Wassermangel

Wassermangel

Am Samstagmorgen haben wir zwei Optionen, wie wir weiterfahren können. Entweder den Berg hoch, 1000 Höhenmeter und 22 km nach Pallasca oder am Fluss entlang weiter nach Süden. Dort kommt laut Karte nach etwa 25 km eine Wasserstelle. Da wir wenig Wasser und Vorräte haben, wollen wir nach Pallasca, um dort einzukaufen. Es ärgert uns, dass wir für ein paar Liter Wasser und Kekse extra so weit hoch müssen, von unten kann man sehen, wie die Serpentinen sich die Bergwand hochwinden, oben fahren wieder mal Bagger auf und ab, der obere Teil der Straße verschwindet in Staubwolken. Das alles sieht nicht sehr einladend aus. Wir bemühen uns, eine Mitfahrgelegenheit aufzutreiben, aber in der halben Stunde, die wir uns an der Abzweigung postieren, kommen nur zwei Autos vorbei, eins rast durch, ohne auf unser Winken zu reagieren, im zweiten sitzen Bauarbeiter, die sagen, dass sie uns nicht mitnehmen könnten, weil es zu gefährlich sei. Gefährlich sieht die Straße tatsächlich aus.

Herausforderungen

Wir geben auf, uns bleibt nur die einsame Straße am Tablachaca Fluss entlang. Zumindest sieht es auf der Karte so aus und am Fluss verläuft sie auch tatsächlich, allerdings nicht daneben, sondern am Berg etwa 100 m weiter oben. Es geht rauf und runter, über Stock und Stein, die Sonne brät uns erbarmungslos. Auf dem Weg liegt Geröll, das wohl aus höheren Regionen hier herunter gestürzt ist, immer wieder gibt es tiefe Schlaglöcher oder Büsche wachsen einfach auf der Fahrspur. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass diese Straße selten genutzt wird. Sie verlangt unseren Fahrkünsten und unserer Konzentration alles ab. Besonders die Kurven bergen Gefahren, denn die Straße ist schmal und natürlich gibt es keine Leitplanke oder dergleichen, die uns vom Abgrund trennt. Schnell merke ich, dass ich nach dem Sturz gestern unsicher und nervös geworden bin und mich nicht in der Lage fühle, diese fahrtechnische Herausforderung zu meistern. Hier sind 100 % meiner Aufmerksamkeit gefordert und ich fühle mich wie ein entladener Akku. Ich schaffe das nicht. Aber wir müssen weiter, denn wir haben kein Wasser mehr. Marius sagt mir, dass wir uns keine Pausen erlauben können und ich weiß, dass er damit recht hat, dennoch macht es mich wütend, denn mein Körper verlangt nach Ruhe. Bald fangen wir an, uns zu streiten, weil ich überfordert bin und er das Gefühl hat, dass ich nicht am Strang zöge. Irgendwie reißen wir uns dann wieder zusammen, weil es halt einfach keine Alternativen gibt, wenn wir hier nicht vertrocknen wollen. An einem kleinen Wasserlauf, der den Berg hinunter zum Fluss fließt, füllen wir einen Liter Wasser ab und geben eine Tablette hinein, die Bakterien inaktiviert. Wir haben sie in Cuenca in einem Outdoorshop gekauft für genau solche Situationen. Da wir relativ hoch sind, ist es unwahrscheinlich, dass das Wasser bereits durch Bergbau oder Landwirtschaft verschmutzt ist. Trotzdem gehen wir ein Risiko ein, wenn wir es trinken, aber es ist besser als nichts.

Das Wasser im Fluss kann man jedenfalls nicht trinken, denn wir kommen an einigen Bergstollen vorbei und sehen auch ab und an große Baumaschinen unten im Flussbett. Wer weiß, was die da treiben und womit sie den Tablachaca kontaminieren. Je weiter wir nach Süden kommen, desto schmaler wird er, ausgedünnt von den Eingriffen des Menschen, bis das Flussbett ohne Wasser unter der Sonne liegt, eine ausgetrocknete, weiße Ebene aus Steinen und Sand, nur kleine Bäche verlaufen noch dazwischen. An den abgebrochenen Sandklippen links und rechts lässt sich erkennen, wie mächtig der Wasserlauf einmal gewesen sein muss, Dutzende Meter breit. Die Bäume im Flussbett verraten, dass hier schon länger kein Wasser mehr fließt, das sie entwurzeln und davontragen könnte.

