Das Schlechteste und das Beste von Peru

Das Schlechteste und das Beste von Peru

Der Dieb

Bei unserer Ankunft am Busbahnhof von Cusco herrscht viel Betrieb. Die Taschen werden ausgeladen und auf einen Haufen geworfen, Marius holt die Fahrräder, ich stehe beim Taschenberg. „Hey!“, quatscht mich ein kleiner Mann mit Rucksack an. „Nimm mal deinen Rucksack hier weg!“ Er deutet auf einen großen Rucksack, der am Nachbarbus lehnt. „Das ist nicht meiner.“, antworte ich. Hinter mir steht ein anderer Mann, das macht mich nervös. Ich behalte ihn im Auge. „Hey“, sagt der erste wieder. Dein Fahrrad muss da weg. Er kommt herüber und will mein Fahrrad wegschieben, ich fahre ihn an, „Finger weg! Nicht anfassen!“ Um hier abzukürzen: Als wir die Fahrräder beladen, fehlt eine Tasche, Drohne, Actioncam, eine Jacke, die Thermoskanne und diverse Elektronik sind futsch. Ich renne panisch durch die Halle, auf der Suche nach den beiden Männern, aber sie sind längst über alle Berge. Also gehe ich zur Polizei. Die rufen die Einheit für Tourismus. Viermal muss ich erzählen, was passiert ist. Marius stellt die Fahrräder im Büro der Busgesellschaft, mit der wir gefahren sind, unter, dann fahren wir zur Wache. Der Beifahrer apielt Pokemon Go. Dort angekommen müssen wir vier Leuten weitere zweimal den Vorfall schildern. Aber die Beamten verlassen ständig den Raum kommentarlos, kommen dann eine Viertelstunde später wieder oder unterbrechen uns, um einen privaten Anruf auf dem Handy entgegen zu nehmen. Wir sollen alles notieren, aber niemand liest unseren Bericht. Stattdessen bekommen wir einen Vortrag über Versicherungsbetrug und welche Strafen drohen, wenn man in Peru einen Diebstahl vortäuscht. Dabei haben wir nicht man eine Gepäckversicherung, die wir betrügen könnten. Insgesamt haben wir das Gefühl, nicht ernstgenommen, geschweige denn kompetent betreut zu werden. Nach vier Stunden auf der Wache fahren wir zurück zum Busbahnhof, um mit einem Beamten die Bänder der Videoüberwachung zu sichten. Der Dieb ist mit unserer Tasche eindeutig zu sehen. Zwei Stunden verbringen wir in dem stickigen Kabuff, rekonstruieren, woher der Täter kam und wie er ging. Er ist nach der Tat direkt zum Taxistand gegangen und weggefahren. Der Polizeibeamte filmt das Video mit seinem Handy vom Bildschirm ab. Ich frage mich, warum er sich keine Kopie der Datei geben lässt. Hoffnung, unsere Sachen wiederzubekommen, haben wir kaum. Was wir hier tun fühlt sich an, wie mit einem Strohhalm gegen einen Drachen zu kämpfen. Das Übel ist angerichtet und solange der Dieb nicht zur Fahndung ausgeschrieben wird, bringen die verpixelten Bilder uns auch nicht weiter. Immerhin sind der Beamte und seine Kollegen freundlich zu uns und fahren uns zu unserem Hostel. Inzwischen ist es dunkel und nach diesem Erlebnis fühlen wir uns unsicher. Sich jetzt noch in den Verkehr zu stürzen, wäre leichtsinnig.

