Zwei Salzwüsten

Zwei Salzwüsten

Da sind zwei Schatten am Horizont. Dunkle Umrisse, die sich fortbewegen, zu langsam für Motorradfahrer und Fußgänger gibt es hier in der Salar de Coipasa sicherlich nicht. Das müssen also Fahrradfahrer sein. Wir sind gerade erst losgefahren, die Sonne steht noch tief und wir lassen die Insel in der Wüste, auf der wir übernachtet haben, hinter uns. Zu einem morgendlichen Sprint angeheizt, fahren wir an die 20 km/h, das Salz knackt unter den Reifen, längst hat sich eine weiße Kruste auf dem Rahmen gebildet. Es gibt mehrere Spurrinnen auf dem Boden, in denen die kleinen Erhebungen von groben Jeepreifen abgeschmirgelt wurden. Der Rollwiderstand ist hier niedriger und wir springen zwischen den parallel laufenden Spuren hin und her, immer auf der Suche nach Reifenabdrücken. Sind die beiden hier lang gefahren oder auf der Spur 20 m weiter rechts? Da es hier keine Orientierungspunkte gibt, ist es uns unmöglich abzuschätzen, wie weit die anderen Radfahrer weg sind. Während der Fahrt schauen sie natürlich auch nicht hinter sich und so bleiben wir unbemerkt. Kommen wir näher oder sind sie genauso schnell wie wir? Ich kann es unmöglich sagen. Die flimmernde Hitze verwischt die beiden dunklen Punkte zu wabernden Umrissen. Wäre es hier nicht so strahlend hell, wären sie wohl gar nicht sichtbar. Das Salz reflektiert das Sonnenlicht, sodass man von allen Seiten angestrahlt wird. Ohne Sonnenbrillen wären wir blind. Hoffentlich jagen wir hier nicht einer Fata Morgana nach, denke ich noch. Nach einer Stunde Aufholjagd erreicht Marius zuerst unser bewegliches Ziel. Beim Näherkommen erkenne ich, dass es David und Johanna sind, unsere Freunde aus Freiburg, von denen wir uns in La Paz wegen unterschiedlicher Routen getrennt hatten. „Ihr seid echt schwer einzuholen!“, keuche ich beim Absteigen. „Wir haben euch gesehen und dachten, ihr fahrt eh viel schneller als wir und holt uns so früher oder später ein.“, antwortet David. „Und ich habe gesagt, die fahren bestimmt nur so schnell, weil sie uns einholen wollen.“, wirft Johanna ein und liegt damit natürlich richtig, denn unser normales Tempo ist das nicht. Wir freuen uns über das Wiedersehen, umarmen einander und bringen uns während der Weiterfahrt auf den aktuellen Stand. Die Freiburger haben am Morgen bereits versucht, Fotos zu machen, denn in der Wüste kann man großartig mit Perspektiven und Distanzen spielen, eine große Person im Vordergrund und eine kleine im Hintergrund zeigen. Aber zu zweit mit Selbstauslöser ist das natürlich schwierig. Eigentlich braucht man eine dritte Person hinter der Kamera, die dirigiert. Dafür melde ich mich gerne freiwillig. Etwa eine Stunde verbringen wir damit, Fotos voneinander und den Fahrrädern zu machen. Das muss ziemlich bescheuert aussehen, wie wir uns hier mitten im Nirgendwo in Pose werfen, aber wir haben Spaß dabei.

