Das gelbe Monster

Das gelbe Monster

Wir stehen auf, packen zusammen, fahren los und nach 130 m bemerke ich meinen Platten. Ja, schon wieder. Es ist der zweite an meinem Fahrrad und der sechste insgesamt, den wir in 1074 km haben. Inzwischen sind wir beide ziemlich enttäuscht von Schwalbe. Ein Satz Reifen kostet immerhin 80€ und wir sind die meiste Zeit auf Asphalt gefahren, haben sie also nicht übermäßig beansprucht. Marius ist besonders sauer und schmeißt Werkzeug auf den Boden, als der hartnäckige Mantel sich nicht von der Felge ziehen lassen will. Das Flicken kostet jedes Mal Zeit, die uns dann zum Fahren fehlt.

Baustellen

Es wird ein wirklich harter Tag. Wir fahren auf einer Schotterpiste, die Steine und der felsige Boden, der dazwischen zum Vorschein kommt, lenken das Fahrrad nach eigenem Willen. Stellenweise ist der Weg versandet, sodass wir gegen Widerstände anfahren müssen. Von dem dauernden Ruckeln bekomme ich bald Rückenschmerzen. Weiter hinten sind die Steine so groß, dass sie gar keine Fläche zum Fahren mehr bieten, wir kommen ordentlich ins Schlingern und müssen schieben. Dann erreichen wir die erste Baustelle. Die Straße ist gesperrt, ein Motorradfahrer und ein Lastwagen warten schon davor. Weiter oben am Hang sehen wir große Bagger auf und ab fahren. Anscheinend wird das Fundament aufgearbeitet, um hier asphaltieren zu können. Plötzlich wünsche ich mir, dass wir eine Woche später hier angekommen wären, dann hätten wir freie Fahrt auf einer nagelneuen Straße. Jetzt müssen wir aber warten, eine halbe Stunde, wird uns gesagt. Marius nutzt die Zeit, um in einem kleinen Rinnsal neben der Straße abzuwaschen und die wartenden Autos abzulaufen. Er fragt, ob uns jemand ein Stück mitnehmen kann, denn auf diesen Straßenverhältnissen kann man eh nur schieben. Aber niemand kann oder will. In Peru ist es üblich, per Anhalter zu fahren, wir sehen oft Einheimische an der Straße stehen und warten. Ich weiß nicht, ob es an unserem fremdländischen Aussehen oder den Fahrrädern und dem Gepäck liegt, dass uns nie jemand mitnimmt. Auf den Ladeflächen der LKWs und Pickups wäre jedenfalls genügend Platz

Hinter der Sperre fährt ein Bagger auf uns zu, wendet ungelenk und fährt zurück. Hinten dran hat er eine Reihe von Haken, die er durch die Erde zieht und sie somit aufwühlt. Die Straße sieht jetzt aus wie ein frisch gepflügter Acker, kleine Hügel von lockerer Erde und Steinen türmen sich hinter dem gelben Metallmonster auf. Wir dürfen passieren, aber da uns immer wieder schwere Maschinen entgegenkommen, müssen wir über die aufgetürmte Erde klettern, um Platz zu machen. Einer der Bauarbeiter schiebt mein Fahrrad von hinten an. Trotzdem ist es sehr anstrengend. Einige hundert Meter weiter scheint der Pflug seine Arbeit bereits verrichtet zu haben, eine Walze hat die Fläche eingeebnet und ein Wasserwagen fährt hinterher und durchnässt alles nochmal schön. Das wird eine Schlammschlacht. Schon nach einigen Metern staut sich der Matsch unter den Schutzblechen und bremst selbst unsere langsamen Schiebeversuche, glucksend und schmatzend lösen wir die Reifen immer wieder aus dem Schlamm und kämpfen uns voran. Schließlich erreichen wir das Ende der Baustelle. 4 km in zwei Stunden. Nun müssen wir erstmal die Bremsen und Reifen vom gröbsten Schlamm befreien. Marius reinigt den Riemenantrieb seines Fahrrads.

Vor uns liegt das Werk der Bauarbeiten des Vortags. Es ist zwar nicht geteert, aber frei von Steinen, verdichtet und eben. Darauf fährt es sich fast genauso gut wie auf Asphalt. Leider hält das nicht allzu lange an, bald sind wie wieder auf Schotterpisten unterwegs, erreichen die nächste Baustelle, und so weiter…