Die Erfahrung, beklaut zu werden, ist in doppelter Hinsicht ein Einschnitt. Erstens ärgert man sich natürlich über den Verlust der Sachen, man muss sie ersetzen, was Geld kostet, oder sich einschränken, indem man auf sie verzichtet. Zweitens trifft es emotional. Das Wissen, dass jemand in Kauf nimmt, einem zu schaden, einen mutwillig und rücksichtslos austrickst um sich zu bereichern verunsichert und bedrückt. Plötzlich macht man sich Gedanken: Bin ich hier in Gefahr? Plötzlich in wird mir klar, dass ich mir wahrer Boshaftigkeit und dem Schlechten im Menschen in meinem bisherigen Leben kaum konfrontiert wurde. In der Blase, in der ich in Deutschland lebte, war ich nie ein Opfer. Es gab keine ernsthafte Gefahr. Noch am Abend ziehen wir los, um zu essen und eine Powerbank einen Stecker zu kaufen, denn sonst können wir weder Handys noch Kamera laden. Elektronik ist in Peru sehr teuer. Trotzdem kommen wir ohne nicht aus und müssen in den sauren Apfel beißen.

Soevenirs

Den ersten Tag in Cusco verbringen wir damit, durch die Läden zu bummeln. Es gibt haufenweise Souvenirs und wunderschöne Handwerksarbeiten wie gestrickte Pullover und geschnitzte Zuckerdosen. Ich würde gerne Einiges davon kaufen und als Geschenke mit nach Hause nehmen, aber auf dem Fahrrad hat man immer so wenig Platz, dass ich mich auf ein paar Stifte und Magneten beschränke. Cusco ist eine alte, inzwischen natürlich hoch touristische Stadt. Man kann keine zehn Meter gehen, ohne von irgendjemandem angesprochen zu werden: „Hallo Freunde, wollt ihr eine Tour buchen? Wollt ihr Mittag essen? Wollt ihr ein Bild kaufen?“ Das nervt auf Dauer schon ziemlich. Ich würde mir gerne in den Geschäften in Ruhe die Waren ansehen, aber das ist kaum möglich, weil die Verkäufer uns umschwirren und auf uns einreden. Immerhin ein paar Postkarten kaufen wir dann doch, glücklich, endlich Freunden und Familie schreiben zu können, denn sonst gibt es nie irgendwo Postkarten, geschweige denn eine Post. Die ist in Peru nämlich nur als privatwirtschaftliches Unternehmen vorhanden und fungiert nicht flächendeckend. Von der hiesigen Bevölkerung wird sie kaum genutzt. Die Leute haben hier nicht mal Briefkästen an den Häusern. Außerdem hat die Post einen sehr schlechten Ruf, viele Briefe und Pakete kommen entweder erst nach Monaten oder auch gar nicht an. Doch wir haben Glück, denn in unserem Hostel ist eine Gruppe von Hamburgern, die in drei Wochen die Heimreise antreten wird und uns die bisher gekauften Souvenirs nach Hause transportiert.

Die Gringos bezahlen

Aber eigentlich sind wir nach Cusco gekommen, um Machu Picchu zu besichtigen. Im hostelinternen Reisebüro haben wir alles organisiert. Dafür werden wir um 2:40 Uhr in der Nacht abgeholt, ein Taxi bringt uns eineinhalb Stunden nach Ollamtaytambo, wo wir auf den Zug warten. Um diese Uhrzeit fährt noch kein Bus dorthin. Vor den Toren des Bahnhofs warten dutzende Peruaner in der Kälte, eingewickelt in Decken. Was wollen die alle hier? Als der Zug zum Einsteigen bereit ist, nehmen wir auf unseren Sitzen platz. Außer uns sind noch etwa 15 andere Touristen an Bord. Der restliche Zug ist leer. Dann öffnen die Sicherheitsbeamten die Tore, etwa 150 Leute strömen auf den Bahnsteig und betreten den Zug. Keiner zeigt ein Ticket vor oder bezahlt. Uns beide kostet die Fahrt 130 $. So wird der Spaß hier also finanziert: Die Touristen bezahlen mit den horrenden Ticketpreisen für die Einheimischen mit. Dieses Phänomen kennen wir bereits aus den Nationalparks, aber da ging es um 60 Sol für zwei Personen, nicht um 130 $. Meiner Meinung nach ist das nicht in Ordnung, dass viele Menschen einen Service kostenlos nutzen, der von uns teuer bezahlt wird, aber hier ist das geltende Mentalität: Die Gringos müssen bezahlen. Sowas nennt man wohl Zweiklassengesellschaft.

