Der vierte Platten in 1000 km

Der vierte Platten in 1000 km

Bevor wir aus Huamachuco loskommen, ist es 12:00 Uhr. Das hat mehrere Gründe. Erstens schlafen wir heute mal aus, und zwar bis 8:00 Uhr. Zweitens texte ich für den Blog, sortiere Fotos und schreibe eine Nachricht an meine Oma. Dabei vergeht die Zeit viel schneller, als ich es mitbekomme. Marius ist in der Stadt unterwegs, um unser Guthaben für das mobile Internet aufzuladen und auf dem Markt einzukaufen. Zu seiner Beute gehört auch ein Stück echter gelber, gereifter Käse. Das ist schon jetzt mein goHighlight des Tages. Als wir so dasitzen und unsere Brötchen essen, kommt eine Frau mit Kind auf uns zu, offensichtlich keine Einheimische. Sie trägt Outdoor-Kleidung und einen Merino-Schlauchschal über den Haaren. „¿Hablas español?“, fragt sie Marius, und setzt gleich hinterher: „Where are you from?“ „Alemania“, antwortet er und zu unserem Erstaunen setzt Marilyne das Gespräch daraufhin in fliesendem Deutsch fort. Dennoch verrät ihr Akzent, dass ihre Muttersprache Französisch ist. Ihr Mann sei Deutscher, erklärt sie, während sie nach ihm und ihrer Tochter Ausschau hält. Sie habe uns gestern auf der Straße gesehen, erzählt Marilyne, und gewunken, aber wir hätten sie nicht bemerkt. Sie und ihr Mann sind mit ihren beiden Kindern unterwegs, seit sie vor zwei Jahren in Alaska gestartet sind. Das scheint eine beliebte Route zu sein. In Alaska, so berichtet sie, begegnet man vielen Fahrradfahrern, die dort ihr Abenteuer beginnen, aber in den USA gäbe es dann so viele unterschiedliche Wege, dass sich alle zerstreuten. Nun freut sie sich, in Peru wieder welchen zu begegnen. Wir unterhalten uns lange und angeregt. Auch die Französin wurde schon von einem Hund gebissen, in Ecuador, hatte aber weniger Glück als ich. Ihre Wunde entzündete sich und sie musste operiert werden. Während wir uns unterhalten, klettert ihr Sprössling auf ihrem Rücken herum, grinst mich an und versteckt sich dann wieder hinter seiner Mama. Die Familie ist anscheinend zu einiger Bekanntheit gelangt, immer wieder werden die Eltern von Zeitungen oder im Fernsehen interviewt. Das Reisen mit zwei kleinen Kindern ist sicherlich nochmal deutlich anspruchsvoller, denn die Kleinen fahren in einem Anhänger mit. Diese Art zu reisen nötigt mir großen Respekt ab. Wie großartig ist es denn, wenn man die Möglichkeit hat, seine Lebenszeit so effizient zu nutzen und mit der eigenen Familie die Welt zu bereisen? Wenn die Kinder eingeschult werden, haben sie dann schon mehr erlebt als mancher in seinem ganzen Leben und sprechen außerdem fließend Spanisch. Trotzdem bin ich in diesem Moment dankbar, nur die Verantwortung für mich selbst zu tragen.

Hinter Huamachuco gibt es mehrere Möglichkeiten, weiterzufahren. Zunächst wäre da die PE-3N, die asphaltierte Straße, die wir hierher genutzt haben, dann einige einsamere Straßen, die nur in Abschnitten oder auch gar nicht asphaltiert sind. Auf iOverlander lesen wir, dass die eine Route derzeit gar nicht passierbar ist, wegen Erdrutschen, eine weitere scheint eher ein Wanderpfad zu sein. Dieser ist laut Beschreibung so schmal, dass man die Taschen stellenweise von den Fahrrädern abnehmen müsste. Das klingt ja nach Abenteuer. Wir entscheiden uns für einen Mittelweg, die LI-116 und 115, und damit auch dafür, die PE-3N zu verlassen. Uns lockt die Aussicht auf weniger Verkehr, und ab Mittwoch fahren wir dann auf der 117, die wieder asphaltiert ist. Also biegen wir etwa 8 km hinter der Stadt auf einen Sandweg ab. Dieser ist mal verdichtet und lässt sich ebenso gut befahren wie Asphalt, dann wieder eher im Zustand einer Sanddüne, sodass wie schieben müssen. Diese Abschnitte sind glücklicherweise sehr kurz. Die fehlende Asphaltierung hält einzelne LKWs nicht davon ab, in beängstigender Geschwindigkeit die schmalen Windungen entlang zu brettern und uns hustend in den aufgewirbelten Staubwolken hinter sich zu lassen.

