Zwei Farben Blau

Zwei Farben Blau

Wenn man um 4:00 Uhr aufsteht, braucht man einen guten Grund dafür. Zum Beispiel, wandern zu gehen. Trotzdem komme ich kaum aus dem Bett. Es ist stockdunkel. Um 5:00 Uhr holt unser Fahrer uns ab. Er ist nicht alleine, auf dem Beifahrersitz hat eine junge Frau Platz genommen, die er als seine Tochter vorstellt. Um 6:30 Uhr erreichen wir den Eingang des Nationalparks. Es ist noch kein Personal vor Ort, das uns den Eintrittspreis von 30 Sol pro Person abknöpfen könnte. Die Schranke an der Straße ist weit geöffnet. Also fahren wir einfach durch. Wir kommen an zwei Bergseen vorbei, die im ersten Morgenlicht warm glänzen. Die umliegenden Berge spiegeln sich auf der glatten Oberfläche. Es ist windstill, das Wasser bewegt sich nicht. Bereits in einigen Stunden wird die Sonne so hoch stehen, dass keine Reflektionen auf dem See mehr sichtbar sein werden. Eine halbe Stunde später erreichen wir den Startpunkt des Wanderwegs, ich öffne die Autotür, eiskalte Luft schlägt mir entgegen. Es fühlt sich an wie Winter, aber aus Erfahrung weiß ich, dass im Laufe des Tages das gesamte Temperaturspektrum von vier Jahreszeiten durchlaufen werden wird. Am Straßenrand schiebt unser Fahrer die Böschung auseinander, ein paar Steine kommen zum Vorschein. Da müssen wir hinunter, sagt er. Er und seine Tochter werden uns begleiten, sie nutzen anscheinend die Gelegenheit für einen gemeinsamen Ausflug. Bis zur Laguna 69 sind es 7 km, für die man, wie uns im Vorfeld gesagt wurde, drei Stunden brauche. Die ersten zwei gehen wir entspannt über einen ausgetretenen Pfad im Tal zwischen den Bergen entlang. Kühe grasen auf den Wiesen, dazwischen stehen einzelne Bäume. Das Tal macht den Eindruck eines verwunschenen Gartens. Am Ende sind zwei Wasserfälle, die verraten, dass dort oben Bergseen sein müssen. In welcher Richtung die Laguna 69 liegt, weiß ich nicht. Auf den höheren der Bergspitzen, auf die wir zugehen, liegt Schnee. Die aufgehende Sonne berührt erst die Gipfel, während wir laufen, beobachte ich, wie sie immer tiefer wandert und den Schnee von weiß zu gold färbt. Der Himmel ist strahlend blau und wolkenlos. Nach zwei Kilometern endet das Tal und der Weg schlängelt sich in Serpentinen den Berghang hinauf. Die Trittfläche ist schmal, zwischen die vertrockneten, struppigen Büsche in die Landschaft gefräst, von unten kaum erkennbar, und uneben durch die vielen Steine. So laufen wir alle hintereinander mit nach unten gerichteten Blicken. Zwischen den Steinen hat sich Wasser angesammelt, das über Nacht gefroren ist.

Einige Male überqueren wir kleine Wasserläufe, über die Bretter gelegt wurden, von denen Eiszapfen herabhängen. Ich wünschte, ich hätte Handschuhe mitgenommen.

Nach zwei weiteren Kilometern, die wir uns mit deutlich minderer Geschwindigkeit schweigend den Hang hinaufschleppen, erreichen wir ein zweites, höher gelegenes Tal. Vornean ist ein Teich, etwa 10 m im Durchmesser. „Tadaaa!“, witzelt Marius. „Wir sind da! Laguna 69.“ Das Wasser ist dunkel, das kann nicht der Bergsee sein, das ist ein Ententeich.

Das Tal wird von einer flachen Ebene ausgefüllt, als wäre der Zwischenraum der Berge mit Erde aufgefüllt worden. Moose bewachsen den Boden, der über und über mit Kuhfladen bedeckt ist, die sich in verschiedenen Stadien der Austrocknung befinden. Es müssen hunderte sein, stinken tut es aber nicht. Bald entdecken wir die passenden Kühe dazu. Die Vegetation ist spärlich, was wohl der enormen Höhenlage geschuldet sein mag. Ein Tier klettert über die Steine, es ist grau, sieht aus wie ein Eichhörnchen, ist aber so groß wie eine Katze. Wir überqueren die Ebene, dahinter geht der Weg noch steiler als zuvor einen weiteren Berg hinauf. Wieder blicken wir beim Gehen nur auf unsere Füße. Der letzte Kilometer ist am anstrengendsten. Trotz der kühlen Luft kommen wir ins Schwitzen. Ich kann sehen, wo der Hang endet, darauf muss der See liegen, aber die Windungen des Weges führen uns mehr hin und her als wirklich näher. Als ich über die letzte Anhöhe steige, kann ich es sehen. Blau. Es ist ganz anders als das Blau des Himmels, wirkt strahlender, bewegt und belebt. Das helle Türkis ist eingebettet zwischen steilen, grauen Felswänden, anders als an der Laguna Paron, wo die Wände sanft abfallen. Dieses Wasser war mal Eis, das kann man sich bei der Farbe gut vorstellen, das dann geschmolzen und in flüssiger Form von der Erdanziehungskraft nach unten gezwungen, um dann zwischen den Felswänden gefangen zu werden. Die Farbe ist eine gänzlich andere als die des Himmels darüber, der im Vergleich mit der Laguna dunkelblau erscheint. Der See ist kleiner als die Laguna Paron, aber genauso schön. Außer uns sind nur zwei andere Leute da. Wir haben insgesamt zweieinhalb Stunden gebraucht. Es ist still und noch immer kühl, aber die Sonne hat inzwischen den Boden erreicht und verteilt erste, angenehme Wärme. Wir setzen uns ans Ufer des Sees und genießen es einfach. Müde geworden durch die Wanderung döse ich ein, dabei spüre ich die Sonne auf meinem Gesicht.

