Von den Bergen in den Dschungel

Von den Bergen in den Dschungel

Bolivien empfängt uns mit eiskaltem Gegenwind. Direkt an der Grenze endete der Asphalt und wir werden auf einer sandigen, mit Steinen gespickten Piste durchgeschüttelt. Alle ziehen zusätzliche Jacken und Handschuhe an, um dem plötzlichen Temperatursturz entgegen zu wirken. In Puerto Acosta müssen wir uns wieder anmelden. Obwohl die zuständige Kontrollstelle laut Öffnungszeiten bis 18:00 Uhr besetzt ist, ist die Tür abgeschlossen. Also fragen wir uns durch, werden von Haustür zu Haustür geschickt und finden schließlich den zuständigen Beamten. Er schließt uns auf und gewährt jedem 30 Tage Aufenthaltsgenehmigung, mehr geht nicht, sagt er, aber wir könnten zweimal kostenlos verlängern. Nachdem das endlich erledigt ist, suchen wir uns ein Hotel und gehen Abendessen. Ein Restaurant gibt es nicht, aber wir finden eine Frau mit Schürze in einer einfachen Küche, die uns Suppe, Reis, Huhn und frittierten Käse serviert. Die Stimmung ist heiter, wir sind alle müde und hungrig. Nach dem Essen fragen wir sie nach Tee und bekommen stattdessen einen Instantkaffee, in dem so viel Zucker ist, dass der Löffel darin eigentlich stehenbleiben müsste. Und was sind weitere grundlegende Bedürfnisse des modernen Menschen? Internet! Also kaufen eine Simkarte für Marius‘ Handy. Im ganzen Dorf gibt es die nur von Tigo, also haben wir keine Auswahl. Was uns etwas stutzig macht ist, dass die Verkäuferin selbst einen anderen Anbieter, Entel, nutzt. Aber sie ist sehr hilfsbereit und registriert die Karte auf ihren eigenen Namen, da Ausländer sich nicht als Kunden anmelden können. Nach einer Dreiviertelstunde funktioniert dann auch alles. Im Gegensatz zu der im Hotel versprochenen warmen Dusche, die wie das ganze Hotel übermäßig verdreckt ist und natürlich nur ein paar kalte Tropfen von sich gibt. Das ist am nächsten Morgen auch nicht besser. Angeblich ist es eine Solardusche, also soll das Wasser bei Sonnenschein erhitzt werden. Eine schöne, umweltfreundliche Idee, die in der Praxis leider wenig taugt. Wir entscheiden einstimmig, den ohnehin sehr unfreundlichen Hoteleigentümern 10% weniger zu bezahlen. Das gibt natürlich eine große Diskussion, für uns ist der Preis ohnehin sehr niedrig, aber wir haben es satt, ständig etwas versprochen zu bekommen, was dann nicht eingehalten wird. Nur, weil wir Gringos sind, müssen wir uns ja nicht veralbern lassen. Da das Internet auf Marius‘ Handy gut funktioniert, kaufen auch Johanna und ich Simkarten von Tigo. Da die Einrichtung eine Wissenschaft für sich ist, kommen wir erst nach 11:00 Uhr los.

Bolivianische Infrastruktur

Die ersten Tage in Bolivien radeln wir auf einsamen, sehr schlechten Straßen. Wir wollen nach Mapiri und von dort aus nach Guanay, um eine Dschungeltour zu machen. Die Gegend ist schlecht ausgebaut und das merkt man. Wir schaffen nur 26 km am ersten Tag, dichter Nebel behindert unsere Sicht am Abend und es ist sehr windig. Hier sollen wir campen? Das könnte kalt werden. Zum Glück finden wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit ein verlassenes Haus an der Straße. Das ist zwar abgeschlossen, aber durch ein zerbrochenes Fenster klettere ich hinein und inspiziere die Räume. Es sind drei an der Zahl, der Boden von den Scherben der Fensterscheiben übersät, aber die drei Zimmer sind ansonsten leer und die Wände bieten uns Windschutz. Als ich das Schloss betrachte und überlege, dass man es ja abschrauben könnte, kracht es laut, die Tür fliegt auf, draußen steht David mit einem dünnen Baumstamm in beiden Händen. So geht es natürlich auch: einfach mit dem Rammbock durch die Tür. Johanna und ich fegen die Scherben mit Grasbüscheln beiseite, dann steht der häuslichen Einrichtung nichts mehr im Wege.

