Kaimane und rosa Delfine

Den ursprünglichen Plan, sehr früh aufzubrechen, boykottieren Johanna und ich. Das Frühstück in unserem Hotel ist inklusive und dem wollen wir eine Chance geben, obwohl Frühstück in Südamerika meist ein trockenes Brötchen mit einem Klecks Marmelade bedeutet. Und diesmal wird unser Vertrauen belohnt. Als wir um 7:30 Uhr am Tisch sitzen, bekommen wir jeder einen Teller mit einem Berg von frischem Obst und zwei Pfannkuchen mit Marmelade und Schokolade. Darüber fallen wir gierig her und schlingen alles restlos herunter. Dabei unterhalten wir uns mit einer niederländischen Familie. Das Paar mit Tochter arbeitet in einem Heim für erkrankte Wildtiere.

Als wir aus Rurrenabaque herausfahren, tut mir das fast ein bisschen Leid, denn die Stadt im Dschungel war mir sehr sympathisch und das Angebot an Restaurants und Lebensmitteln so viel reicher, als wir es mittlerweile gewöhnt sind. Die etwa 100 km nach Santa Rosa de Yacuma wollen wir möglichst an einem Tag durchziehen, denn auf dem Weg liegt nur ein einziges winziges Dorf. Die Straße ist zunächst asphaltiert und während ich misstrauisch frage, wie lange uns dieses Glück wohl noch erhalten bleiben wird, müssen wir in eine der sandigen Schotterpisten abbiegen, wie wir sie schon kennen. Im Sekundentakt rumpeln mit Steinen beladene Kipplaster an uns vorbei. Sie wirbeln so viel Staub auf, dass wir kaum drei Meter weit gucken können. Zehn Kilometer geht das so ehe wir beschließen, per Anhalter weiter zu fahren. Und noch während wir diesen Beschluss fassen, rast ein Pickup vorbei, Johanna streckt reflexartig den Arm aus und der Fahrer hält tatsächlich an. So leicht war das in Peru nie. Obwohl er schon einige Eimer und Geröll auf der Ladefläche hat, werden unsere vier Fahrräder irgendwie untergebracht, Johanna und ich nehmen auf der schmalen Rückbank Platz, Marius und David klettern auf die Ladefläche. Das Innere des Wagens ist sogar klimatisiert, durch die Stoßdämpfer ruckelt es kaum noch und während wir Mädels uns darüber freuen, haben wir ein schlechtes Gewissen, weil unsere Jungs es auf der Ladefläche ganz sicher nicht bequem haben.

Nach 20 km ist dann aber Schluss, weiter würde er nicht fahren, erklärt unser Retter. Also laden wir ab. 70 km bleiben uns bis zum Ziel. Marius setzt die Hitze merklich zu, gebückt stützt er sich auf seinem Fahrradsattel und sieht aus, als würde er gleich umkippen. Da wir nur begrenzte Wasservorräte haben, entscheiden wir, aufzubrechen. Auch, wenn es mir hier wahrscheinlich niemand glaubt: Die folgenden 70 km sind eine einzige, lange Baustelle. Wirklich auf jedem Meter wird gebaut, wir werden durch Schilder immer wieder links oder rechts vorbei gelotst. Immerhin sind kaum noch Steine auf der Straße, sie besteht aus Sand, über den eine der zahlreichen Walzen, die wir in regelmäßigen Abständen sehen, wohl erst kürzlich gefahren ist. So ist die Fläche immerhin geglättet, die Straße ist eine schnurgerade Schneise, die in die spärliche, nun gar nicht mehr nach Dschungel aussehende Vegetation geschlagen wurde. Also ist die Fahrt eher langweilig. Alle 10 km müssen wir eine Pause einlegen, weil es einfach so heiß ist. Marius redet inzwischen gar nicht mehr, und das will bei ihm schon was heißen. Diesmal gelingt es uns auch nicht, wieder eine Mitfahrgelegenheit aufzutreiben, denn die meisten vorbeikommenden Fahrzeuge sind Kipplaster und die wenigen Autos pendeln immer nur zwischen den Teams aus Bauarbeitern.

