Willkommen im Dschungel

Willkommen im Dschungel

Als unser Boot in Guanay ablegt, ändert sich zunächst wenig am Panorama. Dichtes, grünes Gestrüpp auf beiden Seiten des Flusses, daraus ragen dürre Stämme hervor, die ausladende Baumkronen tragen. An ihrer Rinde hängen Termitennester, so groß, dass sie aus zehn Metern Entfernung sichtbar sind. Einzelne Bäume blühen, es sind mehrere Quadratmeter große Farbflecken im Grün und die Blüten haben knallige Färbungen, orange oder lila, manchmal pink. Im Getümmel des Dschungels wollen sie auffallen, um mehr Insekten anzuziehen. Bald beginnt die Regenzeit, dann werden aus den einzelnen Blütenständen ein flächendeckender Konkurrenzkampf um das schönste Blütenkleid.

Der Baggerkalender

Hinter jeder Biegung des Flusses wartet ein neuer Bagger auf einer Plattform und gräbt im Flussbett nach Gold. Johanna legt die Kamera kaum aus der Hand und fotografiert eine Goldmine nach der anderen. „Wenn du nach Hause kommst, hast du wahrscheinlich 100 Baggerfotos gesammelt.“, witzle ich. „Ja, wir wollen euch einen Baggerkalender zu Weihnachten schenken!“, gibt sie scherzhaft zurück. Ich muss lachen über ihre Schlagfertigkeit. „Dann möchte ich auch ein paar Kräne dabeihaben bitte.“ Sie fotografiert einen orangenen Kran, dessen Farbe durchaus mit dem blühenden Baum mithalten kann. David steigt in die Konversation ein. „Eigentlich wollten wir euch einen Kalender mit Tigo-Sendemasten schenken“, sagt er, „aber wir haben keine gefunden.“ Brüllendes Gelächter. Das hat gesessen. Auf dem Berggipfel nebenan steht tatsächlich ein Sendemast, David hat mit seiner Entel-Karte vollen Netzempfang im Dschungel, wir anderen drei gehören mit unseren Tigo-Karten zur digitalen Unterschicht, unsere Handys hatten nur in Mapiri und Guanay Signal, und das auch nur schwach. Tigo Sendemasten sind anscheinend vom Aussterben bedroht. Leider wussten wir das nicht, als wir die Simkarten gekauft haben.

Abtauchen

Vom Boot aus nehmen wir den Dschungel als eine einzige, unebene Masse von Vegetation wahr. Am Nachmittag legen wir an und tauchen ein. Aus dem Grün lassen sich nun einzelne Gewächse ausmachen, Farne mit riesigen Blättern, Bananen- und Avocadobäume mit leider noch unreifen Früchten, graue Stämme und solche, die von Moosen und Pilzen überwachsen sind. Es ist unheimlich laut, die Tiere zeigen sich jedoch nur akustisch. Vögel rufen einander über die Bäume hinweg, Insekten zirpen. Nahe am Strand unter einem Baum bauen wir unsere Zelte auf. Unsere bolivianischen Begleiter schleppen eine Gasflasche, einen Stuhl, Plastiktisch, einen kleinen Herd und diverse Taschen heran. War das alles auf dem Boot? Unsere Köchin schneidet Gemüse und setzt Wasser auf, wir werden zum Baden geschickt. Ein kleinerer Fluss fließt, aus dem Dschungel über zahlreiche kleine und große Steine rauschend, in den Hauptarm. Hinter einigen riesigen Findlingen ist das Wasser aufgestaut und einen bis zwei Meter tief. In der schwülen Hitze sind wir schweißüberströmt und springen in Unterwäsche hinein. Das Wasser ist kalt, aber ausnahmsweise stört mich das so gar nicht. Als wir zurück zum Lager gehen, steht David mit drei Männern im Wald und hält uns begeistert etwas vor die Nase, das wie eine 60 cm lange Bohnenschote aussieht, nur irgendwie anders. Darin befinden sich etwa vier Centimeter lange, weiße, faserige Knüllchen, auf denen er mit nicht weniger Begeisterung herumkaut. „Voll lecker!“, kommentiert er. Da die Einheimischen sein Tun zu billigen scheinen gehe ich davon aus, dass sie das Gewächs als essbar kennen und probiere auch. Es schmeckt leicht süßlich und ist ein bisschen klebrig, der Eigengeschmack ähnelt nichts, was ich kenne, außer vielleicht Kaugummi.