Als wir wieder absteigen, ist es 10:30 Uhr und schon richtig heiß. Gut, dass wir bei der Hitze nicht den Aufstieg bewältigen mussten! Auf dem Weg nach unten begegnen uns an die hundert Leute, alle auf dem Weg dorthin, wo wir gerade herkommen. Ihnen wird die Ruhe des Ortes vorenthalten bleiben, es wird laut und unruhig sein. Für den Abstieg brauchen wir anderthalb Stunden. Die Seen, die wir gestern und heute besucht haben, sind beide atemberaubend schön, allerdings ist an der Laguna 69 das Gesamtpaket noch besser. Durch die Wanderung kann man sich den Ausblick auf den See selbst erarbeiten und begreift sein ganzes, zusammenhängendes Umfeld.

Am Ausgang des Parks müssen wir dann doch noch bezahlen, weil wir kein Ticket vorweisen können. Unser Fahrer verhandelt mit dem Ranger, sodass wir mit 30 statt 60 Sol auskommen. Zurück in der Stadt ist alle Müdigkeit verflogen, die frischen Eindrücke halten uns am Laufen. Wir treffen noch drei Franzosen am Marktplatz, die mit ihren Fahrrädern gerade in Caraz angekommen sind.

Baden gehen

Am nächsten Tag geht es dann auch für uns weiter. Nach Huaraz sind es 75 km und 1000 Höhenmeter. Die Straße ist gut ausgebaut, aber als Verbindung zwischen zwei Städten auch intensiv befahren. Das teilen wir uns auf zwei Tage auf, beschließen wir, auch um in einer Kleinstadt auf dem Weg einen Stop einlegen zu können, denn dort gibt es wieder Thermalquellen. Unsere beanspruchten Beinmuskeln danken es uns. Ohne zu wissen, für was wir uns da entscheiden, wählen wir an der Kasse irgendeinen der ausgeschilderten Tarife, bezahlen umgerechnet 2,50 € und werden zu unserer Überraschung am großen Schwimmbecken vorbei in einen kleinen Raum eskortiert, in dem eine steinerne Badewanne in den Boden eingelassen ist. Das Wasser ist so heiß, dass wir kaltes zulaufen lassen müssen. Am Sonntagmittag treffen wir in Huaraz ein, einer größeren Stadt. Die Fahrt war wenig interessant, keine anspruchsvolle Strecke, aber in der Ferne kann man immer wieder schneebedeckte Berge sehen.

Ein überraschendes Wiedersehen

In Huaraz kehren wir in einem Hostel ein, das Jorge uns empfohlen hat. Es liegt versteckt in einem Hinterhof. Und wer sitzt da an einem Tisch und pellt Mandarinen, als wir um die Ecke schieben? Emil, der Schwede! Das Wiedersehen freut uns natürlich sehr. Erstmal müssen wir uns alles erzählen, was wir verpasst haben. Emil war auch in der einsamen Schlucht, in der wir wegen der verschütteten Straße und des Wassermangels nicht weiterkamen, allerdings in der Woche davor, als es anscheinend noch ein Durchkommen gab. Außerdem ist sein Mantel am Hinterrad gerissen, er musste ihn notdürftig flicken und hat dann einen neuen bekommen von zwei belgischen Radlerinnen, die wir auch schon getroffen haben. 35 € haben sie ihm dafür abgeknöpft, was ich ziemlich dreist finde, denn ihre Reise war zu Ende und sie haben das Ersatzteil ohnehin nicht gebraucht. Unter Radfahrern hilft man sich. Deshalb schenke ich Emil einen meiner beiden Spanngurte, er braucht dringend einen neuen, da sein alter kurz vorm Reißen ist.

Marius und Emil versinken in eine detaillierte und von leidenschaftlichen Gestikulationen begleitete Diskussion über Fahrradbau und Komponenten, inspizieren gegenseitig ihre Fahrgestelle und schildern die Optimierungsansätze, die sie haben. Breitere Reifen, einen längeren Vorbau und so weiter. Emil unternimmt eine Probefahrt auf Marius‘ Fahrrad, welches eher seiner Körpergröße entspricht als sein eigenes. Morgen, nehmen wir und vor, gehen wir alle zum örtlichen Fahrradladen, um Ersatzteile zu kaufen. Ich brauche eine neue Flaschenhalterung, da eine von meinen beim Sturz gesplittert ist, und Emil einen zweiten neuen Reifen, der zum ersten passt.

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