Eine überraschende Einladung

Am Wegesrand tummeln sich in dem, was von ihrem Lebensraum abseits der Straße übrig gelassen wurde, bunte Vögel, die mit langen Beinen durch das Wasser staksen, und Wasserschweine. Am Nachmittag haben wir kaum noch Wasser, also halten wir einen der Wagen voller verschwitzter Bauarbeiter an und fragen nach einer Spende. Bereitwillig füllen sie die 2L-Flasche, die ich bettelnd durch das Beifahrerfenster halte, mit Wasser aus einem Kanister. Zur Sicherheit pumpen wir das dann noch durch den Filter, den David und Johanna dabeihaben. So ein Teil fehlt in unserer Ausrüstung und seit wir in Bolivien sind bereue ich, keinen Filter in Deutschland gekauft zu haben, denn hier an sauberes Trinkwasser zu kommen ist nicht leicht. Doch eine Viertelstunde später kommen wir überraschend an einem Kiosk vorbei. Seine Existenzgrundlage hier in der Pampa scheint die Containersiedlung der Bauarbeiter auf der anderen Straßenseite zu sein. Auf Nachfrage fördert der Besitzer aus einer Kühltruhe eine 3L-Flasche eiskalte Coca Cola zutage, die er uns zum Spottpreis von 12 Bs überlässt. Wir reichen die Flasche untereinander herum, kurz darauf ist sie erfolgreich geleert. Das war zwar sicher nicht gesund, aber notwendig. Dann kaufen wir noch 2L Wasser.

Etwa 30 km vor Santa Rosa, inzwischen bricht die Dämmerung herein, hält ein Auto direkt vor David und Johanna an, die vorausfahren. Aus dem Kofferraum steigt eine kleine Frau aus und stürmt begeistert auf die beiden zu. Sie ist, wie sich herausstellt, die Tante von Luis, unserem Dschungelführer und fährt gerade von Rurrenabaque nach einem Besuch bei ihrer Tochter zurück nach Hause. Luis hat ihr erzählt, dass wir noch eine Tagestour machen und Tiere sehen wollen. Das nimmt sie nun zum Anlass, uns in ihr Haus einzuladen und darüber hinaus auch gleich zu versichern, sie könne die Tour organisieren. Wenn wir in Santa Rosa ankommen, sollen wir sie anrufen. Dann quetscht sie sich eilig zurück in das vollgestopfte Sammeltaxi, das davonbraust. Wir schwingen uns wieder auf die Fahrräder, inzwischen ist es kühler geworden, aber immer noch warm genug, um im T-Shirt zu fahren. Im Dunkeln schwillt die Geräuschkulisse an und ich bin erstaunt, wie viele Tiere hier anscheinend doch leben, denn die Vegetation ist eher spärlich. Die Insekten scheinen hier die Herrscher zu sein. Ihr kollektives Summen und Brummen begleitet uns über Kilometer hinweg. Obwohl das wunderbar atmosphärisch ist, stecke ich mir irgendwann Kopfhörer in die Ohren und drehe Musik auf, denn mit Musik fahre ich schneller. Es ist erstaunlich, was die Lieblingslieder mit einem machen und wie sie die körperliche Leistung anspornen können. Gegen 21:00 Uhr erreichen wir endlich den kleinen Ort Santa Rosa de Yacuma. Bretterbuden mit nackten Glühbirnen säumen die Straße und rufen das Bild der Minenarbeiterstadt wieder auf, die wir kürzlich durchquert haben und die witzigerweise auch Santa Rosa heißt. Ein hübscher Name für zwei hässliche Städte. Bei einer unfreundlichen Verkäuferin, die uns am liebsten wegignorieren und weiter dem Geschehen auf dem viel zu lauten Fernseher folgen würde, kaufen wir kaltes Wasser und setzen uns dann auf die Plastikstühle vor ihrem Laden, um Magerly, so heißt unsere Gastgeberin, anzurufen. Die taucht kurz darauf tatsächlich auf, mit ihrem Lebenspartner, der ebenfalls Luis heißt, auf einem Motorrad. Die beiden fahren voraus und bringen uns zu sich nach Hause. Die Lehmhütte hat drei Zimmer, die alle durch einzelne Türen von außen zugänglich sind, eine große Freifläche, die Bezeichnung Garten wäre übertrieben und ein abseits des Hauptgebäudes stehendes Häuschen mit Dusche und Toilette. Wir bekommen das ehemalige Kinderzimmer, in dem zwei Doppelbetten stehen, die so aussehen, als würden sie zusammenbrechen, sobald man sich darauf setzt. Die dünnen Matratzen haben eine Kuhle in der Mitte und sind völlig durchgelegen. Auf dem Lehmboden krabbeln Ameisen. All das stört mich aber gar nicht, denn Magerly ist nett und gastfreundlich und erstaunt stelle ich fest, wie gut ich mich mittlerweile an den südamerikanischen Standard gewöhnt habe. Das ist hier halt so. Marius geht es mittlerweile wieder schlecht, irgendetwas hat ihm auf dem Magen geschlagen und nach einer Dusche verkrümelt er sich rasch ins Bett. Johanna fährt mit Luis auf dem Motorrad zum Einkaufen. Ich bereite in der Küche, die ebenfalls von Ameisen bevölkert ist, alles vor. Dann wechseln wir uns in Schichten mit dem Duschen und kochen ab. Es gibt Nudeln mit Gemüse und Tomatensoße. Marius isst nur ein paar Bissen. Mit Magerly besprechen wir, dass Luis am nächsten Tag die Tour mit uns machen wird, der Preis, den sie nennt, liegt sogar unterhalb dessen, was wir uns vorgestellt hatten. Als wir endlich ins Bett kommen, ist es fast Mitternacht.