Eigentlich wollten wir heute nach Tres Cruzes fahren und dort übernachten, aber David und Johanna sind wie immer zügiger unterwegs als wir uns visieren für heute einen anderen Ort etwa 40 km weiter an, der für uns erst morgen auf dem Plan steht. Aber Marius lässt sich von Davids Plänen einfach mitreißen und auch ich möchte mich jetzt nicht gleich wieder verabschieden, also schließen wir uns an. Um Kilometer zu sparen, lassen wir Tres Cruzes ganz aus, denn Wasser und Essen haben wir genug und ein Hotel gibt es dort bestimmt ohnehin nicht. In der Wüste selbst finden sich, aus nachvollziehbaren Gründen, auch keine Ortschaften, sondern nur an den Rändern. In der Mittagspause breiten wir unsere blaue Plane, die eigentlich ein ausgemusterter Regenponcho ist, aus und schmeißen zusammen, was unsere Vorratskammern zu bieten haben. Aus dem Bestand zaubern wir einen griechischen Salat und bescheren uns so ein unerwartetes Festmahl. Das haben wir auch nötig, denn wir fahren querfeldein. Nun könnte man meinen, der Boden in der Wüste sei ohnehin überall gleich und daher sei es auch egal, wo man fahre, aber das trifft nur manchmal zu. Ja, oft ist die Oberfläche der in das Salz gefrästen Schneisen genauso wie der übrige Boden, aber manchmal ist er eben auch besser, kompakter, glatter. Wir sind auf eine Aneinanderreihung von gewölbten Platten geraten, die an auf dem Ozean treibende Eisschollen erinnern. Jede Scholle hat die Festigkeit von Pappmaché und wenn man darauf tritt, bricht man einige Zentimeter durch das getrocknete Salz ein. Fahren kann man hier nicht. Also schieben wir etwa sechs Kilometer. Ich versuche, in den Spuren der drei vor mit Schiebenden zu bleiben, aber auch das ist schwierig. Alle paar Kilometer ändert sich der Boden. Mal ist er feucht und matschig, dann krümelig, dann wieder durchziehen Adern das Salz, kleine Erhebungen, über die man beim Fahren etwa jeden Meter stolpert. Wie gerne hätte ich eine Federgabel. Und dickere Reifen. Über 20 km werden wir ausgebremst und kämpfen uns schiebend voran, wir sind frustriert und es ist spät. Also beschließen wir, in Villa Victoria zu campen. Das ist ein kleines Dorf am Rand der Wüste, das im Sand versinkt wie in Schneewehen. Er schmiegt sich an die Häuser und weht durch die leeren Straßen wie ein Geist. Inzwischen ist er auch in meinen Schuhen und knirscht zwischen meinen Zähnen. Wir finden eine halbhohe Mauer am Rand des Dorfes, die uns vor dem Wind schützen wird. Zum Abendessen legen wir wieder zusammen. Mit zwei Kochern wäre alles so viel einfacher, wenn denn beide funktionieren würden. Man kann die Soße und die Nudeln gleichzeitig zubereiten, sodass beides heiß serviert werden kann. Normalerweise müssen wir beides nacheinander kochen, dann sind die Nudeln schon wieder kalt, wenn die Soße fertig ist. Leider quittiert unser Kocher, der eine richtige Zicke ist, mal wieder den Dienst. Er ist schon oft einfach ausgegangen, wenn wir kochen wollten. Meistens brennen auch nur zwei von drei Flammen, deshalb dauert alles länger. Wenn auch nur ein leises Lüftchen weht, streikt er, und wenn man den Windschutz um die Flamme herum aufbaut, geht er auch gerne mal aus. Wie kann ein so einfaches Gerät so schwierig sein? Ich schäme mich nicht, hier explizit zu sagen, dass es sich um einen Primus Omnifuel handelt und wir nach unseren Erfahrungen vom Kauf dieses Modells dringend abraten würden. Dieser sehr teure Kocher ist absoluter Mist und für Outdoor-Touren absolut ungeeignet! Davids Kocher hat etwa 30 € gekostet und läuft mit Alkohol. Er hatte noch nie Probleme, selbst bei Wind nicht. Teurer heißt also nicht immer auch besser.

