Im Dunkeln

Im Dunkeln

Inzwischen haben wir wieder mehr Glück bei der Route. Hinter Pallasca ist die Straße asphaltiert und es geht flussabwärts. Wir stehen wieder um 5:30 Uhr auf, um der Hitze zu entkommen. Bis zur Flussgabelung sind es 26 km, dafür brauchen wir dank der idealen Bedingungen nur etwas über eine Stunde. Dort wird wieder Bergbau betrieben und es ist die Route, die die Busse an die Küste nehmen, also hat sich hier wieder eine Ansammlung kleiner Hütten gebildet, genannt Chuquicara. Der Ort liegt niedrig, daher bekommen wir hier frisches Obst und leckere Avocados. Hier fließt auch der Rio Santa in den Tablachaca. Nach einer kleinen Essenspause wechseln wir den Fluss, nun fahren wir entgegen der Fließrichtung und damit bergauf. Aber der beste Freund des Fahrradfahrers ist mit uns: Wir haben Rückenwind!

Die Gegend ist vom Fluss belebt, Büsche und Bäume wachsen an den sandigen Berghängen einige Meter über der Wasseroberfläche bis in etwa 30 m Höhe. Sie bilden eine grüne Grenze, denn darüber ist nichts als Sand und Gestein. Das sieht komisch aus, weil es wirklich eine exakt gezeichnete Linie ist, an der die Vegetation aufhört. Darüber trauen sich nur noch die Kakteen, Wurzeln zu schlagen, sie stehen wie Wachposten auf den Vorsprüngen des felsigen Untergrundes.

Ein Traum geht in Erfüllung

Während ich in meiner Träumerei versinke, bremst Marius vor mir plötzlich ab, wendet und hält an der anderen Straßenseite. Er grinst von einem Ohr zum anderen und winkt mich heran. Hinter einem Stacheldrahtzaun hat er eine Ananasplantage entdeckt. Dazu muss ich kurz etwas ausholen: Gleich zu Beginn unserer Reise haben wir die ersten Bananenbäume gesehen. Auf den Märkten hier gibt es eine Vielzahl an Früchten zu kaufen, die uns Europäern völlig unbekannt sind. Wir haben nach und nach viele dieser Früchte am Wegesrand wachsen sehen, von der Limette bis zur Kokosnuss. Marius wollte aber immer eine Ananaspflanze sehen und hat mir nicht geglaubt, dass sie nahe am Boden auf einem langen Stiel aus einem kleinen Busch herauswachsen, bis er es gegoogelt hat. Aber heute geht sein Traum in Erfüllung und wir sehen nicht nur eine, sondern hunderte Ananas wachsen. Sie sind alle noch recht klein, etwa 10-15 cm lang. Die Blätterbüschel auf ihren Spitzen sind kurz. Das macht sie irgendwie niedlich. Schneller, als ich gucken kann, hat Marius den Zaun überwunden und sich zwischen seine kleinen Lieblinge gestürzt, die Kamera im Anschlag

Tunnel im Berg

Das war dann auch schon das früh gekürte Highlight des Tages, was passiert sonst noch? Naja, wir fahren, machen Pause und essen, fahren weiter. Die Straße windet sich um die Füße der Berge, vor jeder Kurve steht ein Schild, das zum Hupen auffordert. Das ist sicherheitstechnisch zwar sinnvoll, aber auch laut, denn die Peruaner nehmen diese Aufforderung sowohl in Frequenz als auch in Intensitätsstufen übermäßig ernst. Der Wiederhall der Berge tut sein Übriges dazu. Bald klingeln uns die Ohren. Wir kommen auch durch einige Tunnel. Die sind nur einspurig, aber in beide Richtungen geöffnet, also wird vor der Einfahrt – überraschenderweise – gehupt. Da wir aber leise und langsam sind, werden die Tunnel für uns zur Nervenprobe. Die meisten sind zum Glück kurz, aber in einem der längeren höre ich einen LKW kommen, kurz nachdem ich hineingefahren bin. Also kehre ich um und trete den Rückzug an. Ein paar mal begegnen wir normalen Autos im Tunnel, dann pressen wir uns an die Seite und lassen sie vorbei. Das klappt ganz gut. Die Tunnel haben den enormen Vorteil, uns vor der Hitze draußen zu schützen. Beleuchtet sind sie selbstverständlich nicht, da ich von meiner Frontlampe eine Mutter verloren habe, mussten wir sie notdürftig mit einem Haargummi festbinden. Jetzt leuchtet sie immerhin die Decke schön aus, lässt die Straße vor mir aber im Dunkeln. Diese erspart mir zum Glück die üblichen Schlaglöcher. Ich hefte mich an Marius‘ Rücklicht und gelange so sicher auf die andere Seite.

Am Nachmittag überholen uns zwei Motorradfahrer mit Gepäck und Kameras am Helm, offensichtlich also auch auf Tour. Sie stammen aus Kolumbien und Ecuador und fahren neben uns her, um sich zu unterhalten. Mit unseren Spanischkenntnissen ist eine flüssige Unterhaltung ohnehin schwierig, aber wer schonmal versucht hat, bei Wind jemanden zu verstehen, der in fremder Sprache in seinen Motorradhelm brabbelt weiß, dass das nicht so ganz einfach ist. Bald düsen die zwei wieder ab, jedoch holen wir sie in der nächsten Kurve wieder ein. Der Wind tobt hier in einer Stärke, dass man sich dagegen stemmen muss, an der Seite der Straße platscht ein Wasserfall auf den Asphalt. Die Motorradfahrer sind gerade dabei, eine umgekippte Maschine wieder aufzurichten, wobei der Wind ihnen merklich zusetzt. Marius steigt ab und packt mit an. Am Abend campen wir mal wieder am Fluss. Es war ein erfolgreicher Tag, wir haben 73 km geschafft.