Ausblicke

Landschaftlich ist dieser Streckenabschnitt der bisher unübertroffene Höhepunkt unserer Tour, wir fahren (oder schlingern) von einem Tal ins nächste, immer umgeben von mächtigen Bergwänden in verschiedensten Brauntönen, manchmal sehen sie im Licht der Sonne sogar rot aus. Jeder Berg sieht anders aus, alle haben sie ihre gigantischen Ausmaße gemeinsam. Einige fallen steil ab, als wollten sie sich in den Fluss stürzen, andere breiten sich weiter aus und strecken ihre sanft absteigenden Ausläufer wie tastende Finger nach ihren Nachbarn aus.

So richtig genießen kann ich das Panorama nicht, die Fahrt verlangt mir alles ab. Stunde um Stunde fahren wir, wir sind die Einzigen auf der Straße. Der Weg kommt mir unerträglich weit vor. Nach 17 km führt die Straße unten ins Flussbett. Von oben sehen wir ein Auto die drei Arme des Wasserlaufs durchqueren und im Gestrüpp auf der anderen Seite verschwinden. Soll das etwa der Weg sein? Wir fahren runter, um nachzusehen. Aber von da, wo wir sind, kommt man gar nicht ins Flussbett, weil die Sandklippen einige Meter beinahe senkrecht abfallen. Also schieben wir die Fahrräder wieder nach oben und fahren ein paar Kilometer zurück, wo wir eine weitere Verbindung nach unten gesehen haben. Diesmal schaffen wir es bis ins Flussbett. Der erste Wasserlauf ist nur etwa zwei Meter breit und hat wenig Strömung, wir ziehen unsere Schuhe aus und schieben einfach durch. Der zweite ist zehn Meter breit, 60 cm tief und hat sehr wohl Strömung. Nun begreife ich, dass das von oben zwar alles ganz winzig und schmal aussah, es aber nicht ist. Drei Wasserströme sind es insgesamt. Mit wie viel Druck das Wasser hier entlang schießt, kann man an den Steinen sehen, an denen es sich schäumend aufbäumt. Es ist laut. Wir nehmen die Taschen von den Fahrrädern ab, Marius läuft einmal Probe. Dann tragen wir erst die Taschen hinüber, was eine wackelige Angelegenheit ist, denn der Druck zerrt an unseren Beinen und der Untergrund, den wir nicht einmal sehen können, ist uneben. Die Steinen verrutschen unter unserem Gewicht. Ein paar der Taschen nehmen ein unfreiwilliges Bad, aber zum Glück verlieren wir nichts. Dann trägt Marius mein Fahrrad nach drüben. Es ist deutlich leichter als seins, da es kleiner und aus Aluminium ist, ein guter Testlauf also. Als er am anderen Ufer ankommt, taucht von Norden ein Auto auf.

Rettung

Ich stelle mich mitten auf den Weg, sodass der Fahrer anhalten muss. Wir bitten um Hilfe, da wir inzwischen keine andere Möglichkeit mehr sehen. Um 17 Uhr käme er zurück und würde wieder nach Norden fahren, solange müssen wir warten, sagt er. Sein Wagen ist voll besetzt mit Bauarbeitern. Zumindest haben wir jetzt eine Perspektive, auch, wenn wir uns nicht sicher sind, ob wir dem Mann trauen können und er wirklich zurückkommt und dann auch genügend Platz in seinem Auto hat. Die nächste halbe Stunde verbringen wir damit, die Sachen, die wir durch den Fluss getragen haben, wieder zurück zu tragen. Dann bauen wir aus unseren Fahrrädern, einer Plane und einer Schlafmatte einen Sitzplatz und dösen vor uns hin. Ich bekomme Nasenbluten von der trockenen Luft. Eine Stunde lang passiert erstmal gar nichts. Unsere Wasservorräte sind inzwischen aufgebraucht und Marius hat von dem Wasser aus dem Bach probiert, es schmecke nach Eisen, sagt er, aber er verträgt es gut. Um 16 Uhr schreckt uns ein Geräusch aus unserer Lethargie auf, es ist der Fahrer, der tatsächlich zurückkommt, sein Auto ist leer bis auf ihn, er hat die Arbeiter wohl irgendwo abgesetzt. Aber mitnehmen will er uns nicht, um 17 Uhr käme noch ein Auto, sagt er. Uns bleibt nichts Anderes übrig, als weiter zu warten. Das versprochene Auto kommt, es ist ein weißer Pickup. Vorne sitzen Fahrer und Beifahrer, auf der Rückbank vier Bauarbeiter, auf der Ladefläche nochmal zwei. Wir stellen uns wieder mitten in den Weg, damit sie anhalten, fest entschlossen, uns diesmal nicht abwimmeln zu lassen. Zuerst wollen sie uns nicht mitnehmen, aber dann zeigen wir meine Verletzungen vom Vortag und sie geben nach. Wir haben das Blut an meiner Nase extra nicht abgewischt, um noch ein bisschen hilfsbedürftiger zu wirken. Alle packen mit an und hieven Taschen und Fahrräder auf die Ladefläche, zwei der Männer springen von der Rückbank auf, um mir einen Sitzplatz anzubieten. Ich bin so glücklich, endlich hier weg zu kommen und unendlich dankbar, dass ich auch auf dem Dach mitgefahren wäre, aber die Herren bestehen darauf, dass ich einen Sitzplatz bekomme, und so fahren wir los, Marius auf der Ladefläche und ich eingequetscht zwischen drei von Staub grau gefärbten Peruanern, die zum Glück alle kleiner sind als ich, sonst hätte das nie gepasst.