Widerstand

Villa Victoria liegt zwischen den beiden Salzwüsten im Nichts. Durch Berge von Sand kämpfen wir uns am nächsten Morgen zurück zur Straße. Für 100 m brauche ich etwa zehn Minuten, so groß ist der Rollwiderstand. Aber als wir die Steppe erreichen, wird der Boden wieder hart und ist gut zu befahren. An der Vegetation kann man schon erkennen, wie leicht oder schwer man es mit dem Vorankommen haben wird. Wachsen dort harte, bodennahe Moose, ist der Boden fest, bei den runden, grünen Büschen wird es sandig. Der größere Ort, den wir eigentlich gestern Abend erreichen wollten, heißt Llica und überrascht uns mit etwa zehn Geschäften und mehreren Restaurants.Das kommt uns sehr gelegen, denn bevor wir in die Salar de Uyuni hineinfahren, müssen wir einen Berg an Vorräten einkaufen. Gleich im ersten Laden werden wir fündig. Die alte Dame hat sogar frisches Obst im Sortiment. Das stand in letzter Zeit selten auf unserem Speiseplan, weil hier einfach nichts wächst, es gibt keine Bäume, keine Felder, nicht mal einen Kräutergarten. Die Äpfel und Birnen in der Auslage sind also importiert. Wir kaufen Berge an Keksen, ein paar Getränke, ein Kilo Nudeln, Konserven und was uns sonst noch essbar erscheint. Außerdem lassen wir uns 32 L Wasser abfüllen. Als wir die Beute nach draußen tragen, sperrt die Inhaberin hinter uns ab. Wahrscheinlich hat sie gerade so viel Geld verdient, dass sie die restliche Woche dichtmachen kann. Wir sortieren unsere Errungenschaften und verteilen sie auf die Taschen. Im Anschluss gönnen wir uns noch ein Mittagessen in einem der Restaurants, es gibt mal wieder einfache Kost: Reis, Hackfleisch, ein bisschen Gemüse. Aber immerhin ist es diesmal kein Hühnchen. So gestärkt brechen wir in die zweite Salzwüste auf, die berühmte, die jeder Radreisende in Südamerika durchquert. Es ist eine Art Pilgerziel unter Fahrradfahrern. Um dort hinzugelangen, müssen wir erstmal den Randbereich der Salzwüste überwinden, der ironischerweise aus Sand besteht. Also strampeln wir mit aller Kraft gegen den widerspenstigen Untergrund an. Aber bald wird aus dem Sand ein felsenfester, verdichteter Boden, auf dem es sich wunderbar fahren lässt, zumindest für einige Kilometer, bis wir endlich die eigentliche Salzwüste erreichen. Es gibt eine Straße durch die Wüste, allerdings ist das eine irreführende Bezeichnung, da es eigentlich nur eine Fahrspur ist, etwas heller als der restliche Boden, aber abgesehen von der Farbe gibt es keinen Unterschied. Es ist also egal, ob man auf der Straße fährt oder einen Meter daneben oder hundert Meter weiter. Der Untergrund besteht aus Salzplatten, die Mineralien haben sich zu einer rauen Oberfläche formiert und die einzelnen Platten sind durch Rillen voneinander getrennt. Alle paar Sekunden rollen wir über so eine Unebenheit, was sich nach ein paar Stunden in den Armen bemerkbar macht. „Nett, dass die hier extra für uns Kopfsteinpflaster verlegt haben.“, fasst David treffend zusammen. Tatsächlich fühlt es sich genauso an. Das hatte ich mir anders vorgestellt, ich dachte, der Boden wäre eben, die Umgebung flach und wir würden dahinfliegen wie mit einem Elektromotor im Tretlager. Wie in der Salar de Coipasa gibt es auch hier wieder grünbraune Inseln, die aus dem Salz ragen. Die sind allerdings viel weiter weg, als sie scheinen und so fehlen uns, genau wie gestern, 20 km zum eigentlichen Tagesziel. Und so campen wir notgedrungen mitten auf dem Salz, anderthalb Kilometer von der Straße entfernt. Das wollten wir eigentlich vermeiden, denn nach dem, was uns erzählt wurde, ist es nachts sehr windig auf der freien Fläche und darum bitterkalt.

Das perfekte Foto

Während wir im Kreis sitzen und den Kochtopf anstarren mit der stillen Hoffnung, er würde sich etwas mehr beeilen mit den Nudeln, verschwindet die Sonne hinter den fernen Bergen und die Temperatur stürzt schlagartig ab. Nach dem Essen kriechen wir sofort in die Zelte und unterhalten uns noch durch die Planen hindurch. Das ist witzig, weil man nur einige Meter voneinander entfernt ist und alles aus dem Nachbarzelt hört, aber einander nicht sieht. Der Mond scheint so hell, als hätte jemand einen Scheinwerfer auf uns gerichtet. Es ist fast Vollmond. Spotlight für die vier Idioten, die mitten in der Wüste campen. Tatsächlich aber wird das Thermometer in dieser Nacht nur auf zwei Grad unter Null sinken und kein Lufthauch unseren Schlaf stören. Trotzdem sind wir um drei Uhr morgens alle auf den Beinen, denn der Mond ist untergegangen und der Sternenhimmel klar. David opfert sich und steht eine Dreiviertelstunde draußen, um mit der Kamera zu experimentieren und unsere Zelte unter der Milchstraße zu fotografieren, die sich in voller, leuchtender Pracht über unseren Köpfen ausbreitet. Im Schlafanzug da draußen wird es auf Dauer dann doch kalt. Aber was tut man nicht alles für das perfekte Foto.

Am Vormittag erreichen wir die Inseln und stellen fest, dass wir gestern nichts verpasst haben. In dem braunen Sand wachsen ein paar niedrige Büsche und Kakteen, die auf den aus dem Boden ragenden Felsen Halt finden. Angeblich gibt es hier Ratten, aber es lässt sich keine blicken. Wir machen eine kleine Pause und blicken in die Wüste. Dann müssen wir zurück auf die ruckelige Piste, weiter geradeaus, wobei hier alles geradeaus ist, je nachdem, in welche Richtung man blickt. Alles sieht gleich aus. Weiter südlich gibt es noch eine Insel, auf der all die Touristen, die in Jeeps durch die Wüste kutschiert werden, zusammengepfercht sind. Als wir diese am Nachmittag erreichen stellen wir fest, dass sie sich nicht von den anderen Inseln unterscheidet, nur dass es hier einen Mülleimer und Toiletten gibt. Aber alle trampeln sich gegenseitig auf die Füße, hunderte Selfies werden geschossen und auf dem Parkplatz stehen an die 40 Autos. Wenn die nur ein paar Kilometer weiterfahren würden, hätten sie eine Insel ganz für sich alleine.

