Auf nach Lima

Auf nach Lima

Nach einem Ruhetag in Huaraz, an dem uns die Wirtin des Hostels mit vier verschiedenen Sorten Kuchen verwöhnt, haben wir wieder mehr Energie. Irgendwann zwischen Marius‘ drittem und viertem Kuchenstück sieht es so aus, als würde er der talentierten Konditorin gleich einen Heiratsantrag machen wollen, so sehr schwelgt er in den Kompositionen aus Erdbeeren, Blaubeeren, Erdnussbutter und Schokolade. Die Frau geht in ihrem Beruf, Backpacker zu bewirten, völlig auf. Den ganzen Tag kümmert sie sich um alle, kocht Kaffee, bezieht Betten und fragt, ob es auch allen gut geht. Beim Frühstück kuschele ich mit einer ihrer Katzen, die mir einfach auf den Schoß gesprungen ist. Am späten Abend brechen wir dann auf zum Busterminal. Busse sind hier die einzige Möglichkeit, Streckenabschnitte zu überspringen, Bahnverbindungen gibt es nicht. Wir wollen nach Cusco und der Weg dorthin führt über Lima. Ursprünglich war der Plan, Großstädte zu meiden und in Lima nur umzusteigen, aber nach der Wanderung hat die verlockende Aussicht auf etwas Komfort und Ruhezeit uns doch überzeugt. Zuerst wollten wir eine Nacht bleiben, aber nun werden es zwei.

Nachtbus

Da wir keine Lust haben, in der Mittagshitze unter einem Blechdach gegrillt zu werden, haben wir einen Nachtbus gebucht, wo wir in der oberen Etage ganz vorne sitzen können. Vom Ausblick werden wir in der Dunkelheit allerdings wenig haben. Wie immer, wenn die Fahrräder verladen werden, ist Marius nervös, läuft zwischen den Gepäckklappen hin und her und packt mit an. Dabei ruft er sich mit dem Buspersonal Kommandos zu: „Nein, zurück, tiefer, jetzt langsam!“ Er steht so unter Adrenalin, dass er das Blut an seiner Hand erst bemerkt, als schon alles verladen ist. Die Hand hat einen tiefen Schnitt davongetragen. Im Busbahnhof gibt man ihm Watte und ein Fläschchen destilliertes Wasser, sodass wir die Wunde säubern können, aber unser Erste Hilfe Set ist natürlich in einer der Taschen, die bereits im Bauch des Busses verschwunden sind. Also bitte ich den sichtlich genervten Mitarbeiter, die Klappe noch einmal zu öffnen. Auf der Fahrt dösen wir vor uns hin. In einem kleinen Vorort von Huaraz ist auf einem Parkplatz ein großes Fest mit lauter Musik und tanzenden Menschen in Gange, an dem wir vorbei fahren. Ansonsten ist es still. Kurze Zeit später passieren wir einen auf der Fahrbahn parkenden Polizeiwagen, einige Meter dahinter liegt ein abgedeckter Körper auf der Fahrbahn, nur ein Bein schaut hervor. Ich erspare mir hier eine detailliertere Beschreibung der Szene, aber muss es trotzdem aufschreiben, denn das Bild blieb in meinem Kopf hängen. Vermutlich war die Person betrunken mitten auf der Landstraße im Dunkeln auf dem Heimweg. Einen abgetrennten Weg für Fußgänger gibt es nicht. Es war die erste Leiche, die ich jemals gesehen habe.

Die Warmshower-Erfahrung

Im Morgengrauen erreichen wir Lima. Marius hat über Warmshowers ein ansässiges Mitglied der Fahrrad-Gemeinschaft ausgemacht, bei dem wir unterkommen können. Schon während wir dorthin fahren, 15 km vom Zentrum entfernt, fällt mir auf, dass es immer weniger Geschäfte gibt und die Häuser kleiner werden. Trotzdem ist Betrieb auf den Straßen. Als wir nach über einer Stunde endlich die genannte Adresse erreichen, stehen keine Hausnummern an den Türen. Es sind kleine, bunte Häuser, zwischen zweien ist eine Fassade aus Spanplatten errichtet. Und genau dort öffnet sich eine provisorische Tür und uns tritt die Freundin unseres Gastgebers entgegen. Sie führt uns hinein. Auf dem Betonboden liegt Müll und ein Bett steht in der Ecke, die Decke besteht aus Wellblech und an den Seiten sind nur Gitter eingelassen. Gut, dass es nicht regnet. Mit einem Vorhang ist ein Wohnbereich abgetrennt, in dem ein exorbitanter Fernseher steht. Sobald ich einen Fuß über die Schwelle gesetzt habe ist mir klar, dass ich hier ganz sicher nicht übernachten werde. Aus Höflichkeit setzen wir uns ein bisschen zusammen und frühstücken, dann brechen wir auf um, wie wir sagen, einkaufen zu gehen. Draußen zücken wir die Handys und buchen ein Zimmer im schönsten Viertel der Stadt, Miraflores. Dann fahren wir in ein Einkaufszentrum. Ja, ein richtiges, echtes Einkaufszentrum. Marius geht zu Burger King, um endlich mal wieder einen richtigen Burger zu essen, wie er sagt. Verglichen mit dem Essen, was man hier sonst so bekommt, ist das tatsächlich gut. Es ist wunderbar, so eine große Auswahl an Waren zu haben und einfach mal bummeln zu können. So finden wir in kürzester Zeit auch ein neues Sportshirt für mich. Wir gehen in jeden Laden und sehen uns alles an. Darüber vergessen wir beinahe die Zeit. Mit vollen Mägen und Einkaufstüten erreichen wir unsere Unterkunft, ein Gästehaus mit fünf Zimmern. Es ist ruhig, sauber, es gibt eine Küche und warmes Wasser. Nach einem Nickerchen müssen wir aber nochmal los, um unsere Sachen abzuholen, die wir bei dem Warmshower Gastgeber gelassen haben. Dort erzählen wir als kleine Notlüge, dass wir uns spontan entschlossen hätten, heute schon weiter nach Cusco zu reisen. Die Mutter öffnet uns die Tür, wir beladen die Fahrräder und verabschieden uns.

