Nachricht von Zuhause

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Geräucherte Pfannkuchen

Habt ihr schonmal versucht, etwas zu braten in einer Pfanne, deren letzter Rest von Beschichtung sich schon vor Jahren von ihrem Boden gelöst hat? Ich will den Luxus, Zugang zu einer Küche zu haben nutzen, und Pfannkuchen machen. Leider pappt alles an der Pfanne fest, ich schabe es mühevoll ab, es qualmt dezent. Emil kommt in die Küche. „Na, räucherst du Pfannkuchen?“, fragt er mich grinsend. Marius hat sich irgendwo mit irgendwem verquatscht, er ist nicht in Sicht, also serviere ich den ersten Teller zerhackten Teigs Emil. Das Malheur begräbt er zügig unter Marmelade und Zimt. Ich habe, wie sich im Gespräch herausstellt, sogar die bessere Pfanne erwischt. Das kann ich zwar kaum glauben, aber der Schwede zeigt auf eine an der Wand hängende Pfanne, die aussieht, als würde ihr Boden jeden Moment herausfallen. „Was kochst du?“, will ein weiterer Mann wissen, der in die Küche kommt. „Es sollen Pfannkuchen sein, aber sie sind etwas aus der Form geraten.“, erläutere ich auf Englisch . „Sieht aus wie Kaiserschmarrn!“, antwortet er. Mist, das hätte mir mal einfallen sollen. So hätte ich es selbstbewusster verkaufen können. Im Gespräch stellt sich heraus, dass er ebenfalls aus Deutschland kommt und gerade von ebenjener Wanderung zurückgekehrt ist, die Marius unbedingt machen will. Also nutzt mein plötzlich auftauchender Freund die Gelegenheit, unseren Landsmann auszuquetschen.

Emil streift mit uns im Schlepptau durch die Stadt. Da er bereits seit drei Tagen in Huaraz ist, hatte er ausreichend Gelegenheit, die Stadt zu erkunden. Der Fahrradladen, in dem er einen neuen Reifen zu bekommen hofft, hat seit drei Tagen geschlossen. Doch als wir heute den unauffälligen Hinterhof betreten, den wir alleine niemals gefunden hätten, sind die Ladentüren geöffnet. Allerdings ist das Sortiment bescheiden. Einen Fahrradreifen in Südamerika zu finden, ist mit zwei Schwierigkeiten verknüpft: Erstens der, einen Reifen in 28 Zoll zu finden, wie er in Europa Standard ist, denn hier sind andere Maße handelsüblich, zweitens der, eine Breite zu finden, die für die Schotterpisten und schlechten Straßen geeignet ist. Wir finden nur einen 28er Reifen, mit einem wenig ausgeprägten Profil und in 37mm Breite, dafür zu einem stattlichen Preis. Emil ist damit nicht zufrieden, der Verkäufer weist uns auf einen anderen Laden einige Straßen weiter hin. Dort zu stöbern ist wie Weihnachten. Wir finden Ersatz für meine beim Sturz zu Bruch gegangene Flaschenhalterung und darüber hinaus, zu unserer großen Überraschung, sogar einen passenden Seitenspiegel. Meiner hat leider den Transport auf der Ladefläche eines Pickups nicht überlebt. Emil findet immerhin einen Reifen in 40mm Breite, den der eifrige Inhaber ihm auch gleich aufzieht. Leider eiert sein Vorderrad danach, sodass die drei, Marius hilft natürlich mit, noch lange tüfteln. Anschließend kaufen wir auf dem Markt ein. Zurück im Hostel koche ich Mittagessen, Emil packt zusammen. Er wird ruhelos nach drei Tagen am selben Ort, sagt er. Also müssen wir uns verabschieden.