Nichts los hier

In Angasmarca angekommen habe ich absolut keine Lust mehr, weiterzufahren. Die Straßenverhältnisse sind übel, ich habe Rückenschmerzen und keine Kraft mehr. Allerdings ist die Kleinstadt kein Ort, wo man gerne mal einen Nachmittag verbringen würde. Unsere Versuche, eine Mitfahrgelegenheit zur nächsten Kleinstadt aufzutreiben, scheitern allesamt. Es gibt einige regelmäßige Verbindungen mit Kleinbussen an die Küste, aber da wollen wir ja nicht hin. Dass niemand durch die Berge fährt liegt an einer Verkettung unglücklicher Umstände, die von den oben bereits bemängelten Straßenverhältnissen ausgehen. Die Straßen in Richtung der Küste sind hingegen in gutem Zustand. Daher fahren die Leute, wenn sie nach Süden wollen, zuerst bis an die Küste und dann zurück ins Landesinnere. Das sind zwar viel mehr Kilometer, aber es geht trotzdem schneller und ist vor allen bequemer: Weniger Serpentinen, weniger Unebenheiten und Schlaglöcher.

Auf iOverlander, der App, finden wir einen Eintrag über ein kleines, frisch renoviertes Hotel mit angrenzendem Laden auf halber Strecke einer einsamen Verbindungsstraße, zwischen Angasmarca und Pisochava. Da hätten wir eigentlich schon skeptisch werden sollen: ein schönes Hotel an einer einsamen Straße? Naiv wie wir sind raffen wir uns auf und fahren los. Nach 4,4 km verkündet das Navi, dass wir links abbiegen sollen. Ich blicke nach links. Eine Kuh starrt mich an. Rechts grasen Schafe.

Wir sollen also quer über eine Kuhweide fahren? Auf der Karte ist hier eine Straße eingezeichnet. Die gibt es offensichtlich nicht, genauso wenig wie das Hotel. Also folgen wir weiter der Straße. Die ist übrigens schön ruhig und für Autos gesperrt. Bald erfahren wir auch, warum: Über einen Fluss wird eine neue Brücke gebaut, die Behelfsbrücke daneben besteht aus zwei durchgebogenen Stämmen, die über dem Abgrund hängen und einigen quer darüber gelegten Balken. Das Ganze sieht wie eine Hängebrücke aus. Überflüssig zu erwähnen, dass es kein Geländer gibt. Über die Querbalken wurden Sand und Bauschutt gekippt, die zwischen den einzelnen Streben durch bröseln, als wir einen Fuß darauf setzen. Aber es hilft ja alles nichts, wir müssen auf die andere Seite und dies ist der einzige Weg. Direkt am Fluss, der in der Trockenzeit eher ein am Grund des Flussbetts verlaufendes Bächlein ist, können wir campen. Wir sind immer dankbar, einen Schlafplatz mit fließendem Wasser zu finden. So können wir das Geschirr und uns waschen, außerdem ist das Geräusch des Wassers schön zum Einschlafen. Es gibt heute mal wieder Nudeln mit Zwiebeln und Tomaten, weil das die einzigen Zutaten sind, die wir tagsüber auftreiben konnten. Während wir beim Abendessen sitzen, kommen nach und nach einige Motorradfahrer vorbei. Ein paar schieben, andere fahren sogar über die Brücke. Als dann eine Frau ihre ganze Schafherde darüber treibt, wissen wir, dass diese Brücke definitiv stabiler ist, als sie aussieht.

Wir sind beide ausgelaugt und mies gelaunt, als wir schlafen gehen, es gibt solche Tage, an denen einem das Schicksal einfach den Mittelfinger ausstreckt.

Wasser und Essen

Am nächsten Tag ändert sich an den Straßenverhältnissen wenig: zuerst Schotterpiste, dann Baustelle mit grauenhaften Straßenverhältnissen, dahinter Matsch und dann frisch planiert. Die Landschaft ist wunderschön, wir sind dauernd umgeben von hohen Bergen und der Himmel ist den ganzen Tag strahelnd blau. Wann hat es zuletzt geregnet? Das muss noch in Ecuador gewesen sein.

Aber was uns momentan mehr beschäftigt, sind die Baustellen. Vor jeder muss man warten, bis ein orangenes Männchen sich genügend aufgespielt und wichtig gemacht hat und uns durchlässt. Man könnte meinen, sie bewachten die britischen Kronjuwelen und nicht den Eingang zu einer Kraterlandschaft. Es geht viel berauf, was die Sache nicht leichter macht, und wir haben kein Wasser und kein Essen mehr. Darum ist es ein freudiges Ereignis, als wir nach anderthalb Stunden hinter einer Kurve ein Dorf entdecken. Da können wir ein paar Kleinigkeiten einkaufen! Marius ist inzwischen faul geworden und lässt sich von einem der vorbeifahrenden Kipplaster ziehen.