Begleitschutz

Dann beginnen anderthalb Stunden Mutprobe im Stadtverkehr. Schon auf den ersten Metern hält ein Autofahrer neben uns an. Was wir denn hier verloren hätten, will er wissen, es sei das gefährlichste Viertel der Stadt und kein Ort für Touristen auf Fahrradtour. Er fährt langsam voraus und begleitet uns zur Verbindungsstraße an der Küste, um auf uns aufzupassen. Dort angekommen ist der Weg einfach, wir müssen eigentlich nur immer geradeaus. Dabei haben wir die ganze Zeit den von Wolken verhüllten Südpazifik zu unserer Rechten. Die Hochhäuser der Stadt stehen eng gedrängt auf dem Rand der Steilküste, die ins Meer abfällt.

In der Bucht gibt es einen Steinstrand, auf den wuchtige Brecher aufschlagen. Ein paar Surfer haben weiter draußen ihren Spaß. Bald wird es dunkel. Die Promenade sieht aus wie frisch gebaut, wahrscheinlich anlässlich der Panamerikanischen Spiele in Lima. Ein paar hundert Meter können wir sogar auf einem Fahrradweg zurücklegen. Als wir die Abfahrt nach Miraflores erreichen, wird es kritisch. Eine Überquerung der vierspurigen Zubringerstraße durch Fußgänger oder Radfahrer ist hier anscheinend nicht vorgesehen und der Verkehr so fließend, dass zwischen den einzelnen Autos keine Lücken entstehen. Etwa zehn Minuten müssen wir auf eine Gelegenheit warten, dann mit den Fahrrädern los sprinten auf einen Grünstreifen, von dem aus wir zwei weitere Spuren überqueren. In Peru sind Fahrradfahrer keine eingeplanten Verkehrsteilnehmer, sondern eine Rarität.

Unsere zwei Tage in Lima genießen wir so richtig. Ich würde gerne in einige der vielen Museen gehen, aber dafür bräuchte man wohl noch einen extra Tag, denn in Lima ist die peruanische Kultur aus Jahrhunderten in verschiedensten Kunstformen ausgestellt, vom Cocktailmuseum bis zur Ausstellung von Goldschätzen ist alles dabei. Die Stadt ist nicht besonders hübsch nach europäischem Verständnis, aber immerhin gibt es kleine Parks und von Bäumen eingefasste Alleen. Uns kommt es wie ein Ausflug in den Luxus der westlichen Welt vor, denn das Essensangebot ist riesig, wir gehen in Supermärkte, wo die Waren alle sortiert und sorgfältig drapiert sind und danach ins Kino. Wir entscheiden uns für einen unseren Sprachkenntnissen angemessenen Kinderfilm: Der König der Löwen. In diversen Fahrradläden decken wir uns mit Kleinigkeiten ein, unter anderem einem neuen Paar Fahrradhandschuhe für Marius, der seine chinesische Markenfälschung aus Cajamarca bereits verschlissen hat. Mir wird klar, wie lange das schon her ist. Wir sind seit über einem Monat in Peru und seit neun Wochen auf Reisen. Daran haben wir uns inzwischen so gut gewöhnt, dass uns das Leben in Deutschland surreal vorkommt. Was habe ich dort immer den ganzen Tag gemacht? Womit habe ich all meine Zeit verbracht?

Schon wieder eine Busfahrt

Jedenfalls haben wir „nur“ noch drei Monate übrig und müssen uns die Zeit einteilen, deshalb kürzen wir wieder ab und nehmen einen Bus nach Cusco. Peru ist ein Land, dessen Ausmaße man leicht unterschätzt, die Distanzen sind enorm. Da die Fahrt 24 Stunden dauern wird, buchen wir uns Liegesitze, die Busgesellschaft stellt sogar Kissen und Decken und am Abend bekommen wir, wie im Flugzeug, ein aufgewärmtes Essen.

Leave a Reply

Close Menu