Vier Radler an der Grenze

Vier Radler an der Grenze

Eine Stadt zu verlassen, ist immer stressig. Da bildet Cusco keine Ausnahme. Die Busfahrer haben einen besonders rücksichtslosen Fahrstil, sie scheren direkt vor unserer Nase ein und wenn wir nicht bremsen, werden wir an der Buswand zermatscht. Auch, wenn wir uns beschweren, zeigen sie keinerlei Einsicht. Wir sind ja nur Gringos und als Fahrradfahrer haben wir sowieso keine Daseinsberechtigung. Cuscos Vororte haben nichts mehr von dem Charme des Stadtkerns. Wir machen keine Pause, wollen Cusco schnell hinter uns lassen. Erst nach 30 km kommen wir kurz zur Ruhe und essen etwas an einem See. Dann fahren wir einen Berg hinauf auf die asphaltierte PE-3S Straße, der wir in den nächsten Tagen folgen werden. Unser Ziel ist Bolivien. Und als wir am Straßenrand kurz anhalten, um ein paar Schichten Kleidung abzutragen, kommen zwei weitere Radfahrer vorbei. Johanna und David sind in unserem Alter, kommen aus Freiburg und sind auf dem Weg nach Patagonien, wie die meisten Radfahrer, die wir treffen. Es ist wohl das beliebteste Ziel. Mal wieder Gesellschaft zu haben, ist so richtig schön und schnell bilden sich zwei neue Duos: Die Männer fahren voraus, Johanna und ich hinterher, alle sind wir in Gespräche verwickelt. Wie habt ihr das gemacht, seid ihr auch da lang gefahren, habt ihr den schon getroffen? Tatsächlich haben unsere Routen so viele Überschneidungen, dass es mich wundert, dass wir einander nicht schon früher begegnet sind. Sogar unser Startpunkt war gleich: Quito. Und ebenso wie wir haben sie bei dem Warmshower-Gastgeber Sebastian übernachtet. Allerdings sind die beiden Süddeutschen schon einen Monat vor uns gestartet und zahlreiche Schlenker gefahren. Der Gesprächsfaden reißt über Stunden nicht ab, so viel gibt es zu berichten und so viele Erfahrungen zu teilen. Ich erkenne Parallelen zwischen Johanna und mir: Auch sie ist durch ihren Freund zum Fahrradfahren gekommen, hat mit David zuerst kleinere Touren gemacht und nun nach dem Studium sind beide ins große Abenteuer aufgebrochen. Uns stören dieselben Dinge: das eintönige Essen, die rabiate Fahrweise, die Umweltverschmutzung. Wir bekommen dieselben Fragen gestellt: Woher kommt ihr, wohin fahrt ihr, ist das nicht anstrengend mit dem Fahrrad, wo ist denn der Motor? Die beiden haben sich angewöhnt, immer nur nähere Etappenziele zu nennen, da die meisten Leute ohnehin noch nie eine Weltkarte gesehen haben und daher nicht wissen, wo Patagonien liegt, geschweige denn Deutschland. Wir wurden auch schon oft gefragt, ob wir mit dem Fahrrad aus Deutschland gekommen wären. Dass zwischen Europa und Südamerika ein Ozean liegt, wissen die meisten Menschen hier einfach nicht. Die Schulbildung ist auf dem Land nicht besonders ausgeprägt. Viele Erwachsene können nicht einmal lesen. Johanna erzählt mir, dass eine alte Dame mal eisern überzeugt war, Deutschland zu kennen und dass das ein Ort bei Lima sei. In solchen Fällen läuft jede Erklärung ins Leere, man stimmt dann am besten einfach zu, jaja, Deutschland liegt da bei Lima.