Am Nachmittag streifen wir erneut durch die Stadt. Wir haben beschlossen, die Fahrräder noch eine Weile stehen zu lassen und wandern zu gehen. Die Gegend ist bekannt für ihre landschaftlich wunderschönen Wanderrouten. Während ich für eine kleinere Viertages-Wanderung plädiere, lässt Marius sich nicht davon abbringen, die Huayhuash Route laufen zu wollen. Diese ist ziemlich lang und dauert, je nachdem, wie man geht, acht bis zwölf Tage. Man kann entweder die zentrale Bergkette mit Gipfeln von über 6000 Höhenmetern umwandern (ca. zehn Tage) oder abkürzen, indem man einige Pässe überquert (ca. acht Tage). Außerdem gibt es noch diverse Nebenrouten mit heißen Quellen und anderen Verlockungen. In einem Reisebüro nach dem anderen erkundigen wir uns nach Angeboten, denn die Strecke ist sehr einsam, was bedeutet, dass man Essen für die gesamte Dauer des Ausflugs mitnehmen muss, neben Zelt, Schlafsack und Kleidung. Der erste Anbieter verlangt 700 $ pro Person in einer Gruppe, 1100 $ für eine private Tour. Ich falle aus allen Wolken. Im nächsten Büro werden 800 $ veranschlagt. Dazu kommen dann noch die Eintrittsgelder. Wir entschließen uns also, auf eigene Faust loszuziehen, mieten zwei Rucksäcke und kaufen Nahrungsmittel für zehn Tage. Zelt, Matten und Schlafsäcke haben wir ja schon.

Schlechte Neuigkeiten

Am nächsten Morgen stehen wir sehr früh auf, denn um 5:00 Uhr fährt der Bus nach Popca. Als wir gerade unsere gemieteten Wanderrucksäcke in der Gepäckklappe verstauen, erreicht mich eine Nachricht von meiner Familie. Unser Kaninchen ist krank und muss in zwei Tagen eingeschläfert werden. Ich breche in Tränen aus, denn ich hänge sehr an Felix, und der Abschied von ihm vor der Abreise war für mich der schwerste von allen. Nun kann man sagen, es sei doch in Ordnung, wenn ein Kaninchen im stolzen Alter von 15 Jahren stirbt, aber es ist niemals in Ordnung, wenn man jemanden verliert, den man liebt. Ich sitze auf dem Bordstein und heule, Marius versucht aus mir herauszubekommen, was los ist. Die Entscheidung, ob wir in den Bus einsteigen oder nicht, muss er alleine treffen, denn ich bin nicht ansprechbar. Im Eifer des Gefechts schiebt er mich hinein. Bis Chiquian ändert sich nichts an meiner Verfassung, dort müssen wir aussteigen und eine halbe Stunde auf den Anschlussbus warten. Ich nutze die Zeit für einen Videoanruf zuhause und kann so mit Felix sprechen. Als er meine Stimme hört, versucht er aufzustehen und stellt die Ohren auf. Sehen kann er mich nicht, denn er ist blind. Dafür freue ich mich riesig, ihn zu sehen und vergesse in dem Moment, dass dies wohl ein Abschied ist. Es fühlt sich an wie ein Wiedersehen. Dann kommt der Bus, ich muss das Telefonat beenden. Zweimal halten wir unterwegs an und müssen Eintritt für den Nationalpark bezahlen, insgesamt 90 Sol. Die Einheimischen bezahlen nichts. Wir fahren bis Pocpa, dort beginnt unser Weg. Handyempfang gibt es nicht. Marius organisiert, dass unsere Rucksäcke bis zum ersten Camp transportiert werden, denn ich heule immer noch wie ein Schlosshund.