Es folgen die üblichen Fragen, wo wir herkämen und wo wir hinwollten, welche Orte wir noch besuchen würden und so weiter. Ich erzähle, dass Marius die Route plant und ich alle Erlebnisse aufschreibe. Ob ich hiervon auch schreiben werde, fragen sie, und ja, das tue ich hiermit. Wir sind eingestiegen ohne zu wissen, wohin die Fahrt überhaupt geht, weil es uns egal war, aber nun finde ich heraus, dass die Männer in Pampas leben, einer Kleinstadt im Norden. Das ist die falsche Richtung für uns, aber es gibt dort ein Hostel, ein Restaurant und ein paar Läden, erzählen sie stolz, also erstmal alles was wir brauchen. Die Fahrt dauert zwei Stunden. Nach einer Stunde kommen wir wieder dort vorbei, wo wir morgens losgefahren sind. Dann geht es einen Berg hoch und weiter nach Norden bis Pampas. Die Straße nach Pallasca, wird mir erklärt, sei wegen der Bauarbeiten täglich von 7:00-19:00 Uhr gesperrt, nur nachts könne man passieren. Das erklärt auch, warum wir am Morgen so wenig Verkehr gesehen haben. In Pampas stützen wir in den erstbesten Laden, kaufen je drei Liter Cola und Wasser, dann in ein Restaurant am Marktplatz, wo es sehr spartanische Kost gibt, aber das ist uns egal. Marius verdrückt eine riesige Portion frittiertes Huhn mit Reis, ich bekomme Reis und einen Salat, danach kauft Marius sich an einem Straßenstand eine weitere Portion frittiertes Huhn. Für die Peruaner ist das Frittieren die ultimative Zubereitung, nahezu alles wird frittiert. „Warum war mein Salatblatt nicht frittiert?“, witzelt Marius. An einer Straßenecke liegt ein Hund auf dem Bürgersteig, Marius schmeißt den abgenagten Hähnchenflügel hinüber, er schlittert dem Hund genau zwischen die Vorderpfoten. Der schaut verdattert in alle Richtungen, begreift dann sein Glück, schnappt das Geschenk und verschwindet schnell zwischen den Häusern, bevor die Konkurrenz Wind davon bekommen kann.

Wir bieten dem Fahrer, unserem Retter, 100 Sol an dafür, uns nach Pallasca zu fahren. Gesagt, getan, weitere zwei Stunden im Auto, aber mit vollem Magen und erleichtertem Herzen. Die Straße nach Pallasca ist völlig aufgewühlt und zerrissen, sehr steil und im Dunkeln vom Abgrund kaum zu unterscheiden. Selbst bei Nacht wird hier gearbeitet, bei Flutlicht. Ich bin wirklich dankbar, dass wir da nicht mit dem Fahrrad hochfahren müssen. Am Ende verlangt er dann doch 150, aber das bezahlen wir gerne. Ohne ihn wären wir aufgeschmissen gewesen. In Pallasca finden wir ein Hotel am Marktplatz, das nur 18 Sol pro Nacht kostet und warmes Wasser hat. Der Innenhof ist üppig bepflanzt, die Flügeltüren zu den Zimmer sind blau gestrichen. Unseres hat sogar ein Fenster! Ich komme mir vor wie im Himmel. Die Dusche ist richtig heiß und wäscht den ganzen Staub ab. Das nutze ich gleich noch für unsere Wäsche.