Fünf Leute mit sieben Meinungen

Der schnellste Weg nach Mapiri führt über einen ländlichen Streckenabschnitt in den Bergen. In einem Dorf 5km vor der Abzweigung erkundigen wir uns nach dem Zustand der Straße. Wir reden mit fünf Personen, die alle sehr Unterschiedliches berichten: Zunächst heißt es, der Weg wäre noch von den Inka angelegt und eigentlich nur ein Eselpfad, den man nicht mal mit einem Motorrad fahren könne, die Brücke über den Fluss sei weggespült. Der nächste und übernächste erzählen uns, die Straße sei in sehr gutem Zustand, der vierte Befragte gibt an, heute erst aus Guanay gekommen zu sein. Aha, und wem sollen wir jetzt glauben? David will die Strecke, die er schon von Deutschland aus geplant hat, unbedingt fahren, Johanna ist dazu ebenso bereit wie einen Umweg zu fahren, Marius und ich forcieren eher eine andere Straße, die allerdings 100 km weiter außen herum führt. David und Johanna haben Mountainbikes mit Federung, wir fahren Trekkingräder, die für sowas nicht geeignet sind. Nachdem wir in Peru in der Schlucht mit verschütteter Straße so aufgelaufen sind, haben wir genug von experimentellen Abenteuern. Wir vertagen die Entscheidung und fahren zu der Abzweigung. Dort machen wir eine Teepause und warten eine halbe Stunde, wer so vorbeifährt und ob jemand die Abzweigung nutzt. Ein Eselpfad ist es schonmal nicht, Autos können hier auf jeden Fall fahren. Die Frage ist nur, ob sich das in 10 oder 20 km ändert. Während wir so dasitzen und Tee trinken, kommt ein Hund mit einem grünen Band um den Hals angelaufen. Das grüne Band tragen hier viele Streuner, warum, wissen wir nicht. Ohne jede Scheu setzt er sich zu uns und leckt den herunter gekrümelten Zucker auf. Nacheinander kommen vier Autos vorbei, zwei von dem nun-doch-nicht-Eselpfad. Die erzählen nun alle, dass Straße und Brücken fahrbar wären. So stehe ich mit meiner Meinung, lieber den sicheren Weg und zwischendurch vielleicht einen Bus zu nehmen, bald alleine da und werde überstimmt. Leider stehen wir auch ein bisschen unter Zeitdruck, der Weg nach Mapiri ist weit und wir wollen die Dschungeltour am 21. September buchen. Als wir aufbrechen, überlegt der Hund nicht lange und läuft uns nach. Sonst ist weit und breit kein Haus zu sehen, keine Menschen, vermutlich sind wir seine beste Aussicht auf Futter.

Unsere Reifen schlittern über die steinige Piste, mein Rücken bedankt sich schonmal, aber die Landschaft ist wirklich schön. Die ersten 20 km, die wir an diesem Tag noch schaffen, sind zwar unbequem, aber dennoch bin ich froh, dass wir uns nicht aufgeteilt haben. Die Sonne sinkt und es wird immer kühler, die Auswahl an möglichen Campingplätzen ist mau. In Ermangelung von Alternativen bauen wir unser Lager hinter einem weißen Haus auf. Hinein kommen wir diesmal nicht, es sei denn, wir schlagen ein Fenster ein, und so viel kriminelle Energie können wir dann doch nicht aufbringen. Der Hund, den wir inzwischen ganz unkreativ „Hundi“ nennen, versucht von allen Seiten, die Nase in die Essenstüten und die Kochtöpfe zu stecken. Zu meinem Erstaunen verschlingt er nicht nur trockenes Brot, das wir ihm hinwerfen, sondern auch den Tomatenstrunk. Ohne zu kauen schlingt er alles hinunter. Nach Sonnenuntergang wird es sofort bitterkalt und wir kriechen in die Zelte, die wir strategisch so aufgestellt haben, dass das Haus das Gröbste abschirmt. Leider hat der Wind inzwischen gedreht und attackiert mit voller Wucht unser Zelt, das der anderen Beiden steht dahinter. Der Wind fährt unter die Plane, bringt sie zum Knattern und erobert das Zelt. Ich finde kaum Schlaf und bin am nächsten Tag völlig im Eimer. Der Hund hat sich zwischen den Zelten eingerollt und schläft, aber als wir zusammenpacken, kommt Leben in das dürre Gerippe und er läuft schwanzwedelnd umher, immer bemüht, möglichst vielen Leuten gleichzeitig im Weg zu stehen.