Machu Picchu

Während der Zugfahrt wird es hell. Wir fahren bis Aguas Calientes und steigen dort in einen Bus um, der weitere 24 $ kostet. Um 7:00 Uhr sind wir endlich da. Vor dem Eingang steht eine Schlange, aber es geht zügig voran. Wir haben nur Tickets für die Ruinen, aber man kann auch auf die benachbarten Berge wandern, allerdings nur, wenn man etwa drei Monate im Voraus bucht. Die Besucher zerstreuen sich in der weitläufigen Anlage, plötzlich scheinen es gar nicht mehr so viele zu sein. Zwischen den Häusern, die teilweise nur noch hüfthohe Mauern, teilweise bis zum Dach rekonstruiert sind, grasen Lamas auf den Wiesen. Einige haben frischen Nachwuchs im Schlepptau. Von dort, wo der Rundgang beginnt, hat man einen großartigen Überblick über die Anlage, die sich auf Stufen über den Berg verstreut. Verschiedene Bereiche sind erkennbar, die wohl der Unterteilung nach Zwecken dienen. Gemeindehäuser, Wohnhäuser, Handwerker und religiöse Stätten. Wir steigen über die Terrassen hinab und tauchen in die Inkastadt ein. In den schmalen Gängen zwischen den Häusern kann man sich fast verlaufen. Jedes Haus hat nur einen Raum. Viele der Fenster wurden nachträglich zugemauert, warum, wissen wir nicht. Die Steine, aus denen die Mauern bestehen, wurden nur grob in Form behauen und dann so geschichtet, dass sich jede Form in die benachbarten fügt und sich so ein stabiles Ganzes ergibt. So brauchen viele der Gebäude nicht einmal Mörtel. Ein Stein stützt den anderen. Wenn man den Blick schweifen lässt wird deutlich, wie wunderschön die landschaftliche Umgebung ist. Die Wolken hängen tief zwischen den von dichtem Wald bewachsenen Bergen. Die Bergspitze, die über der Stadt aufragt, ist der Waynapicchu. Blendet man die Schönheit der Umgebung aus, wird ihre Funktion ersichtlich. Die Berge im Rücken bilden eine natürliche Barriere vor möglichen Angreifern und die Schlucht mit dem Fluss tief unten umhüllt die Siedlung von drei Seiten. Dies ist ein strategisch geradezu prädestinierter Ort, um sein Volk zu verteidigen.

Wir verbringen Stunden damit, umherzuschlendern und zu spekulieren, wie die Stadt in ihrer Blütezeit wohl ausgesehen haben mag, wie das Leben der Menschen war. Von jeder Terrassenstufe hat man einen neuen Blickwinkel. Der Ort hat eine mystische Atmosphäre, die ihm auch die mit gezückter Kamera umherlaufenden Touristen nicht nehmen. Inzwischen ist es 11:00 Uhr und voll. Wir treten den Rückzug an, um 14:40 Uhr sollen wir in Hydro Electrico abgeholt werden, bis dahin sind es mindestens drei Stunden Fußmarsch an den Gleisen entlang durch den Wald. Aber das genießen wir, denn in der Zeit können wir die gewonnenen Eindrücke verarbeiten und uns unterhalten. Was uns an Peru zunehmend auffällt ist, dass die Schönheit der Landschaft und das kulturelle Erbe in herbem Kontrast stehen zu den mehrheitlich negativen Erfahrungen, die wir in den letzten Wochen mit den Menschen und ihrer Mentalität machen mussten. Mit einem kleinen Bus fahren wir schließlich, mit einstündiger Verspätung, fünf Stunden nach Cusco.