Wir laufen vier Stunden an einer staubigen, einsamen Straße entlang. Vier Stunden, in denen es mir vorkommt, als würde die Welt um mich herum schrumpfen, die Berge mich erdrücken, einfach, als wäre dies der völlig falsche Ort für mich, um zu existieren. Meine Gedanken sind zuhause und ich überlege, mich auch physisch dorthin zu begeben, um am Ende dabei zu sein. Marius und ich reden viel, er kann nachempfinden, wie es mir geht, da während seiner Kanadareise sein Großvater gestorben ist. Doch unsere Bedürfnisse und Herangehensweisen sind verschieden. Er ist ein vorwärtsdenkender Mensch, gegen einen Abbruch, und ich? Da ich keinen klaren Entschluss fassen kann, beschließen wir, eine Nacht darüber zu schlafen, im ersten Camp, Qaqanan punta. Der Weg hierher war landschaftlich nett, aber nicht außergewöhnlich, die erste Etappe dient eher dazu, den Körper auf die Höhe einzustimmen. Das Camp liegt zwischen den Bergen, um uns herum grasen Kühe und Esel. Außerdem sind noch zwei Wandergruppen da, deren Personal ihnen die Zelte aufbaut und sie bekocht. Am nächsten Morgen ist mir klar, dass ich nicht weitergehen kann. Diese Wanderung zu machen fühlt sich an, wie sich immer weiter zu entfernen von dem Ort, wo ich eigentlich sein sollte und auch sein will. Marius will nicht zurück, aber wir einigen uns darauf, den Termin zur Einschläferung am Donnerstag abzuwarten, damit ich telefonisch dabei sein kann und ich verspreche, im Anschluss daran die Wanderung fortzusetzen. Marius bedeutet Huayhuash sehr viel, diese Wanderung zu machen war schon lange sein Traum. Doch auch er ist spürbar betroffen von Felix’ bevorstehendem Tod, denn auch er hat ihn sehr gerne. Wir bauen das Zelt ab und versuchen, eine Mitfahrgelegenheit nach Chiquian zu bekommen, damit ich meine Familie anrufen kann. Drei Stunden warten wir in eisiger Kälte, dann fährt ein kleiner, schmutziger PKW den Berg hinauf. Zwei Wanderer steigen aus, sie haben den Fahrer bezahlt, damit er sie hierherbringt. Zum ersten Camp führt noch eine Straße, so kann man die erste Tagesetappe überspringen. So kommen wir zumindest erstmal bis Llamac, von dort fährt um 11:00 Uhr ein Bus. Es ist der Einzige und wir haben Glück, ihn noch zu erwischen, denn ansonsten wären wir erst am nächsten Tag weg gekommen, und dann wäre es zu spät gewesen. In den zehn Minuten Aufenthalt, die uns in Llamac bleiben, schafft Marius es wie durch ein Wunder, uns für Freitagmorgen einen Eselführer zu organisieren, sodass wir nur einen Teil des Gepäcks tragen müssen und mit einem Ortskundigen auch etwas mehr Sicherheit haben. Das ist vernünftig, denn wir sind beide unerfahrene Wanderer und die Strecke anspruchsvoll.

Ein Abschied aus der Ferne

Eine Stunde später nähern wir uns Chiquian und kommen wieder in die Reichweite von Sendemasten. Meine Mutter hat mir eine Nachricht gesendet, Felix ist am Vormittag zuhause für immer eingeschlafen. Ich bin zu spät.

In Chiquian teilen Marius und ich uns auf. Ich telefoniere, er geht zur Bank, denn wir haben kaum noch Bargeld und müssen den Eselführer am Freitag bezahlen. Viele Banken in kleineren Städten akzeptieren entweder gar kein Visa oder nur ihre eigenen. So auch diese. Kein Bargeld für uns. Marius Vater sendet Geld über Moneygram, aber auch das funktioniert in der Provinzfiliale nicht. Ich höre die beiden miteinander telefonieren und sich beratschlagen, mein Freund ist spürbar gereizt. Seine Kreditkarte hat er inzwischen irgendwo in oder vor der Bank verloren. Wie viel Pech kann man haben?

So widmen wir uns den Nachmittag über jeder den eigenen Problemen, Marius wütend, ich traurig, an keiner Front sind Fortschritte auszumachen. Wir sind beide mit uns selbst beschäftigt. Es zeichnet sich ab, dass das Geldproblem vor Ort nicht zu lösen ist. Also fährt Marius im Taxi nach Huaraz und wieder zurück. Viereinhalb Stunden später und um 170 Sol ärmer kehrt er mit Bargeld zurück, das er mithilfe meiner Kreditkarte abgehoben hat. Derweil habe ich mich in Chiquian herumgetrieben, einer hübschen Stadt mit vielen kleinen Geschäften, von denen in einigen handgestrickte, bunte Wollwaren verkauft werden. Marius hat ein verstecktes Hotel ausgesucht, von dessen blau gestrichener Veranda man in einen üppig bepflanzten Garten blicken kann. Es ist sauber, ich ruhe mich etwas aus und dann kaufe ich ein, um uns für den zweiten Versuch am Freitag auszurüsten. Der Gedanke daran kommt mir weit weg vor, obwohl wir morgen schon zurück nach Llamac fahren werden.


In liebevoller Erinnerung an Felix, meinen besten Freund.


2004-2019

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