Ein Tag im Kleinstadtleben

Am nächsten Morgen sehen wir uns um. Pallasca ist eine nette Kleinstadt. Wir gehen frühstücken, es gibt frischen Saft und Sandwiches, die ihren Namen nicht verdient haben. Dann drehen wir eine Runde am zentralen Platz und schauen, was es in den Läden zu holen gibt. Die Ausbeute ist gut: Cornflakes, Milch, Kekse, Zahnbürsten und Gummihandschuhe (die brauchen wir, wenn mal wieder ein Platten zu beheben ist). In der Mitte des Marktplatzes drängt sich etwa die Hälfte der Bewohner um einen Stand, wieso, können wir nicht erkennen. Auf den Gehwegen sitze ältere Damen und verkaufen ihr Gartengemüse. Dabei scheinen sie sich den neuesten Klatsch zu erzählen, schon von weitem hört man sie lachen. Im Haushaltswarenladen gibt es auch ein paar Fahrradteile, aber leider keine Flaschenhalterung. Das hätte mich aber auch sehr gewundert, wenn wir die hier bekommen hätten. Eine von meinen ist beim Sturz zu Bruch gegangen. Dafür haben sie Kabelbinder und Industriebenzin für unseren Campingkocher. Marius plant schon, wie wir weiter fahren könnten und wir überlegen, einen Bus zu einem der Küstenorte zu nehmen, um von dort aus weiter zu fahren. Aber die Küstenstädte haben den Ruf, von hoher Kriminalität belastet zu sein und eigentlich wollen wir auch gar nicht an die Küste. Dann lieber mit dem Fahrrad weiter. Marius steht schon in den Startlöchern, aber ich weigere mich schlicht. Ich will einen Tag hierbleiben und mich ausruhen. Das hier ist bestimmt kein Ferienort, aber das ist mir egal. „Aber hier gibt es nirgends WLAN, was soll ich hier denn einen ganzen Tag lang machen?“, beschwert mein Freund sich. Langweilen tun wir uns dann doch nicht. Wir gehen essen, es schmeckt zur Abwechslung sogar mal, schlafen, Marius flickt einen weiteren Platten, ich spiele mit den Katzen im Hof, abends schauen wir einen schlecht animierten Abenteuerfilm auf Spanisch auf einem flimmernden Röhrenfernseher. Es ist lustig, so im Bett zu liegen, alles mit Chips voll zu krümeln und sich das, was man an den Dialogen nicht versteht, dazu zu dichten. Die Story ist flach, also ist es nicht schwer, zu folgen.

Wieder am Tablachaca

Am Montagmorgen verlassen wir Pallasca. Da die Kleinstadt auf einem Berg liegt und wir über eine andere Straße wieder an den Fluss von vorgestern zu stoßen gedenken (allerdings viel weiter südlich), geht es nur bergab. Ich fahre inzwischen sehr langsam, an steilen Stelle schiebe ich nur. Auf der Straße sind nur noch dürftige Reste von Asphalt, die meiste Fläche haben sich die Steine erobert. Mein Vertrauen in meine Fahrtüchtigkeit hat gelitten. Ständig fühle ich mich wackelig und unsicher. Aber die Straßenverhältnisse werden bald besser und der Tag hält zur Abwechslung mal wenige körperliche Anstrengungen für uns bereit. Wir sind reichlich bepackt mit Essen und Wasser und gönnen uns nach 23 km ein zweites Frühstück. Ganz unerwartet kommen wir sogar an einem Laden vorbei, wo wir die Trinkwasservorräte noch einmal auffüllen können. Inzwischen sind wir auch wieder am Tablachaca Fluss angekommen. Von oben können wir die Stelle sehen, an der wir am Samstag aufgeben mussten. Die Straße, die wir nehmen wollten, ist verschüttet. Am Nachmittag kommen wir an einer Ruine vorbei, 2400-2000 v. Chr. verkündet ein Schild. Wir klettern ein bisschen auf dem Steinhaufen herum, der wohl mal so etwas wie eine primitive Pyramide gewesen ist, und entdecken Tunnel, die ins Innere führen. Da das Ganze ziemlich instabil wirkt, trauen wir uns nicht hinein. Man muss ja nicht gleich das nächste Desaster heraufbeschwören. Was uns wundert ist, dass die baufällige Anlage direkt an der Straße ohne irgendeine Absperrung herumsteht. In Deutschland wären die Tunneleingänge vergittern, alles eingezäunt und mit „Eltern haften für ihre Kinder“ – Schildern tapeziert.

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