Daher müssen wir am nächsten Morgen völlig übermüdet darum bitten, die Abfahrt um eine halbe Stunde zu vertagen. Die beiden sind da ganz entspannt.

Tiere am Fluss

Luis und ich fahren zum Laden und ich kaufe Proviant für den Tag. Um 9:30 brechen wir auf, Magerly und Luis auf dem Motorrad, David, Johanna und ich auf den Fahrrädern und Marius, dem es nicht besser geht, auf einem eigens zu diesem Zweck herbeigerufenen Motorrad-Taxi. Grinsend zieht er an uns vorbei, denn natürlich ist er so viel schneller. Auf dem Weg zum Fluss müssen wir durch das Eintrittstor zum Nationalpark. Magerlys Verhandlungskünsten ist es zu verdanken, dass wir statt 150 Bs nur 50 Bs pro Person bezahlen. Ihre Mitleid erregende Tirade über vier arme Studenten hat also Wirkung gezeigt. Am Fluss verabschiedet sie sich dann und fährt auf dem Motorrad zurück nach Hause. Wir klettern in Luis‘ Boot. „Da, da ist ein Kaiman!“, schreien wir aufgeregt. Am Strand liegt einer regungslos in der Sonne und starrt Löcher in die Luft. In den Ästen darüber sitzen bunte Paradiesvögel. Auf den ersten 30 Metern der Tour sehen wir so viele Tiere, dass wir untereinander scherzen, wir könnten jetzt eigentlich wieder umkehren. Luis erklärt viel zu den Tieren und Pflanzen. Wir haben Glück, denn in der Regenzeit steht der Flusspegel zehn Meter höher und die Tiere verteilen sich über ein viel größeres Gebiet. Dann sind sie schwerer zu entdecken. Später entdecken wir Affen, nur so klein wie Kaninchen, in einem Baum. Als sie uns erblicken, fangen sie an zu kreischen und sammeln sich in den Ästen, die über den Fluss hängen. Kaum legen wir an, springen die ersten Äffchen ohne Scheu auf das Boot, rennen auf uns zu und grapschen mit ihren winzigen Fingerchen nach den Bananen, die wir in den Händen halten. Sobald sie ein Stück abgebrochen haben, verschwinden sie wieder. Wir sind völlig verdattert über den Ansturm, über die kleinen Pelzknäuel auf unseren Schößen und Köpfen und in wenigen Minuten ist alles vorbei. Hinter einer der nächsten Biegungen weitet sich der Fluss. Hier leben rosa Flussdelfine. Wir sehen ihre Rücken aus dem Wasser auftauchen und hören, wie sie Luft aus den Blaslöchern pusten. Kaimane gibt es hier nicht, die Delfine dulden sie nicht in ihrem Revier, erklärt Luis. Trotzdem haben wir ein mulmiges Gefühl, als wir uns ins Wasser hinablassen und ein paar Runden schwimmen. Luis berichtet, dass dieses Gebiet erst seit einigen Jahren ein Nationalpark ist. Früher wurden die größten Kaimane regelmäßig von Wilderern erlegt, die ihre Haut zu Taschen und Gürteln verarbeiteten. Das wird inzwischen hart bestraft, einmal wurde eine Gruppe zu je acht Jahren Gefängnis verurteilt, mit Ausnahme derer, die eine schwangere Partnerin hatten. Nach bolivianischem Recht steht ihnen zu, alternativ eine hohe Geldstrafe zu bezahlen.