Das Panorama unterscheidet sich nicht wirklich von dem der letzten Tage. Ich würde gerne berichten, dass die einsameren Straßen mit atemberaubenden Landschaften aufwarten können, aber das ist bisher nicht der Fall. Die einzige Abwechslung, oder in diesem Fall wohl eher Verschandelung, ist ein Abbaugebiet am Berghang. Wir hören schon aus der Ferne das Knallen kleinerer Sprengungen. Das erklärt auch die Lastwagen. Sie transportieren, was auch immer da abgebaut wird.

Wegen unserer Trödelei am Vormittag kommen wir nicht weit. Glücklicherweise ist es an dieser weniger frequentierten Straße leicht, einen Zeltplatz zu finden. Marius macht heute sogar ein Feuer, denn auf über 3000 Höhenmetern ist es abends kalt. Die Glut erstirbt zwischen den Steinen, die wir darum aufgeschichtet habe, die Dunkelheit macht sich breit. Wir kriechen ins Zelt und schlafen beim Rauschen des vorbeifließenden Flusses schnell ein.

Am Morgen sind das Zelt, die Fahrräder und die Taschen mit Frost überzogen. Die Feuchtigkeit des Flusses hat sich in der ganzen Umgebung niedergeschlagen. Ich habe nicht gefroren, der teure Schlafsack war jeden Cent wert. Als die Sonne aufgeht, verwandeln die Eiskristalle sich in kleine Wassertropfen, die auf der Plane wie Perlen glänzen. Unser Atem bildet Wolken in der Luft. Marius macht Kaffee und Tee, ich rolle die Matten ein. Ein Peruaner kommt den Weg entlang und bittet uns, keinen Müll zurückzulassen und den Fluss nicht zu kontaminieren. Für uns ist das selbstverständlich, unseren Müll sammeln wir in einer Tüte und nehmen ihn immer mit, bis wir einen Mülleimer finden (was manchmal ein paar Stunden dauert). Dennoch ist das Engagement, das der Mann an den Tag legt, ungewöhnlich für hiesige Verhältnisse, aber es freut uns, dass es ein Bewusstsein für Umweltschutz zu geben scheint. Als wir zusammenpacken, sammeln wir gleich noch den Müll ein, der vor unserer Ankunft schon da war. Dann wollen wir los, Marius belädt sein Fahrrad, er entdeckt einen Platten. Wieder im Hinterrad. Es ist der vierte Platten in 1000 km. Das kann doch nicht sein! Immer, wenn er den Reifen flickt, prüft er den Mantel auf Löcher und Dreck, er scheint in Ordnung zu sein. Die Löcher sind immer in der Nähe des Ventils, aber nie an derselben Stelle. So verzögert sich unsere Weiterfahrt, denn wieder muss das Hinterrad ausgebaut werden. Inzwischen hat Marius (verständlicherweise) schlechte Laune und schimpft über den Reifenhersteller. Auf seiner Reise durch Kanada und die USA hatte er insgesamt zwei Platten in 11.000 km. Vor der Reise haben wir auf Empfehlung von Marathon Tour + auf Mondial Reifen gewechselt. Ob sich das nun als falsche Entscheidung herausstellt? Nun, ändern können wir es eh nicht mehr, einen Ersatzmantel haben wir nicht dabei, sondern nur zwei Schläuche.

Wir sind auf 3500 m Höhe, die Belastung durch die Sonne ist hier sehr intensiv. Ein leichter Wind weht. Um unsere Haut zu schützen, bedecken wir so viel wie möglich und ziehen Tücher über unsere Gesichter.