Zurück im Lager steht das Essen fertig auf dem Tisch, welch ein Luxus! Das ist ja wie zuhause bei Mama. Es gibt gut gewürzten Reis, Rindfleisch und sogar Salat, von dem allerdings nur wir essen, denn die Südamerikaner, das haben wir schon oft festgestellt, mögen kein Gemüse.

Metamorphose

In der Dämmerung legen wir uns nebeneinander auf einen Findling am Strand und beobachten den Himmel. Tropenvögel fliegen von einem Baum zum nächsten und als es dunkel wird, blinken hier und da die ersten Glühwürmchen auf. Es wird nun noch lauter, denn die Nacht ist die Zeit der Insekten. Es müssen Milliarden sein. Als wir in unsere Zelte kriechen wollen, werden wir zufällig Zeugen eines Vorgangs, der jeden Insektenforscher in Ekstase versetzen würde. An einer von Marius Taschen hat sich ein brauner, etwa drei Centimeter langer Käfer festgekrallt und schält sich aus seinem am Rücken aufgeplatzten Panzer. Der Kopf ist schon draußen, er ist zart grün, mit langen Fühlern und neugierig umher kreisenden Augen. Eine halbe Stunde lang beobachten wir vier, im Kreis um die Tasche hockend, die Metamorphose. Das Ergebnis sieht ganz anders aus als das Ausgangstier, es ist komplett hellgrün und hat lange Flügel, die es langsam ausrollt. Wie hat das bloß in seinen alten Körper gepasst? Es ist gut ein Viertel länger. Die Verwandlung ist harte Arbeit für das kleine Wesen.

Am nächsten Morgen finden wir an einer anderen Tasche eine zweite leere Hülle. Diese Metamorphose ist von uns unbemerkt abgelaufen. Bevor wir weiterfahren, führen Peter (seinen richtigen Namen könne niemand aussprechen, sagt er, alle würden ihn Peter nennen) und sein Azubi uns eine halbe Stunde in den Dschungel hinein, entlang des Flusses, in dem wir gestern gebadet haben. Beide haben rostige Macheten dabei, mit denen sie den Weg frei schlagen. Der Untergrund ist feucht und schlammig. Wenn einer von denen ausrutscht, fällt er direkt auf seine Machete, denke ich besorgt. Ihnen scheint dieser Gedanke nicht zu kommen. Aber sie wissen genau, was sie tun, denn kurz darauf stehen wir, wie versprochen, vor einem Wasserfall. Durchgeschwitzt von dem Marsch baden wir gleich noch einmal. Es ist herrlich, wie auf einem kitschigen Werbefoto, ein brausender Wasserfall mitten im Urwald.

Sei ein braver Tourist

Heute zeigen Peter und seine Leute uns noch ein paar Felsbrocken am Flussufer. Sie zeigen immer wieder darauf und rufen etwas aus dem Heck des Bootes, irgendwas scheinen die Felsen mit den Mayas zu tun zu haben. Wir sehen nichts Besonderes. „Foto, Foto!“, ruft Luis, der Kapitän. Also sind wir brave Touristen und machen Fotos, ohne zu wissen, wovon. Als wir anlegen und die Steine in näheren Augenschein nehmen, sehen wir es auch endlich: In die Oberfläche sind in dünnen Linien Tiere eingraviert, Vögel und Affen. Es erinnert vom Stil her an die Nazca-Linien.

Dann dürfen wir an anderer Stelle noch einmal baden, aber heute ist es merklich kühler als gestern und so stürmen wir diesmal nicht alle ins kühle Nass. David und Marius versuchen am Wasserlauf entlang so weit wie möglich nach oben zu klettern, machen sich gegenseitig Räuberleitern und hecken Strategien aus, wie sie die nächste Etappe den Wasserfall hinauf überwinden können. Irgendwann werden sie zurückgepfiffen. Ich sitze ein Stück unterhalb und beobachte die beiden. Derweil holen die Männer ein Schleppnetz ein, das sie während der Fahrt ausgeworfen hatten. Von all den folgenden Ereignissen erfahre ich erst im Nachhinein, da ich oben auf dem Felsen am Wasserlauf bleibe und den Strand nicht mehr sehe. Die anderen drei sind wieder unten. Dort hat Luis anscheinend das Netz mit dem noch lebenden und zappelnden Fischen einfach in den Sand geworfen, wo die kleinen Wesen nun um ihr Leben ringen. Die Köchin macht sich über ihr Gezappel lustig und hält einen an der Schwanzflosse in die Luft. Diese Grausamkeit macht Marius und David wütend, sie halten eine Standpauke, die auf wenig Verständnis stößt. Dass Tiere Gefühle haben und Schmerz empfinden, ist den Bolivianern völlig unbekannt. Marius und David erschlagen die Fische mit Steinen. Genau in diesem Moment betrete ich wieder den Strand, Marius sieht mich aus der Ferne und bedeutet mir mit wüsten Handbewegungen, fern zu bleiben. Nur an dem Stein in seiner erhobenen Hand kann ich erahnen, was dort gerade in Gange ist. Danach fällt es mir schwer, freundlich zu Luis zu sein.