139 Kaimane

Nach dem Schwimmen mit den Delfinen kehren wir um. Inzwischen brüllt niemand mehr: „Da, ein Kaiman!“, denn alle paar Meter liegt einer herum. 20 Minuten lang zähle ich mit, danach wird mir das zu anstrengend. 139 Kaimane haben wir in diesen 20 Minuten gesichtet. Auf dem Rückweg begegnen wir einer weiteren Affengruppe, die noch stürmischer ist als die erste und uns die letzten Reste unserer Proviants raubt. Einer versucht, mir einen ganzen Apfel aus der Hand zu reißen, der aber viel zu schwer für den kleinen Kerl ist.

Am Nachmittag kehren wir begeistert und hochzufrieden nach Santa Rosa zurück. In Magerlys Haus kochen wir Abendessen, Marius bekommt nur Schonkost und trockene Cracker, was er gar nicht witzig findet. Unser nächstes Ziel ist San Borja, die Straße dorthin führt durch den Nationalpark und die Strecke soll sehr schön sein. Das sind wieder etwa 100 km mit nur einem kleinen Dorf dazwischen. Da es Marius immer noch nicht gut geht, überlegen wir beide, uns fahren zu lassen und Johanna und David dort zu treffen, allerdings wäre das sehr teuer. Daher einigen wir uns darauf, früh aufzustehen und noch vor der Morgendämmerung aufzubrechen, um die Kühle zu nutzen.

Auf dem Weg nach San Borja

Als der Wecker klingelt, sind wir alle völlig gerädert, Johanna und ich haben uns zudem bei Marius angesteckt und sind wackelig auf den Beinen. Trotzdem fahren wir los und sehen die Sonne über den von Wasserschweinen bevölkerten Wiesen aufgehen. Die Vögel sind auch schon alle wach, denen scheint das frühe Aufstehen nichts auszumachen. Irgendwann kommen wir an einen schmalen Fluss, in dem ein Floß liegt. Es setzt vermutlich die Autos über. Das Floß ist etwa zwei Meter kürzer als der Fluss breit ist, also fast schon eine Brücke. Warum hat man hier nicht einfach eine Brücke gebaut? Wahrscheinlich verdient ein Fährmann sich mit den paar schwimmenden Brettern hier eine goldene Nase. Aber das Floß ist angekettet und der Fährmann nicht zu sehen. Wir schlagen mit Stöckern auf das Wasser, aber nichts regt sich. Keine Kaimane. Also hieven wir die Fahrräder über das Floß so nah wie möglich ans andere Ufer, dann ziehen wir die Hosen aus und Marius und David tragen die Räder durch den Fluss ans Ufer. Obwohl die Sonne gerade erst aufgeht, ist es schon warm und das Wasser eine gute Abkühlung.

Der Weg ist sandig und führt über mehrere, fragwürdig zusammengezimmerte Brücken. Johanna und ich unterhalten uns und bleiben etwas hinter den Männern zurück. Plötzlich klirrt es und wir hören etwas herunterfallen. Ich blicke Johanna an. Ihr Sattel liegt einige Meter hinter uns auf der Straße. Obwohl das eigentlich gar nicht witzig ist, kann ich mir das Lachen nicht verkneifen. Wie ist das denn jetzt passiert? Wir sammeln die heruntergefallenen Teile ein. Der Schraube, die ihren Sattel fixiert, ist der Kopf abgebrochen. Inzwischen lachen wir beide, was sollen wir auch sonst machen. Johanna fährt dann im Stehen weiter, die Männer sind schon über alle Berge. Sie warten einige hundert Meter weiter auf uns. David kommt uns schon entgegen, sieht dann aber, dass wir lachen und deutet es als Zeichen, dass alles in Ordnung wäre. „Ich dachte, auf das Hinsetzen verzichte ich mal die nächsten 80 km.“, sagt Johanna, als wir sie erreichen. Die beiden blicken ungläubig auf ihre nackte Sattelstütze. Marius und David beginnen, sich zu beraten und einen halben Baumarkt auf den Untiefen ihrer Taschen hervorzuholen. Haben die das alles die ganze Zeit schon dabei gehabt? Eine passende Ersatzschraube ist dennoch nicht darunter. Die beste Option ist eine zu kurze und zu dünne Schraube, die die beiden notdürftig montieren. Das hält allerdings nicht lange. David unternimmt den zweiten Versuch und umwickelt sein Werk mit einem Spanngurt zur Stabilisierung. Dafür spricht er dann seine 20 km Garantie aus, doch auch dieses Ergebnis hält nicht, was es verspricht. Johannas Sattel hängt schief hintenüber.