Bald erreichen wir die 117, eine Straße, die wieder asphaltiert ist. Über Kurven und Serpentinen führt sie, auf einige Kilometer gestreckt, wieder in tieferen Lagen, sodass wir uns bei der Abfahrt einfach rollen lassen können. Heute nehmen wir uns die Zeit, viel zu filmen und zu fotografieren. Dafür bietet sich die grün gesäumte Straße an. Abwechselnd fahren wir vor, um hinter der nächsten Kurve den jeweils anderen zu erwarten und in voller Fahrt zu fotografieren. Eine der Windungen ist enger als gedacht, Marius kommt in voller Fahrt die zuvor gerade verlaufende Straße herunter, nimmt die Kurve zu weit außen und fährt in ein zwei Meter breites und ein Meter langes Loch im Asphalt. Er knallt mitsamt dem Fahrrad hin, bleibt aber unverletzt, die Packtaschen haben den Sturz gut abgebremst und dank der Handschuhe bleiben ihm auch Abschürfungen erspart.

Wir kommen durch kleine Wälder, das ist eine nette Abwechslung zu der kargen und trockenen Landschaft. Aber auch die gibt es immer wieder, braun vertrocknete Felder und Wiesen mit Kühen, die an von der Sonne verbrannten Maisstängeln knabbern. Die Bauern ernten den Mais von Hand und treiben dann ihre Tiere auf die Äcker, um die Pflanzen als Futter zu verwerten. Die Schafe und Kühe sind angepflockt und haben mit dem Seil meist einen Radius von etwa 3 m, in dem sie sich bewegen können. Die Weiden sind nicht eingezäunt, also werden die Tiere so am Weglaufen gehindert. Dabei stehen sie den ganzen Tag in der prallen Sonne. Einen Wassertrog habe ich hier noch nie gesehen. Die Schafe tun mir besonders Leid, wie sie in ihrer dicken Wolle in der Hitze zwischen trockenen Halmen nach Futter suchen.

Wir kommen am Nachmittag nach Cachicadan. Schon am Ortseingang ist die Atmosphäre irgendwie bedrückend, ich kann gar nicht genau sagen, wieso. Es ist eine Kleinstadt mit vielen Häusern, aber ohne Menschen. Die Häuser sind nicht verlassen, aber alle Türen und Fenster geschlossen und anders, als wir es kennen, sitzen keine Leute auf Bänken davor. Die Schilder, die an einigen Fassaden hängen, verraten, dass es einige Geschäfte gibt, aber die haben alle geschlossen, obwohl Mittwoch ist. Am zentralen Platz sehen wir die ersten Bewohner. Sie sitzen auf der Bordsteinkante und starren vor sich hin, obwohl es einige Bänke auf der anderen Straßenseite gibt. Der Ort hat den Charme einer Endstation, die von Apathie regiert wird, wo die Leute existieren, aber nicht leben, wo, wie man so schön sagt, der Hund begraben liegt. Nicht nur ich empfinde die Stimmung derart bedrückend, auch Marius möchte schnell wieder verschwinden. Unseren Plan, hier ein Hotel zu suchen und in den heißen Quellen zu baden, verwerfen wir stillschweigend. Aus der Kleinstadt hinaus führt nur eine Schotterpiste, auf der wir mit zahlreichen Kipplastern um den vorhandenen Platz kämpfen müssen. Wenn sie vorbei brettern, ist das laut, da die Straße mit Steinen gespickt und sehr uneben ist. Es geht nur bergauf und bald bekomme ich Rückenschmerzen davon, immer wieder gegenzulenken, wenn die Fahrradreifen unter mir von einem Stein abgleiten und das ganze Rad plötzlich nach links oder rechts kippt. So zu fahren ist anstrengend, und das in doppelter Hinsicht. Erstens muss man sich immer konzentrieren und auf den Boden schauen, um Schlaglöchern und größeren Felsbrocken rechtzeitig auszuweichen und zweitens ist es körperlich anstrengend für Arme und Schultern. Aber natürlich gehört auch das zu einer Fahrradtour dazu, gerade in Peru, wir hatten schon deutlich mehr Asphalt als erwartet.

Am Abend campen wir hinter ein paar Bäumen an der Straße. Den Platz teilen wir uns mit einem Motorradfahrer aus Australien, der kurz nach uns dort ankommt.

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