Kilometer in Bestzeit

Am Abend suchen wir uns gemeinsam einen Platz zum Campen. Auch, wenn wir unterschiedliche Ziele haben, fahren wir dieselbe Etappe nach Bolivien. Ganz selbstverständlich brechen wir am nächsten Morgen wieder gemeinsam auf, die Straße ist ein Traum, kaum Steigungen, frisch asphaltiert, dazu noch Rückenwind und ein Seitenstreifen. So fliegen die Kilometer nur so dahin, bei unserem Gequatsche vergeht die Zeit wie im Flug. Am Dienstag schlagen wir unsere Zelte auf dem Gelände eines Schwimmbads auf, die heißen Quellen sind auf dem Rasen verteilt und Balsam für unsere Muskeln. In drei Tagen fahren wir 288 km, brechen unseren Tagesrekord mit dem Top-Ergebnis von 114 km an einem Tag. Andauernd kommen wir an Lama- und Schafsherden vorbei und Marius bleibt jedes Mal verzückt stehen, um Fotos zu machen, also haben wir jetzt an die 500 Lamafotos. Er versucht auch, sie zu füttern, will unbedingt eins streicheln, aber die scheuen Tiere weichen ihm aus.

Der Weg zum Titicaca See führt uns dann doch irgendwann weg von der wundervoll asphaltierten Straße auf einen Sandweg, der sich über eine mit Gräsern bewachsene Ebene auf eine Bergkette zieht. Die Berge sehen gar nicht so weit weg aus, aber während wir uns so durch die Gräser schlängeln, kommen sie über Stunden kaum näher. Zu unserer Überraschung ist diese Einöde sogar besiedelt und das auch nicht gerade dünn. Immer wieder kommen wir an Viehherden und kleinen Ansammlungen von Häusern vorbei, den Schafen sind die Vorderbeine zusammengebunden, damit sie nicht weglaufen können. So stolpern sie mühsam von einem Grasbüschel zum nächsten. Sogar eine Schule gibt es, deren Schüler aus den Toren stürmen, uns mit Fragen überschütten und alles anfassen wollen. Als wir wieder auf eine richtige Straße einbiegen, ist der Seitenstreifen, auf dem wir uns in den letzten drei Tagen vor den Autos zurückziehen konnten, verschwunden, das Verkehrsaufkommen dafür aber gestiegen. David und Johanna haben Stöcker an ihre Gepäckträger geklemmt, um die Autos beim Überholen zur Einhaltung eines Sicherheitsabstandes zu zwingen. Von alleine würde den nämlich keiner einhalten. Wir werden, wie immer, dauernd abgehupt. Die einzigen Variationen sind das mehrfache Hupen nacheinander oder das durchgehende Hupen beim Überholen. Einige Fahrer machen sich einen Spaß daraus, direkt vor uns einzuscheren, obwohl auf der Fahrbahn mehr als genug Platz ist. Johanna und ich werden sogar einmal aus dem Autofenster mit Plastikmüll beworfen. Es wird deutlich: Wir sind hier unerwünscht. Ein Grund mehr, Peru endlich zu verlassen.

Der Titicaca See

Am Freitag erreichen wir dann den Titicaca See, oder eher einen Ausläufer davon. Die Bucht ist recht klein und verwehrt den Blick in die Weite, gibt aber einen guten Vorgeschmack auf den See. Das Wasser ist tiefblau, ein paar felsige Inseln ragen aus dem Wasser und in der Ferne hängen ein paar weiße Wolken darüber. Die Straße um den See herum ist überraschend hügelig, aber wir genießen den ganzen Tag über wundervolle Ausblicke. Am Ufer stehen kleine Häuser, die Menschen hier fischen und haben kleine Viehherden. In Europa wäre so ein Haus am See unbezahlbar, hier leben Bauern in dieser grandiosen Landschaft. Die Nordseite des Sees ist kaum touristisch, daher sind vier vorbeifahrende Radler eine echte Attraktion, die angeglotzt werden muss. Dann beginnt es zu regnen. In den sechs Wochen, die wir hier verbracht haben, hat es kein einziges Mal geregnet, nun scheint uns Peru gebührend verabschieden zu wollen.