So schön die Landschaft auch ist, mein Magen macht immer mehr Probleme und nach 20 km will ich mich nur noch hinlegen. Gerade, als ich um eine Pause bitten will, kommt ein weißer Kombi angebraust, ein Sammeltaxi nach San Borja. Johanna hält den Wagen an und erklärt, dass ich krank sei und ob man mich und eines der Fahrräder mitnehmen könne. Man kann, Johannas demoliertes Fahrrad wird samt Taschen aufs Dach geschnallt, nur die Tasche mit der Gitarre, die die beiden dabei haben, drückt sie mir in die Hand. Da mir inzwischen übel wird, bitte ich sie um eine Plastiktüte, die sie für mich hervorkramt. Das Taxi ist eigentlich schon voll, aber irgendwie werde ich noch auf die Rückbank gequetscht wo ich, den Kopf zwischen die Knie geklemmt, einfach nur warte, dass die Fahrt vorbeigeht. Wegen der schlechten Straße geht es aber nur langsam voran und ich rechne aus, dass wir bei dem Tempo noch etwa zwei bis zweieinhalb Stunden brauchen werden. Es kommt, wie es kommen muss, mir wird wieder übel und die Plastiktüte kommt zum Einsatz. Anhalten tut der Fahrer nicht. Er braust ungerührt weiter. Aber im einzigen Dorf auf dem Weg halten sie dann doch an und bringen mich zu einer Ärztin. Die Fürsorge rührt mich, eine kurze Pause hätte mir völlig gereicht, aber nun sitze ich im Behandlungszimmer, bekomme eine Spritze gegen die Übelkeit und drei Tütchen mit Pulver gegen Durchfall, die ich an drei Tagen nehmen soll. Die restliche Fahrt geht es mir dann auch wirklich besser.

In San Borja angekommen schlage ich drei Kreuze. Ich habe es geschafft! Die Männer fragen, wo ich jetzt hinwill. „Ins Hotel“, antworte ich, woraufhin sie mir den Weg in die Innenstadt beschreiben, denn der Busbahnhof liegt etwas außerhalb. Mit den drei anderen habe ich im Vorfeld schon über iOverlander ein Hotel ausgesucht und als Treffpunkt vereinbart. Dass ich keine Wegbeschreibung brauche, sondern über mein Handy navigiere, verstehen die hilfsbereiten Kumpanen aber nicht. Leider liegt besagtes Hotel genau am anderen Ende der Stadt und so quäle ich mich drei Kilometer mit einem fremden Fahrrad durch den unbarmherzigen Stadtverkehr. San Borja ist viel größer als erwartet, es gibt mehrere Geschäftsstraßen und überall wuseln Leute herum. Der hochstehende Sattel drückt mir in dem Po. An einem Laden mache ich halt, kaufe ein kühles Getränk und Shampoo, denn mein Kulturbeutel ist noch in einer meiner Taschen an meinem Fahrrad, mit dem nun Johanna durch die Gegend fährt. Das Hotel hat einen schönen Innenhof, die Zimmer sind überdurchschnittlich teuer und unterdurchschnittlich sauber. Im winzigen Bad ist der Duschkopf einfach an die Wand montiert, eine Duschwanne gibt es nicht. Man duscht also einfach mitten im Badezimmer. Der Boden desselben ist von einer getrockneten Schlammschicht bedeckt und wurde anscheinend noch nie gefeudelt. Aber ich bin so kaputt und will nur noch ins Bett, außerdem ist dies der vereinbarte Treffpunkt und so nehme ich das Zimmer und bezahle auf Drängen der Wirtin im Voraus. Wo denn mein Ehemann sei, will sie noch wissen. „Der kommt heute Abend.“, gebe ich zurück. Darauf, jetzt noch zu erklären, dass mein Partner und ich nicht verheiratet sind, aber trotzdem ein Zimmer teilen, habe ich wirklich keine Lust. Dann dusche ich und versuche dabei, möglichst nichts zu berühren. Leider sind meine Flip Flops auch bei Johanna. Immerhin gibt es einen funktionierenden Ventilator, der etwas Bewegung in die stehende, stickige Luft bringt. Es ist heiß. Ich schlafe trotzdem sofort ein.

Nach einigen Stunden unruhigen Schlafes klingelt mein Handy. Marius ist dran, die drei sind kurz hinter St. Elena in ein Gewitter geraten und die Straße ist überspült. Er bittet mich, einen Pickup aufzutreiben und zu schicken, der sie und die Fahrräder abholt.

