Fund gemacht. Am liebsten will er uns direkt mit in sein Hotel nehmen. Er zeigt uns Bilder von anderen Radfahrern, die er schon bewirtet hat. Es scheint, als würde er Radfahrer sammeln. Leider müssen wir seine Einladung ablehnen, denn es ist erst mittags und wir wollen heute noch weiter. Er ist merklich enttäuscht, hat aber Verständnis. So verabschieden wir uns und verlassen kurz darauf die Stadt.

Am Abend finden wir uns auf einer Bergstraße wieder, die, anders als wir es gewohnt sind, nicht kleine Dörfer miteinander verbindet, sondern in Abständen immer wieder von einzelnen Häusern und Feldern gesäumt ist, als hätte man ein geballtes Dorf entknotet und auf eine lange Schnur gezogen. Dieser Umstand ist ungünstig für uns, da es hier keine einsamen Ecken gibt, wo wir unbemerkt zelten können. Bald wird es dunkel und wir entscheiden uns daher, hinter einem leerstehenden Haus unser Lager aufzuschlagen. „Se vende“ steht an die Hausfront geschrieben. Das Gebäude schirmt uns von der Straße ab und vom Grundstück aus hat man einen tollen Blick auf die Berge. Wie setzen und auf die Veranda und kochen. Ganz unbemerkt sind wir doch nicht geblieben, ein junger Mann steigt den Hügel hinauf zu uns. Er hat uns von seinem Haus aus gesehen und wollte nach dem Rechten schauen. Es stellt sich heraus, dass das verlassene Lehngebäude ihm gehört, seine Großeltern haben hier früher gelebt. Wir bitten ihn um Erlaubnis, die Nacht hier bleiben zu dürfen, er hat nichts dagegen.

Nach Hause telefonieren

Am nächsten Tag versuche ich, meine Schwester zu erreichen, die heute Geburtstag hat. Nur ganz kurz kann ich sie sprechen, denn sie ist gerade unterwegs und die Verbindung reißt immer wieder ab. Um das einmal klarzustellen: Ich bin in den peruanischen Bergen in einem winzigen Dorf, sie in einer deutschen Stadt. Ich habe feinstes 4G Netz, sie hat E oder eben auch mal gar keinen Empfang. Über WhatsApp telefonieren kann sie nur im WLAN. Was soll man dazu noch sagen?

Die ersten 1000 Kilometer

Die Landschaft in der Region, die wir heute durchfahren, ist wunderschön. Man ist immer von Bergen umgeben und ab und an passieren wir kleine Eukalyptuswälder und Avocadoplantagen. Heute ist ein besonderer Tag für uns, denn wir knacken die 1000-Kilometer-Marke, als wir am Mittag an einem Bergsee, der Laguns Sausacocha, vorbeikommen. Wir freuen uns sehr darüber, 1000 km nur auf dem Fahrrad in Südamerika zurückgelegt zu haben. Natürlich ist das nur ein Bruchteil dessen, was wir noch vorhaben, aber es zeigt unseren Fortschritt. Die Strecken, die wir zwischendurch mit dem Bus gefahren sind, stecken in diesen 1000 km nicht mit drin, das ist reine Pedalleistung!

Baden darf man in dem See nicht, aber wir machen trotzdem eine Rast, die in erster Linie damit zu begründen ist, dass wir beide heute einen Platten haben. Vor zwei Stunden haben wir einfach mal nachgepumpt und sind dann weiter gefahren, aber es ist klar, dass das geflickt werden muss. Für Marius‘ Rad ist es der dritte Platten in fünf Wochen. Wir sind ein bisschen enttäuscht von Schwalbe, dem Hersteller. An meinem Fahrrad ist es der erste Platten. Selbstverständlich sind es wieder beide Hinterräder, die Marius nun ausbauen muss.

Klopapier kostet extra

Trotzdem schaffen wir es an diesem Tag noch bis Huamachuco, wo wir uns für 50 Sol ein Hotelzimmer gönnen. Es scheint eins der besseren Hotels zu sein, was sich bald als Irrtum entpuppt: Wir bekommen keine Handtücher und Klopapier ist auch keins da, auf unsere Nachfrage verlangt der Eigentümer von uns, für das Klopapier extra zu bezahlen. So weit kommt es noch! Da ziehen wir lieber selber los und kaufen welches. Als wir unsere Fahrräder ins Zimmer schieben wollen, sagt er, wir sollten sie im Hof abstellen, beim Reinschieben könnten wir im Zimmer etwas beschädigen. Ich stoße die Metalltür auf. Der Boden ist gefliest, außer dem Bett gibt es keine Möbel, von den in grauenhaft orangener Farbe gestrichenen Wänden platzt die Farbe ab. Was sollen wir hier beschädigen können? Um keinen Kleinkrieg heraufzubeschwören, versprechen wir, vorsichtig zu sein und bugsieren die Räder unter Aufsicht hinein.

Unsere Wäsche wollen wir zu einer Lavandería bringen, die finden wir aber nicht. Es war ein Fehler, der wirren und unpräzisen Wegbeschreibung des Hotelbesitzers Glauben zu schenken. Sowas kommt leider häufiger vor. Wenn man die Einheimischen fragt, wo sich etwas befindet und sie es nicht wissen, geben sie das ungern zu. Stattdessen ergehen sie sich in diffusen Angaben, die einen in die Irre führen.

Letztlich wasche ich die Sachen von Hand unter der Dusche. Im Zimmer ist es eiskalt, also schlafen wir in den Schlafsäcken. Eigentlich fehlen uns die festen vier Wände und das Dach über dem Kopf gar nicht, wir zelten viel lieber und duschen dann in den öffentlichen Baños.

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