Die nächsten Tage folgen wir der sandigen Piste durch die Berge, vorbei an kleinen Seen und trockenen Wiesen, Bäume gibt es keine. Lamaherden sind die einzigen Bewohner dieses Gebietes. Als wir über 4500 m kommen, verschwinden auch die Gräser und die Welt wird grau. Wir sind umgeben von Gestein, unterwegs zu einem Pass auf 4800 m Höhe, das wird der höchste Punkt unserer Reise, den wir per Rad erreichen. Da wir bergauf eher langsam sind, hat Hundi wenig Schwierigkeiten, mit uns mitzuhalten. Tauchen andere Hunde am Wegesrand auf, vertreibt er sie durch lautes Bellen und Knurren. Die Wolken stehen zwischen den Zacken des Gipfels und verleihen dem Berg ein mystisches Aussehen. Während Johanna und ich uns die Serpentinen hoch quälen, ist David schon oben angekommen. Das Tempo, das er vorlegt, ist unglaublich, als hätte er einen Motor am Rad. Anstrengung scheint er nie zu empfinden, auch nicht, als er den Berg wieder hinunter sprintet um mir mein Fahrrad abzunehmen und auch das noch auf den Gipfel zu fahren.

Auf der grüneren Seite

Vor der Abfahrt wechselst Marius noch die Bremsbeläge an meiner Magura HS 33, denn nach langem Dienst traue ich ihnen die Fahrt den Hang hinab nicht mehr zu. Hundi liegt auf der Straße und schläft. Auf der anderen Seite ist das Tal viel grüner, die Natur bringt wieder Farben ins Spiel. Inzwischen wird unser Essen knapp und wir hoffen, in dem kleinen Dorf in einigen Kilometern etwas einkaufen zu können. Dort stehen aber nur ein paar Häuser, völlig verdreckte Kinder starren uns neugierig an, als wir in ihr Hoheitsgebiet einfahren. Vermutlich sind wir die ersten Fremden, die sie sehen. Da es keinen Laden gibt, versucht Johanna, einem Privathaushalt etwas Reis für unser Abendessen abzuquatschen, für Geld natürlich. Allerdings ist die Verständigung schwierig, weil niemand hier Spanisch spricht. Die Sprache der Andenvölker in Quechua. Mit Händen und Füßen gelingt es ihr aber doch, ein halbes Kilo Reis für überteuerte 10 Bs zu kaufen. Das wird ein karges Abendessen, aber: Wir haben etwas zu essen! Im nächsten Dorf gibt es dann überraschenderweise ein Restaurant, wo wir eine richtige Mahlzeit kaufen können. Hundi freut sich über die Hühnerknochen, die er ebenfalls einfach runterschluckt. Dann bekommt er noch Thunfisch aus der Dose und Reis. Er wirkt zufrieden, als er den letzten Krümel von unseren Tellern geleckt hat. Besonders schlau ist er leider nicht, wenn man ihm sein Essen nicht genau vor die Nase stellt, findet er es nicht. Dafür ist seine Treue umso größer, inzwischen hat er einen Verteidigungsinstinkt für uns entwickelt und wir werden von aggressiven Hunden nicht mehr belästigt. Als wir in der Nacht auf einem Fußballfeld am Dorfrand zelten, vertreibt er jeden, der uns oder den Fahrrädern zu nahe kommt. In den folgenden zwei Tagen geht es mehr und mehr bergab, es wird wärmer und die Vegetation vielfältiger. Da wir merklich an Tempo zulegen, hat Hundi inzwischen Schwierigkeiten, mitzuhalten. Oft halten wir an und warten auf ihn oder schieben ihn zu einer Pfütze, damit er mal etwas trinkt. Dennoch zeichnet sich ab, dass unsere gemeinsame Zeit sich dem Ende zuneigt. Johanna schlägt vor, ihn im nächsten Dorf davonzujagen, aber obwohl das wohl das Beste wäre, bringe ich es nicht übers Herz. Andererseits wird er, wenn er uns weiter nachläuft, bald kollabieren. Also fahren wir noch schneller, um ihn abzuhängen. Das klappt dann auch irgendwann. Der nächste Ort ist nicht weit, wenn er der Straße folgt, findet er bald dorthin.