Im Dorf finden wir Wasser, Ginger Ale und ein paar abgepackte Kokoscremeschnitten. Das ist eines von vielen Dingen, die ich an Südamerika nicht begreife: In jedem kleinen Dorfladen bekommt man Coca Cola und andere importierte Softdrinks, aber Gott bewahre, dass man mal Milch, ein Stück Obst oder auch nur eine Karotte haben will! Die findet man seltener. Wegen der körperlichen Anstrengung haben wir andauernd Hunger, aber weil es nichts Anderes zu kaufen gibt, stopfen wir uns vormittags mit Keksen und Crackern voll. Wir würden uns viel lieber ein paar Brötchen belegen, aber dafür fehlen uns 1. die Brötchen und 2. der Belag.

Es ist wieder ziemlich heiß und die Anstrengung von gestern sitzt uns in den Knochen. Auch heute schieben wir wieder viel. Am Mittag kommen wir an einem Bach vorbei. Zuletzt haben wir vor 8 Tagen Wäsche gewaschen und langsam geht uns die Kleidung aus. Also wasche ich ein paar unserer Sachen im Bach, ohne Waschmittel allerdings, denn der Bach ist die Lebensgrundlage der Menschen hier, die man nicht kontaminieren sollte. Die einfachen Hütten werden von den Landwirten bewohnt, die die jeweils umliegenden Felder bewirtschaften. Viele haben kein fließendes Wasser, sondern nur den Bach vor der Tür, und auch keinen Strom.

Die nasse Wäsche hängen wir wie immer an unsere Fahrräder. Ab da geht es zum Glück bergab, die Sonne und der Fahrtwind trocknen unsere Kleidung. Und so fahren wir mit wehenden Socken und Unterhosen in Santa Clara de Tulpo ein, wo wir nochmal ein paar Sachen einkaufen. Das gestaltet sich recht schwierig, denn die Läden haben geschlossen. Eine kleine alte Dame mit weißem Haar hilft uns, durch Rufen die Beisitzerin eines Laden herbeizuholen, sodass wir doch noch einkaufen können. Der Laden ist in einem der vielen Lehmhäuser, die hier üblich sind. Lehm ist billiger als Ziegel und hat darüber hinaus den enormen Vorteil, dass er gut isoliert. Im Laden ist es angenehm kalt und auch die Getränke brauchen keinen Kühlschrank. Lehmhäuser sind wegen der Flexibilität des Materials sogar erdbebensicher. Ich frage die alte Dame, ob ich sie fotografieren darf. Sie nickt, lächelt und neigt, als ich die Kamera zücke, schüchtern den Kopf, als wäre sie ein kleines Mädchen. Danach kauft sie ebenfalls ein, steigt dann mit einer Wendigkeit, die ich ihr nicht zugetraut hätte, von der hohen Bordsteinkante über einen breiten Rinnstein und verschwindet in einem Haus auf der anderen Straßenseite.

Schlimmer geht immer

Den Nachmittag über geht es viel bergab auf meist passablem Untergrund, wir sind inzwischen wieder auf der N3. Über viele Windungen führt die Straße hinab in ein Tal, um dort neben dem Fluss weiter zu verlaufen, da wollen wir lang. Die Abfahrtsstrecke den Hang hinab ist, wie könnte es anders sein, eine Baustelle. Die Strecke ist zum Glück schon planiert, nur kleine Steine liegen hier und da herum, es ist steil und die Kurven sind eng und schlecht einsehbar. Schilder fordern die Fahrer auf, vor den Kurven zu hupen. Das ist hier auch durchaus sinnvoll, um Kollisionen zu vermeiden. Die Abfahrt wird mir zum Verhängnis, ich habe mich wohl etwas zu doll in die Kurve gelegt und komme nun nicht mehr hoch, ich bremse, rutsche aber einfach weiter. Die Zeit reicht noch, um zu realisieren, dass ich stürzen werde, bevor es passiert. Auf dem von winzigen Steinchen überzogenen Boden schlittere ich noch einige Meter weiter, nachdem ich schon unelegant in die Waagerechte gerutscht bin. Zum Glück ist hier gerade kein Auto. Der Inhalt meiner Lenkertasche ist im Umkreis von drei Metern verteilt. Ich habe blutende Schürfwunden an den Handflächen, weil ich ausnahmsweise mal keine Handschuhe getragen habe, am Knie, Ellenbogen und der Schulter. Marius kommt angelaufen, sammelt erst mich, dann meine Sachen von der Straße und verarztet mich. Und ich dachte, gestern sei ein schlechter Tag gewesen. Trotzdem müssen wir weiter, runter von der Straße und runter vom Berg. Wir campen im Tal am Fluss und kochen das Abendessen in einem etwa 1 m tiefen und 2 m langen Erdloch, weil es oben zu windig ist, um den Kocher anzuheizen. Das ist alles andere als gemütlich. Die letzten Tage haben auch Marius merklich zugesetzt, er versucht nicht mal mehr, die Stimmung aufzuheitern.

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