Acht Tage auf Wanderschaft

Acht Tage auf Wanderschaft

Über Absprachen und Handschläge

Am Donnerstagmorgen treffen wir wieder in Llamac ein. Dort wollen wir den Eselführer treffen, den Marius am Vortag angeheuert hat. Mit einem älteren Mann von der Touristeninformation hatte er sich auf 70 Sol pro Tag geeinigt und auch eine Fahrt für uns zum ersten Camp gebucht, für 150 Sol. Da wir den Streckenabschnitt schon einmal gelaufen sind, wollen wir das diesmal überspringen, stattdessen abends mit einem Taxi rauffahren und morgen vom ersten Camp direkt mit dem zweiten Abschnitt beginnen. Als uns der Führer vorgestellt wird, fängt dieser an zu diskutieren: Nein, das sei zu wenig Geld, und ob wir überhaupt Essen hätten, um ihn zu versorgen. Nein, das haben wir nicht, denn es war nicht Teil der Abmachung. Der Mann will immer mehr und mehr Geld, ein Handschlag und eine Absprache scheinen hier nichts wert zu sein. Und begegnet man oft mit der Grundannahme, dass bei uns als reichen Europäern das Geld ja locker säße und man uns für jede Dienstleistung mehr abknöpfen könne als Anderen. So mussten wir uns schon häufiger nach bereits getroffenen Absprachen in nervigen Nachverhandlungen wiederfinden. Uns wäre es lieber, wenn man uns gleich von Anfang an den vorgesehenen Preis mitteilen würde, das wäre seriös. So haben wir uns auf jemanden verlassen, der uns anscheinend über den Tisch ziehen will. Marius versucht noch, zu verhandeln und einen Mittelweg zu finden, indem er dem Führer die Mitte zwischen gestern vereinbartem Preis und aktueller Forderung anbietet, aber unser Gegenüber ist nicht kompromissbereit. Inzwischen sind wir beide richtig sauer und gehen einfach, nicht ohne unsere Meinung über die unehrlichen Männer laut kundzutun. Dann eben ohne Führer. Wir finden einen anderen Fahrer, der uns für 100 Sol nach oben fährt. Er hat den Streit mitbekommen und versucht auch nicht, nachträglich noch mehr Geld zu erhalten.

Doch ein bisschen Glück

Unsere Wanderung hat so einen schlechten Start davongetragen. Wenigstens müssen wir, als wir die Lage erklären, nicht erneut den Eintritt bezahlen. Als wir in Cuartelwain ankommen, ist es erst Vormittag und ein einzelner Eselführer noch dabei, die Sachen seiner Reisegruppe zu packen. Ich springe aus dem Wagen, setze mein bestes Lächeln auf und laufe zu ihm herüber. Auf meinen Vorschlag, unser Gepäck gegen Geld zum zweiten Camp zu bringen, geht er sofort ein. 50 Sol biete ich ihm an und er legt die Rucksäcke auf sein Pferd. Dann ziehen wir los, hinauf zum ersten Pass. Nach kaum zehn Minuten beginnen wieder die Nachverhandlungen. 50 Sol seien ja ganz schön wenig dafür, dass er nun laufen müsse statt zu reiten, findet er. Auf dem steilen, schmalen und steinigen Pfad kann man meiner Meinung nach ohnehin nicht reiten, das würde das Pferd wohl kaum schaffen. Klar, er will mehr Geld, und dass, obwohl ja schon alles aufgepackt ist. Wenn ich jetzt Nein sage, bleibt er dann stehen und packt alles wieder ab? Da wir am Ende unserer Nerven sind, vereinbaren wir einen Gesamtpreis von 200 Sol für drei Tage. Seine Gruppe geht den Weg in der zehntägigen Version, das ist uns zu lang, also werden wir uns ohnehin irgendwann trennen müssen. Der Weg nach Mitukocha führt uns hinauf auf 4800 Höhenmeter, unser aktueller Rekord, den wir aber in den kommenden Tagen noch brechen werden. Man darf im Nationalpark nur an festgelegten Orten campen, durch den Gepäcktransport sind wir ohnehin an ein festes Tagesziel gebunden. Das Camp Mitukocha, das wir am Nachmittag erreichen, ist wunderschön gelegen auf einer Ebene zwischen den Bergen. Im Hintergrund sieht man den ersten schneebedeckten Gipfeln. Unser Weg wird uns in den kommenden Tagen etwa 130 km um eine zentrale Bergkette herumführen, die über 6000 m in die Höhe ragt. Marius baut das Zelt auf und ich verkrümle mich in ein Erdloch, um das Abendessen zu kochen. Es ist windig, daher müssen wir den Kocher geschützt in einer Kuhle aufstellen. Während ich warte und warte (Wasser im Campingkocher zu erhitzen dauert, insbesondere hier oben, wo die Luft dünner ist), fliegt eine Drohne über mich hinweg. Ich wundere mich, dass sie den Flug bei Wind in der Höhenlage so souverän bestreitet. Marius‘ Aufmerksamkeit ist sofort bei dem Piloten, einem Südafrikaner, dessen brasilianische Partnerin für die UN arbeitet. Sie machen Aufnahmen zum Klimawandel. In etwa 30 m Entfernung sehe ich sie sich angeregt unterhalten. Sie sind mit einer Reisegruppe unterwegs und haben Personal, das für sie kocht und ihr Zelt aufbaut. Vor solch einer Buchung sind wir zurückgeschreckt, als wir den Preis erfahren hatten.