Nach der positiven Erfahrung der letzten Nacht verbringen wir auch diese wieder mitten auf dem Wüstenboden mit dem Vorsatz, am nächsten Tag den Rand der Salar zu erreichen, wo es auch wieder einen kleinen Laden gibt. Doch bevor wir dort ankommen, erlangt unsere Truppe noch unerwarteten Zuwachs. Michael aus Schweinfurt kommt angefahren, er ist alleine unterwegs und hat zwei Monate Zeit, um Buenos Aires zu erreichen. Er ist erst vor wenigen Tagen in La Paz gestartet, nachdem er vor über einem Jahrzehnt seine erste Südamerika-Radtour dort beendet hat. Nun hat er alle Kontinente einmal durch und fängt von vorne an. Seine Anwesenheit hat allerdings zur Folge, dass das Tempo noch weiter angezogen wird, denn Michael ist hoch motiviert, nur leicht bepackt und fährt mit David voran, einige Meter dahinter Marius und Johanna und ich mit meinem absolut geländeuntauglichen Fahrrad werde immer weiter abgehängt. Dann erreichen wir auch noch sandiges – oder besser salziges – Terrain und müssen schieben. Die Reifen sinken tief ein. Hinter der Wüste wird es etwas besser, der Boden ist hier zu einem asphaltähnlichen Belag verdichtet, der zwar von Schlaglöchern durchsetzt, aber immer noch besser fahrbar als das grobe Salz ist. Im Laden am Eingang der Wüste kaufen wir ein paar Teigtaschen, Saft und Schokolade. Michael hat noch keinen Überblick über das Nahrungsangebot und wird so in das Spektrum unserer Lieblingssüßigkeiten eingeführt. Ich kaufe meinen geliebten Citrussaft, Johannas Getränk Aquarius Pera gibt es zu ihrer Enttäuschung nicht. Nach einigen weiteren Kilometern offenbart die Straße nach San Juan ihr wahres Gesicht und wird zu einer Sandpiste mit aufgeworfenen Bodenwellen. Nie wieder würde ich eine Offroad-Tour mit diesen Reifen machen! Für Südamerika braucht man breitere Geschütze, am besten mit einem Mountainbike-Profil. Michael setzt sich ab um eine Felsformation neben der Straße zu erklettern, wir radeln – oder besser schieben – weiter. Bis San Juan sind es noch 20 km. Ich stelle mir vor, wie es sich anfühlen würde, zu duschen, sauberes Wasser über meine fettigen Haare zu gießen. Seit einer Woche hat keiner von uns mehr ein Badezimmer betreten. Ich fantasiere vor mich hin, träume von duftendem Seifenschaum und sauberer Kleidung. Unsere Fahrradhosen sind vom verkrusteten Salz steif geworden. Doch meine Kräfte lassen mich im Stich. Die Tage in der Wüste fordern ihren Tribut und ich muss mir eingestehen, dass ich heute nicht mehr weiter kann. San Juan ist nahe, aber wer weiß, wie die Straßenverhältnisse sich entwickeln, es kann noch Stunden dauern, bis wir es erreichen. Ich wäre Johanna und David nicht böse, wenn sie weiterführen, denn sie würden es auf jeden Fall schaffen. Aber zu meiner Überraschung beschließen wir einstimmig, einfach hier zu campen und morgen nach San Juan zu fahren. Das erleichtert mich ungemein. In dieser Nacht kommt es mir sehr warm vor, denn im Gegensatz zu Salz speichert Sand Wärme und so schlafen wir in dieser Nacht wie auf einer Fußbodenheizung. Die Entscheidung, hier zu bleiben stellt sich am kommenden Morgen als richtig heraus. Die Straße ist ein sandiges Waschbrett und wir hoppeln über die Bodenwellen die letzten Kilometer auf die Siedlung zu, die ich mir deutlich größer vorgestellt hatte. Aber uns erwarten nur ein paar Blöcke aus Lehmhäusern und menschenleere Straßen. Zweifellos ist San Juan viel größer als Villa Victoria, aber halt immer noch ein Dorf. Wir nehmen es mit Humor. „Hier können wir heute Abend ein bisschen flanieren!“, schlägt Marius vor und deutet mit ausladender Geste auf die von Mauern eingerahmte Sandpiste. „Erstmal müssen wir uns in den Verkehr einfädeln.“ Ich blicke mit gespielter Vorsicht in alle angrenzenden Straßen, aber kein Auto lässt sich blicken. Vielleicht ist die Stadt auch eine steingewordene Venusfliegenfalle, erbaut, um ausgehungerte Touristen aus der Wüste anzulocken, die dann hier auf der Suche nach einem Laden unter dem herumfliegenden Sand begraben werden. Aber wir finden tatsächlich eine Laden, kaufen erstmal 2 L Cola, David trifft noch Michael, der natürlich bereits am Vorabend eingetroffen ist. Bei dem Gespräch der beiden bin ich nicht dabei, aber David fasst uns den Inhalt im Nachhinein etwa so zusammen: Michael bricht gerade zur Lagunas-Route auf, die durch eine einsame Gegend entlang der Grenze führt, landschaftlich sehr schön aber aufgrund der Straßenverhältnisse und der Isolation extrem anspruchsvoll sein soll. Marius und ich hatten auch überlegt, sie zu fahren, aber unsere Erfahrungen mit den hier als gut geltenden Straßen haben uns gezeigt, dass wir keinesfalls die schlechten Straßen fahren sollten. Mit unserer Ausrüstung und den Fahrrädern geht das einfach nicht. Jedenfalls ist diese Route unter Radfahrern berüchtigt, meistens braucht es mehrere Anläufe dafür, für die 300 km wird ein Zeitraum von acht bis zehn Tagen angesetzt, je nachdem, wie schnell man ist. Es gibt auch Irre, die das schon in sieben Tagen gefahren sind. Michael hat drei Tage angesetzt. Ob er nun durchgeknallt oder schlecht informiert ist, lässt sich nicht sagen. Seine Einstellung ist, dass man ja nach Sonnenuntergang noch anderthalb bis zwei Stunden fahren könne, ehe es so richtig dunkel sei, um dann in der Nacht das Zelt aufzubauen und zu kochen. Ich hätte nie gedacht, dass es so jemanden gibt, aber der Schweinfurter übertrifft David tatsächlich in seinen Ambitionen. Wenn er es wirklich in drei Tagen schafft, Hut ab! Vermutlich muss er das sogar, denn viele Vorräte hat er nicht dabei.