Ersatz

Am nächsten Tag gönnen wir uns etwas Ruhe und ersetzen weiteren gestohlenen Besitz. Marius braucht einen neue warme Jacke und die Fahrradtasche zu ersetzen, erscheint in einem Land, wo kaum jemand Fahrrad fährt, unmöglich. Im fünften Laden finden wir dann doch eine kleine, die zwar nicht wirklich geeignet, aber unsere beste Option ist. Beim Schneider lassen wir sie ändern. Insgesamt kommen uns der Diebstahl teuer zu stehen.

Ein Berg in sieben Farben

Das nächste Ziel, das wir von Cusco aus ansteuern, ist der umgangssprachlich als Rainbow Mountain bekannte Berg. Also steht uns am Samstag wieder eine Fahrt im Kleinbus bevor, diesmal allerdings kürzer. Der Rainbow Mountain heißt so, weil sieben in Schichten abgelagerte Mineralien ihm sieben Farben verleihen. Auf den Fotos, die wir vorab gesehen haben, wirkte das immer unnatürlich und bearbeitet, aber es ist echt. Unglaublich, was die Natur so alles anstellt. Man meint, es gäbe Richtlinien wie: Berge sind erdfarben oder grau, aber auch daran hält sich die Natur nicht immer. Ein Berg kann eben auch rot, gelb, rosa und türkis sein, kurz: bunt.

In unserer Tour sind Frühstück und Mittagessen inbegriffen und wir sind positiv überrascht. In einem sauber gestrichenen Restaurant stehen mit grünen Tischdecken bedeckte Tafeln, darauf Teller mit Wurst, Käse, Marmelade und Butter. Jeder bekommt ein Omelett und einen Pfannkuchen. Eine Kellnerin bringt eine Kanne heißes Wasser, Kaffeekonzentrat und Tee. Das alles ist weit mehr, als man in Peru unter Frühstück versteht. Dann geht die Fahrt weiter, gefolgt von eineinhalb Stunden Fußmarsch. Man kann den Rainbow Mountain von unten bereits sehen, allerdings nur von der Seite. Je weiter wir nach oben kommen, desto kühler wird es. Das scheinen allerdings nur wir europäischen Weicheier so zu empfinden, die Peruaner, die hier Tee verkaufen und Pferde führen, tun dies ohne Handschuhe und teils sogar in Sandalen. Wir sind über 5000 m hoch und schwimmen in einem Strom von Touristen. Es erscheinen mir viel mehr als in Machu Picchu, aber das mag daran liegen, dass sie sich hier nicht zerstreuen. Der Nachbarberg ist der Aussichtspunkt, die Touristenattraktion selbst darf man nicht betreten und das ist auch gut so, denn die Menschenmassen würden sie innerhalb eines Jahres in Grund und Boden trampeln. Es ist kaum möglich, ein Foto ohne 500 begeisterte Chinesen im Hintergrund zu bekommen, aber unser Führer führt uns den Berg ein Stück hinab, sodass wir seitlich unterhalb aller anderen Leute stehen. Nun haben wir freie Sicht auf den Rainbow Mountain und die umliegenden Berge, die ebenso bunt sind.

Lange dürfen wir die nicht genießen, denn den Aufenthalt in dieser Höhe sollte man aus gesundheitlichen Gründen auf 20-40 Minuten beschränken. Danach setzen Kopfschmerzen und Übelkeit ein. Für diesen Fall hat unser Führer aber auch eine Sauerstoffflasche und Alternativmedizin, wie er es nennt, dabei. Aber mir wird einfach nur kalt. Finger und Zehen pochen, der schneidende Wind fühlt sich an wie -10 Grad. Ich bin definitiv nicht warm genug angezogen, habe die Temperatur unter-, nein eher überschätzt. Es beginnt zu schneien. Ich zittere inzwischen so sehr, dass ich kaum mehr einen Fuß vor den anderen setzen kann. Irgendwie klappt es dann doch, wie immer, wir erreichen den warmen Bus. Von Cusco aus kann man viele Ausflüge machen, aber ich habe das Gefühl, an zwei Tagen die beiden Highlights abbekommen zu haben, obwohl ich das, ohne den ganzen Rest gesehen zu haben, natürlich gar nicht beurteilen kann.

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