Selbiger erzählt uns am nächsten Tag, er selbst habe fünf Jahre lang in einer der Goldminen gearbeitet. Noch vor zehn Jahren gab es hier keine Minen, nur Fischer, die inzwischen von dem vergifteten Fluss vertrieben sind, und ein paar Einheimische, die mit Sieben und Schüsseln nach Gold gesucht haben. Dann kamen die Kolumbianer mit großen Industriemaschinen, dann die Russen, nun sind es die Chinesen, die den Fluss ausbeuten. Auf den stählernen Plattformen tummeln sich tatsächlich Chinesen und Afrikaner, letztere wohl als billige Arbeitskräfte. Die Chinesen, weiß Luis zu berichten, hätten eine eigene Stadt im Wald gebaut, wo sie abgeschottet leben. Spanisch spricht keiner von ihnen.

Zutrauliche Dschungelbewohner

Am dritten Tag unserer Fahrt kommen wir an einem offiziellen Eingang zum Nationalpark vorbei. Eigentlich kostet der Eintritt 150 Bs pro Person, aber David handelt uns da irgendwie heraus. Gleich am Eingang laufen zwei Ferkel auf uns zu, gefolgt von einem Tier, dessen Name ich nicht kenne. Es ist etwa so groß wie eine Katze, hat das Gesicht eines Nasenbären und den Schwanz eines Waschbären. Ich hocke mich hin, um den kleinen Kerl zu fotografieren, da springt er mir auf den Schoß und klettert auf meine Schulter. Ich bin total erschrocken davon, muss aber lachen.

Mit Peter und seiner Machete laufen wir ein Stück in den Regenwald hinein, die beiden kleinen Tiere, nennen wir sie mal Nasenbären, flitzen zwischen unseren Beinen hindurch mit uns mit. Den Ausflug genießen sie scheinbar. Peter erklärt uns die zahlreichen Bäume, einer von ihnen ist mit Stacheln am Stamm bewehrt. Über den Weg spannt sich ein ausladendes Spinnennetz, das anders als alles, was ich zuvor gesehen habe, dreidimensional ist und bewohnt von an die 100 Spinnen.

Am frühen Nachmittag erreichen wir Rurrenabaque. Die Stadt ist voller Menschen, viel größer als Guanay und ziemlich touristisch. Zum Glück, denn aus diesem Grund gibt es hier einen Geldautomaten mit VISA-Zeichen. Dort heben wir den vereinbarten Betrag ab und bezahlen unsere vier Führer. Die haben von unseren Überlegungen Wind bekommen, auch hier noch einmal eine kleine Tagestour in den Nationalpark zu machen, denn wir haben bisher nur wenige der Tiere gesehen, die hier heimisch sind und wollen das nachholen. Also erwartet uns am Hafen noch ein Hermanito von irgendwem, der auch Touren anbietet und erklärt uns sein Angebot. Das überlegen wir uns, erstmal wollen wir etwas essen. Die Pizzeria, von der wir schon den ganzen Tag träumen, hat noch geschlossen. Also fahren wir erst in das Hotel, das Luis uns empfohlen hat. Das ist einfach und renovierungsbedürftig, aber billig. Das ausschlaggebende Argument bildet aber die überdachte, mit Hängematten ausgestattete Terrasse am Fluss. Ein paar Hunde, Katzen, ein Papagei und sogar ein weißes Kaninchen laufen zwischen den einzelnen Gebäuden umher. Bis die Pizzeria aufmacht, dösen wir in den Hängematten vor uns hin, telefonieren und sortieren Fotos.

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  1. Die Elke und ich geniessen Eure Berichte sehr und fahren in Gedanken mit.

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