Sich der Kultur des Verarschens anpassen

Am zweiten Tag wandern wir zur Laguna Carhuacocha. Es wird ein kurzer Wandertag, wir erreichen das Camp bereits um 12 Uhr mittags. Nun sind wir froh, dass wir selbst kochen und das Zelt aufbauen könnten, denn was würde man sonst den ganzen Tag machen? Das Camp ist wunderschön an einem Bergsee gelegen. Marius nutzt die Zeit, um die Lage zu erkunden. Als er eine halbe Stunde später zurückkehrt, hat er Bekanntschaft mit nahezu allen Wanderern und zusätzlich der Hälfte der Führer geschlossen, zählt mir Namen und Nationalitäten auf und verkündet zudem stolz, dass wir ab Montag mit einer anderen Gruppe mitlaufen könnten, die den Huayhuashweg in acht Tagen geht. Mit deren Führer hat er bereits den Transport unserer Sachen ausgemacht. Als der ihn gefragt hat, was wir momentan bezahlen, hat mein Freund einfach gesagt, es wären 50 Sol (Was nicht stimmt) und so den Preis gedrückt. Er nennt das „sich der Kultur des Verarschens anpassen“.

Abends genießen wir den Sonnenuntergang über den Bergen und bewundern den sternenklaren Himmel. Man sieht hier viel viel mehr Sterne als wir es gewohnt sind, der ganze Himmel ist gespickt mit winzigen Lichtpunkten. Leider überfordert es unsere Kompaktkamera, dieses Bild einzufangen. Das ist eine Sache, die ich nächstes Mal anders machen würde: Ich würde eine bessere Kamera mitnehmen. Wir haben sogar eine, aber weil die so groß und schwer ist, musste sie zuhause bleiben. Jetzt sehe ich oft andere Reisende mit ihren Spiegelreflexkameras und beneide sie.

Die todkranke Amerikanerin

Am Morgen ist das Zelt mit kleinen Eiskristallen überzogen, es herrschen Minusgrade. Wir haben mit Jacken in den Schlafsäcken geschlafen. In der morgendlichen Kälte macht Marius Frühstück, während ich zusammenpacke. Huayhuash, nach dem der Weg benannt ist, sollen wir am dritten Tag erreichen. Der Weg ist anspruchsvoll, wie müssen wieder über einen Pass auf 4800 Höhenmetern, unsere Herzen pochen stark und wir bekommen Kopfschmerzen, aber wenigstens sind wir nicht höhenkrank. Immer wieder überholen wir eine Truppe, die dann, wenn wir pausieren, uns wieder überholt und so begegnen wir uns den Tag über immer wieder. Als wir den Pass erreichen, haben wir einen tollen Ausblick über drei hintereinander liegende, türkisfarbene Bergseen. Von den angrenzenden Gipfeln lösen sich von Zeit zu Zeit kleine Lawinen, es gibt ein Grollen wie bei Gewitter, dann bricht der Schnee ab und stürzt hinab, trifft auf einige Felsvorsprünge auf und löst dort weiteren Schnee, der ins Wasser fällt. Die Gruppe erklimmt hinter uns die letzte Biegung. Eine etwa 40-jährige, blinde Amerikanerin betritt keuchend unser Blickfeld, die Gruppe sammelt sich. „Ich sollte gar nicht hier sein!“, sagt sie theatralisch und so laut, dass es jeder hören kann. „Mein Arzt hat ja keine Ahnung, was ich hier mache!“ Ich muss mich zusammenreißen, um nicht loszulachen. Ihre nach Mitleid heischende Offenbarung verfehlt ihre Wirkung, denn niemand geht darauf ein. Am Abend im Camp geht Marius noch einmal zu unserem neuen Führer, um den Gepäcktransport noch einmal zu bestätigen – sicher ist sicher. Der vierte Wandertag wird ebenso lang und hält wieder fantastische Landschaftsausblicke für uns bereit, auch wenn die sich morgens noch in dichtem Nebel versteckt. Uns folgt ein streunender Hund, auf der Suche nach Streicheleinheiten für sein verfilztes Fell und nach Essensresten für seinen leeren Magen. Beides bekommt er von uns. Die meiste Zeit sind wir die einzigen Menschen weit und breit, ab und an begegnet uns eine Gruppe. Ich bin froh, dass wir keine Tour gebucht haben, denn so ist das Erlebnis irgendwie näher an uns dran, wir entscheiden, wann wir wohin gehen. Heute knacken wir auch die 5000 m, es liegt vereinzelt Schnee. Wir machen einen kleinen Umweg zu einem Aussichtspunkt, der uns von zwei vorbeiziehenden Schweizern ans Herz gelegt wird. Das bedeutet etwa 40 Minuten extra und während ich mich noch frage, ob sich das wirklich lohnt, ist Marius schon nicht mehr zu bremsen. Also rauf da. Es lohnt sich tatsächlich, wie ich dann einsehe, denn wir stehen auf einem Felsen unmittelbar vor einer Schneelandschaft. Die weiße Decke ist von Menschen völlig unberührt. Die Berge ragen hoch hinauf. Wir fühlen uns winzig vor diesem Panorama, es ist ein unglaubliches Gefühl. Wäre das hier ein Film, würde epische Musik im Hintergrund spielen.