Fiesta

In Moho gibt es ein Hotel und die Aussicht auf eine Dusche hat uns alle den ganzen Tag beflügelt. Als wir das Städtchen erreichen, ist es laut, sehr laut. Wir folgen der Musik der Blaskapelle zum zentralen Platz. Dort ist eine Parade mit kostümierten Gestalten in vollem Gange, tanzende Frauen in bunten, wehenden Röcken, als Gorillas verkleidete Männer und rundherum zahlreiche Stände mit Spielzeug, Popcorn und Frittiertem. Da sind wir wohl mitten in eine Feierlichkeit hereingeplatzt. Wir schwärmen aus und checken die Lage. Es ist das Fest des Schutzpatrons der Stadt. Das Hotel ist ausgebucht. Ein Besoffener will Marius vom Fahrrad ziehen und zu einem Bier einladen. Insgesamt ist die Lage etwas schwieriger, als wir sie uns vorgestellt haben. Nun werden wir bei der Kälte und Nässe wohl noch zelten müssen. Aber erstmal treibt der Hunger uns an einen der Straßenstände. Bei all den vorbei strömenden, teils alkoholisierten Menschen können wir jedoch die Fahrräder nicht im Auge behalten. Auf der Suche nach einer Toilette entdecke ich in einer etwas ruhigeren Seitenstraße ein Restaurant, hier können wir die Fahrräder reinschieben. Wir bestellen Suppen und Reis mit frittiertem Huhn, etwas Anderes gibt es eh nicht. Langsam tauen unsere Füße etwas auf und die Aussicht, wieder in den Regen hinaus zu fahren und einen Zeltplatz zu suchen, erscheint immer unattraktiver, zumal es bald dunkel wird. Also fragen wir den Wirt, der uns gerade Eukalyptustee serviert, ob wir in der Garage nebenan, in der auch die Toiletten sind, zelten dürfen. Er sagt ja, bevor wir die Frage überhaupt zu Ende formuliert haben. In der Garage liegen Materialen von wohl geplanten, aber nie durchgeführten Bauarbeiten, im Keller darunter scheint die Familie des Wirts zu wohnen. Aber der Ort ist windgeschützt und trocken. Die drei anderen ziehen los, um noch einen Burger zu essen, ich sehe mich als Vegetarier an den Ständen chancenlos und bleibe lieber im Zelt.

An der Grenze nach Bolivien

Am Samstag wollen wir die Grenze überqueren. Es sind noch 38 km bis dorthin. Im letzten Dorf vor der Grenze müssen wir uns ausstempeln. Unser Versuch, Geld zu wechseln, scheitert zunächst, da die örtliche Wechselstube geschlossen hat. Vermutlich sind alle auf dem Fest in Moho. Aber nach einiger Suche erbarmt sich eine Ladenbesitzerin und wechselt uns zumindest ein bisschen Geld, sodass wir nicht völlig blank nach Bolivien einziehen müssen. Auf peruanischer Seite passieren wir, einige Kilometer vor dem eigentlichen Übergang, einen Kontrollposten. Dort müssten wir unsere Stempel vorzeigen, allerdings ist das Gebäude nur von 12:00 bis 13:00 Uhr besetzt. Mit unseren Fahrrädern können wir uns leicht an der Schranke vorbeischlängeln, mit einem Auto hätten wir wohl bis zum nächsten Tag warten müssen. Dann sieht uns doch noch ein Polizist, fragt uns, ob wir uns ausgestempelt haben und winkt uns dann durch, ohne zu kontrollieren. Eine asphaltierte Straße windet sich die Hügel hinauf, die Grenze können wir noch immer nicht sehen. Dies hier scheint ein Streifen Niemandsland zu sein, ohne Viehherden und ohne Menschen, nicht Peru und auch nicht Bolivien. Etwa eine Dreiviertelstunde radeln wir höher und höher den Berg hinauf. Als wir ganz oben sind, haben wir einen Blick auf den dunkelblauen Titicaca See. Er sieht aus wie das Meer. Das andere Ufer ist nicht erkennbar. Vor uns steht ein weißer Pfosten, Peru steht auf der einen, Bolivien auf der anderen Seite. Das haben wir uns spektakulärer vorgestellt. Der Asphalt endet und wird von einer Schotterpiste abgelöst. So erkennt man also, wo ein Land endet und das nächste beginnt. Wir stehen an der Grenze. Noch ein Schritt, dann sind wir in Bolivien.

This Post Has One Comment

  1. Hopefully our North American compatriots enjoy a much broader education than our South American neighbours, since we certainly would not want to disappoint or unnerve any European visitors to our shores.

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