Der Hotelbesitzer, dem ich das Problem schildere, spricht sogar ein wenig Deutsch. Aber kurz hinter St. Elena können meine Freunde nicht sein, sagt er, denn das läge in der anderen Richtung. Er redet solange auf mich ein, bis ich selbst nicht mehr sicher bin, wo die anderen eigentlich sind und natürlich hat Marius keinen Empfang und so kann ich ihn nicht fragen. Der Hotelbesitzer fährt mit mir auf seinem Motorrad in die Innenstadt und wir fragen herum, ob jemand ein bisschen Geld verdienen will. Aber als sie hören, wohin es gehen soll, auf die Straße Richtung Santa Rosa, will mir keiner helfen. Die wissen wohl ganz genau, was mit der Straße bei Regen passiert. Irgendwann findet sich doch ein Fahrer, der mit mir losfährt, ohne genau zu wissen, wohin eigentlich. Er hat allerdings einen Kombi und keinen Pickup, aber wählerisch darf ich nicht sein. Er akzeptiert sogar, dass ich kein Geld habe und erst meine Freunde ihn bezahlen können, falls wir sie finden. Aber als er losfährt, erkenne ich die Straße wieder, von der ich gekommen bin, da kann der Hotelbesitzer mir erzählen, was er will, das hier ist die richtige Straße. Später stellt sich heraus, dass es zwei Santa Elenas gibt. Normalerweise rasen die Bolivianer im Verkehr ohne Rücksicht, aber ich habe wohl den einzigen umsichtigen Fahrer des Landes erwischt der in seelenruhiger Trödelei mit 20 km/h durch die Pfützen tuckert. In dem Tempo brauchen wir anderthalb Stunden für die 28 km. Marius hat mir inzwischen seinem Standort geschickt und ich ihm geschrieben, dass die Rettung unterwegs ist. Die Straße ist total vermanscht, Fahrrad fahren kann man hier sicher nicht. Der Fahrer will sich die ganze Zeit mit mir unterhalten, leider verstehe ich maximal 10% von dem, was er sagt, da er einen riesigen Ballen Cocablätter in der Backe kaut und entsetzlich nuschelt. Aber ich gebe mein Bestes, lächle und nicke nach jedem Satz. Nach etwa einer Stunde kommt in der einbrechenden Dämmerung ein Fahrradfahrer auf uns zu. Es ist, wie könnte es anders sein, David, der sich trotz aller Widrigkeiten in den Kopf gesetzt hat, zu fahren. Etwa fünf Kilometer weiter treffe ich dann auf Johanna und Marius, die sich schiebend fortbewegen und sich ziemlich freuen, mich und das Auto zu sehen. Auch der Fahrer freut sich, noch mehr Gesprächsopfer gefunden zu haben und plappert munter drauf los, während er die Fahrräder mit elastischen Seilen aufrecht aufs Dach stellt. Das sieht ziemlich wackelig aus, aber er meint, er habe so auch schon ein Motorrad auf dem Dach transportiert und obwohl oder gerade weil das irre klingt, traue ich es ihm durchaus zu. Als wir alle im Auto sitzen, ist es vollständig dunkel und die Rutschpartie im Schlamm beginnt. Einmal gerät das Auto völlig aus der Bahn und steht plötzlich quer auf der Straße. Der Fahrer erzählt uns, einige Kilometer westlich von hier gäbe es Löwen und Tiger. Aha. Der hält uns wohl für total bescheuert. Andererseits kann ich mir beim Anblick der ausladenden Ranches, die sich US-Amerikaner hier als Feriendomizile haben errichten lassen, tatsächlich vorstellen, dass irgendein durchgeknallter Ami sich einen Löwen als Haustier hält. Hier in Bolivien würde jedenfalls keiner vom Tierschutzverein anklopfen und die Haltung einer Wildkatze untersagen. Auf dem Weg habe ich immerhin schon ein Gehege mit Straußen gesehen, und die sind hier meines Wissens nach auch nicht heimisch.

Als wir fast eineinhalb Stunden später wieder am Hotel ankommen, ist David natürlich schon da, wie macht er das bloß? Er und Johanna beziehen eines der Zimmer, ich falle zurück ins Bett, froh, dass alle Schäfchen es sicher in den Stall geschafft haben.

Am Abend streitet sich Marius noch mit dem Hotelbesitzer, der 60 Bs zusätzlich für die Benutzung der Klimaanlage verlangt, aber da halte ich mich raus. Ich habe genug für heute.

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