Grüne Kanister

Der nächste Tag hält Ähnliches für uns bereit. Zunächst ist es windstill, mittags erreichen wir Huallanca. Kurz vor der Stadt entdecken wir auf der Gegenspur einen einsamen Fahrradfahrer mit grünen Packtaschen. Ein anderer Bikepacker! Als wir näher kommen, erkenne ich, dass er gar keine Packtaschen hat, sondern es sich um grüne Kanister handelt, die er aufgeschnitten, umgerüstet und ans Fahrrad geschnallt hat. Er stellt sich als Jorge aus Uruguay vor und fragt gleich nach Kleber für Fahrradflicken. Sein vorderer Schlauch hat ein kleines Loch und er muss alle 10 km aufpumpen. Gemeinsam fahren wir in die kleine Stadt hinein, bauen das Rad aus und während Marius und Jorge basteln, hole ich Eis für uns. Im örtlichen Telefonladen starte ich auch einen erneuten Versuch, mir eine Simkarte zu kaufen, aber obwohl draußen auf dem Schild steht, dass sie welche hätten, haben sie natürlich keine. Auf einer Bank sitzend und Eis essend verquatschen wir uns mit Jorge. Er kann sogar ein paar deutsche Worte, weil seine Freundin in Frankfurt lebt. Ihre Mutter stammt aus Honduras und ihr Vater aus dem Iran, eine Kombination, die rein geografisch betrachtet ungewöhnlich ist. Der Uruguayer ist erst seit zwei Tagen wieder auf dem Fahrrad, nach drei Monaten Wanderpause in Huaraz. Wir tauschen noch Routentipps aus, dann ist es Zeit für den Abschied. Wir wollen heute noch bis nach Caraz kommen, das sind noch 40 km und es ist bereits 12:30 Uhr. Wir fahren in den Cañyón del Pato ein. Zuerst geht es hoch über Serpentinen, über 100 Höhenmeter erarbeiten wir uns so. Die Straße führt hier durch Dutzende von kurzen und langen Tunneln, immer im Streit um Platz mit den angrenzenden Bergen und dem Fluss, zwischen denen sie eingequetscht ist. Wir freuen uns schon auf die kühlere Luft und rüsten uns diesmal mit zusätzlichen Kopflampen über den Helmen aus. Dann tauchen wir wieder in die Dunkelheit ein. Bei Sonnenuntergang fahren wir in Caraz ein, gerade eben so haben wir es geschafft, die letzten 5 km halten noch einen kräftigen Anstieg für uns bereit. Insgesamt haben wir heute mehr als 1000 Höhenmeter bewältigt. Unser Vorsatz, schnell ein Hotel und Abendessen aufzutreiben wird durchkreuzt von der überraschenden Tatsache, dass die Hotels, die wir aufsuchen, voll belegt sind. Das geht? Erst beim Dritten haben wir Glück. Marius geht Pizza holen, die viel besser schmeckt als erwartet.

Ein unwirklicher Ort

Am nächsten Morgen müssen wir uns um das Übliche kümmern: Wäsche und Einkauf. Auf dem Markt gibt es eine große Auswahl an Brötchen, in einem Supermarkt finden wir Käse. Es wird ein fürstliches Frühstück, wir essen doppelt so viel wie sonst, als hätten wir etwas aufzuholen, dann buchen wir eine Fahrt zur Laguna Paron, einem Bergsee. Diesmal legen wir 2000 Höhenmeter in zwei Stunden zurück, machen es uns mit dem Auto aber auch ziemlich leicht. So, wie die Straße aussieht bin ich froh, nicht auf die irre Idee gekommen zu sein, hier auch noch mit dem Fahrrad hinzufahren. Als wir aus dem Wagen steigen, können wir den See bereits sehen. Ich wusste nicht, dass natürliches Wasser so eine Farbe haben kann! Es ist so strahlend türkis, dass es beinahe künstlich wirkt. Darum herum stehen die braunen Berge, die weiße Hüte aus Schnee tragen, wiederum darüber spannt sich der Himmel auf in dunklem, satten Blau, vollkommen anders als das Wasser darunter. Das sieht aus wie eines dieser Fotos in Reisekatalogen, von denen man meint, dass sie mit Photoshop so lange bearbeitet und romantisch idealisiert worden wären, dass es diesen Ort in der Realität nicht geben könne. Aber es gibt ihn und das ist fantastisch. Ausnahmsweise liegt hier mal kein Müll herum. Wir laufen am Ufer entlang und können es immer noch nicht fassen. Es ist atemberaubend schön. Der Schnee weiter oben verrät uns, dass es dort auch Gletscher geben muss, deren klares Schmelzwasser den See speist. Auf der anderen Seite steigen wir einen der umliegenden Berge ein Stück hinauf zu einem Aussichtspunkt. Der Blick ist, obwohl das kaum zu glauben ist, noch besser. Wir können uns gar nicht satt sehen. Die Luft ist kühl und rein, Atmen ist hier oben lecker. Wir sind auf 4200 Höhenmetern.

Auf der Rückfahrt machen wir mit dem Fahrer aus, dass er uns morgen zum Startpunkt eines Wanderwegs fährt, dem wir zur berühmten Laguna 69 folgen wollen. Die soll angeblich noch schöner sein (was ich kaum glauben kann), allerdings ist das nur etwas für Frühaufsteher, denn der Fußweg dorthin dauert dreieinhalb Stunden. Wir werden sehen!

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  1. Schoene Bilder und ansprechender Kommentar.

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