Dies ist körperlich der bisher anstrengendste Tag, auch wenn es das absolut wert war. So langsam macht sich die Erschöpfung breit, jeden Tag vor Sonnenaufgang aufzustehen und in eisiger Kälte aus dem Zelt zu kriechen, um Frühstück zu machen, zehrt an den Kräften. Außerdem haben wir nur spartanische Nahrungsmittel dabei, es gibt jeden Tag das Gleiche und die warme Mahlzeit am Abend gibt uns weniger Energie, als wir tagsüber verbrauchen. Und das merken wir am fünften Tag, der tatsächlich, ich hätte es nicht für möglich gehalten, noch anspruchsvoller wird. Am Morgen ziehen die Gruppen alle nach Osten, weiter im Tal, nur eine Gruppe, zu der auch die Schweizer gehören, schlägt den Weg über den Pass San Antonio ein. Da laufen wir einfach mal hinterher. Die ersten anderthalb Stunden geht es nur hoch, wir sehen sogar wilde Alpakas. Die Schweizer kauen dauernd Coca Blätter und es wird Zeit, dass auch wir unsere lange gehorteten Vorräte anbrechen. Dazu haben wir in einer Apotheke Kalk gekauft, das soll die Wirkung verbessern. Tatsächlich werden aber nur Gaumen und Zunge taub. Die Rückseite des Passes sieht aus wie eine Abbruchhalde für Sand und Kies. Das Gefälle beträgt über 30%, der Boden aus Locker aufgeschichtetem Sand bietet keinen Halt. Wir rutschen eher als dass wir absteigen, stellenweise auch mal auf dem Hintern. Ein Pfad ist hier nicht mehr erkennbar. Dauernd kommen wir ins Wackeln, fallen hin oder schlittern unkontrolliert abwärts. Wir müssen 1300 Höhenmeter auf diese Weise absteigen. Das dauert Stunden. Unser Tagesziel ist ein kleines Dorf, Huayllapa. Als wir den Abstieg endlich geschafft haben, erreichen wir ein fast ausgetrocknetes Flussbett, die Sonne knallt uns auf den Kopf und wir sind beide völlig erschöpft, aber müssen noch mindestens drei Stunden laufen. Jedes Tal mündet in ein neues, endlos erscheinendes, das wir durchqueren müssen. Am Berghang sehen wir Kupfermienen, daher ist also der Wasserstand des Flusses so niedrig. Bestimmt wird das Wasser für den Bergbau abgepumpt. Nach anderthalb Stunden entdecken wir erste von groben Steinmauern eingefasste Felder, aber keine Menschen. Der Wanderweg führt zwischen den Mauern entlang. Leider hat sich auch der Bach dies als einfachsten Weg ausgewählt und den gesamten Wanderweg überspült. Da wir keine klitschnassen Füße bekommen wollen, klettern wir über eine Mauer auf ein benachbartes Feld und laufen parallel zum Wanderweg. Etwa alle 30 Meter ist jedes Feld erneut durch eine Mauer vom nebenliegenden abgetrennt, also müssen wir alle paar Minuten klettern. Die Mauern bestehen aus übereinander geschichteten Felsbrocken ohne Mörtel, daher sind sie recht instabil.