Die Erde ist inzwischen rot, vermutlich wegen irgendwelcher Mineralien im Berg. Es ist spät, die Sonne geht bald unter, David will eine Nachtschicht einlegen. Tatsächlich sind wir zu langsam, auch wenn wir bergab fahren, weil die Straße so von Steinen durchsetzt und versandet ist, dass wir nur mit angezogenen Bremsen hinunterrollen können. Hinter dem Dorf geht es nur bergab, wir sollten noch 20 km bis zum nächsten Hotel fahren, findet David. Aber mir ist die Straße im Hellen schon gefährlich genug und so einigen wir uns darauf, auf einem Feld zu campen und morgen früher aufzubrechen.

Manche haben Entel, andere eben nicht

Im Dorf kauft David eine Simkarte von Entel, nun hat er als Einziger Empfang. Die Tigo-Karten, die wir anderen drei für unsere Handys gekauft haben, stellten sich schnell als Fehlinvestition heraus, denn anscheinend ist das Tigo-Netz so schlecht, dass man nirgends Empfang hat außer in dem Dorf, wo wir die Karten gekauft haben. Das nimmt David natürlich zum Anlass, uns alle aufzuziehen und alle paar Minuten zu verkünden: „Also, ich hab hier 3G Netz, und ihr so?“ Wir alle müssen lachen. Vor dem Schlafengehen witzeln wir noch, dass morgen früh bestimmt der Hund vor unseren Zelten liegt, aber als wir am nächsten Morgen aufstehen, ist er weit und breit nicht zu sehen.

Regenwald

Wie gut, dass wir nicht in der Nacht weitergefahren sind! Es geht nämlich kaum bergab sondern in Wellen runter und rauf. Für die weiteren 20 km hätten wir drei Stunden gebraucht und das besagte Hotel gibt es eh nicht. Es sieht immer mehr nach Regenwald aus, so, wie man sich das vorstellt: Bäume mit bunten Vögeln, die laute Geräusche machen, bunte Blüten, schwüle Hitze und viele Bäche, die die Pflanzen bewässern. Lianen hängen über dem Weg, alle Blätter sind feucht, teilweise sind sie so groß wie Regenschirme. Das Dickicht ist so eng in sich verwoben, dass man nicht hineinsehen kann, nur das Rascheln und ein paar wackelnde Stängel verraten, dass sich hier Tiere herumtreiben. Obst sehen wir kaum, wahrscheinlich bauen die Leute hier keins an, weil sie selbst es kaum essen. Über manche Bäche führen kleine Brücken, andere fließen einfach über die Straße. Die anderen drei fahren dann mit Schwung durch, ich mit meinen schmalen Reifen traue mir das nicht zu, steige ab und schiebe, was nie unkommentiert bleibt. Hinter der nächsten Biegung stehen sie und warten, um mich anzufeuern: „Mit Schwung! Schwung!“, brüllen sie. Also nehme ich meinen Mut zusammen und beschleunige statt zu bremsen, obwohl der Bach dieses Mal besonders breit und tief ist. In der Mitte bleibe ich stecken, muss mit beiden Füßen 30 cm tief ins Wasser steigen, um nicht umzukippen und stapfe mit vollgesogenen Schuhen und nasser Hose ans Ufer. Die Drei können sich vor Lachen kaum halten. Meine Schuhe sabschen, als ich auf den Boden auftrete, das Wasser läuft aus der Hose. Mitten im Regenwald finden wir eine kleine Stadt, die auf keiner Karte eingezeichnet ist. Es ist richtig idyllisch hier mit den kleinen Häusern zwischen den mit Lianen behangenen Bäumen und wir machen Pause und essen. Bei der Weiterfahrt ist es so heiß, dass wir an jedem Bach anhalten und unseren Köpfe hineinstecken. Nasse Kleider sind die beste Erfrischung. Es ist erstaunlich, wie schnell die Landschaft sich verändert hat, wie eng die Kontraste beieinander liegen. Kaum zu glauben, dass wir noch im selben Land sind.

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  1. Hallo Ihr Zwei!
    Wir sind ein Paar aus Aachen und werden am 8. Okt auf das Rad-Abenteuer in Südamerika aufbrechen. Wir fahren von Quito (tembr) nach Patagonien. Könnt Ihr uns eine Einschätzung zur Sicherheitslage geben? Gerne könnt Ihr uns auch per Mail antworten. Vielen, vielen Dank und ganz viel Spaß ! Und danke für den tollen Blog!

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