Die dauernde Kletterei kostet uns erneut Zeit. Außerdem beginnen wir uns zu fragen, was mit den Eintrittsgeldern geschieht, die wir an bestimmten Wegpunkten bezahlen müssen. Jeder Tourist zahlt pro Tag etwa 30-40 Sol. Es gibt keine Beschilderung oder Wegweiser, keine Duschhäuschen und in die Instandhaltung der Wege fließt das Geld definitiv auch nicht, wie unsere jüngste Erfahrung zeigt. Vermutlich behalten die Bauern, die die Tickets verkaufen, es einfach. Von den Schweizern wissen wir, dass insbesondere die männliche Landbevölkerung ihr Geld gerne in Alkohol investiert, und das deckt sich auch mit unseren eigenen Beobachtungen in den kleinen Dörfern. Insgesamt dient die Öffnung des Parks für Wanderer nur der Geldgewinnung und nicht der Pflege oder Instandhaltung. Als wir das rettende Dorf endlich erreichen, kaufen wir erstmal Getränke und Snacks, dann gabelt Marius irgendwo wieder eine flüchtige Bekanntschaft auf, einen Israeli, der in einem kleinen Gasthaus untergekommen ist. Dort gibt es auch für uns ein einfaches Zimmer und, zu meiner großen Freude, eine heiße Dusche. Es ist die erste seit fünf Tagen. Ohne den Tipp hätten wir sie nie gefunden, denn es gibt kein Schild an der Tür. Die Übernachtung in einem Bett (auch wenn es keine Matratze, sondern nur aufgeschichtete Decken hat), tut uns richtig gut, sodass wir erfrischt in Tag sechs starten können. Die Landschaft heute ist eher karg und trocken, wir trödeln ein bisschen und machen viele Pausen. Der streunende Hund ist immer noch dabei, anscheinend haben nicht nur wir ihn gefüttert. Er wechselt zwischen den Gruppen hin und her. Mit unseren Einkäufen aus Huayllapa können wir am Abend ein wahres Festmahl zubereiten, was im Wesentlichen bedeutet, dass wir die Tütensoße mit Kondensmilch aus der Dose veredeln. Man nimmt halt, was man kriegen kann. Es ist noch recht früh und so haben wir Zeit, zu entspannen. Der vorletzte Morgen begrüßt uns dann mit Tiefstwerten auf dem Thermometer. Das Zelt ist vereist. Während wir frühstücken werden wir Zeugen, wie am anderen Ende der Wiese ein Peruaner einen bockenden Esel schlägt und sogar in den Bauch tritt. Als Lastentiere leisten sie harte Arbeit, trotzdem werden sie von ihren Besitzern ohne Respekt behandelt. Wenn wir die Esel streicheln oder mit Äpfeln füttern wollen, wird das von den Einheimischen mit Unverständnis beäugt: Warum das gute Obst an das Tier verschwenden? Jedenfalls sind nicht nur wir entsetzt sondern auch Thomas, der rothaarige Schweizer, der heranstürmt und dem Mann lautstark die Meinung sagt. Das hat allerdings, wie wir am nächsten Tag erfahren werden, nicht zur Folge, dass zukünftig auf Schläge verzichtet wird sondern lediglich, dass die Esel nicht mehr in Anwesenheit der Touristen beladen werden. Inzwischen bereuen wir, Geschäfte mit dem Mann gemacht und den Service in Anspruch genommen zu haben. Wir hätten das nicht unterstützen dürfen.

Die letzten zwei Wandertage sind recht kurz und die Natur im Vergleich zu dem, was es in den ersten Tagen zu sehen gab, fast schon schlicht. Allerdings sind wir in dieser Hinsicht wohl auch etwas verwohnt. Wir unterhalten uns viel mit dem Schweizer Paar, wenn uns bei den steilen Aufstiegen noch Atem für Gespräche bleibt. Der Hund ist unser ständiger Begleiter. Mittags am achten Tag erreichen wir Pocpa, wo die Reise ursprünglich ihren Anfang nahm. Alle sind erleichtert, zurück in der Zivilisation zu sein. Im Dorf bekommen alle ein einfaches Mittagessen, dann fahren wir in einem Kleinbus zurück nach Huaraz. Obwohl wir nicht zur Reisegruppe gehören, dürfen wir mitfahren, für 100 Sol. In Huaraz werden wir uns erstmal richtig voll futtern.

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