Die Waschweiber

In unserer Unterkunft sind wir die einzigen Gäste. Es wird frisch für uns geputzt und wir gehen alle nacheinander duschen, bis auf David, der das Abspritzen der Fahrräder im Hof übernimmt und danach gleich selber unter dem Gartenschlauch duscht. Ich fühle mich wie ein neuer Mensch mit erheblich besserer Laune. Die Arbeitsteilung sieht vor, dass Marius und David die Fahrräder behandeln, denn auch sie haben in der Wüste gelitten, und Johanna und ich die Wäsche waschen. Ganz klischeehaft also: die Frauen waschen die Wäsche, die Männer kümmern sich um die Fahrräder. Natürlich gibt es hier keine Waschmaschine und die Sammlung an Kleidungsstücken, die vom Salz befreit werden wollen, ist umfangreich. Also sitzen Johanna und ich jede mit einer vollen Wäschewanne im Hof und schrubben im kalten Wasser Hosen, Halstücher und Shirts. Davids und Marius‘ Wasserschlacht ist fast zum Krieg ausgeartet und wir bemühen uns, nicht in die Reichweite des Gartenschlauchs zu gelangen. Über eine Stunde walken und wringen wir die Stoffe, bis uns die Arme lahm werden. Das Wasser ist inzwischen braun. Am Nachmittag hängt der ganze Hof voll mit unseren nassen Sachen und den gewaschenen Satteltaschen. Wir stoßen mit Corona auf den erfolgreichen Abschluss der Etappe an.

Da das einzige Restaurant der Stadt nur mittwochs und am Wochenende geöffnet ist, kocht unsere Wirtin für uns Nudeln mit Gemüse, Eierpfannkuchen und eine Suppe. Sie deckt uns sogar den Tisch in ihrer Stube ein. Wir essen alles bis auf den letzten Krümel auf. Dann gehen wir den Ort erkunden. Die Freiburger wollen ebenfalls die Lagunas-Route fahren und brauchen daher Vorräte. Wir fahren morgen direkt zur Grenze, müssen uns aber dennoch eindecken. So gehen unsere letzten Bolivianischen Pesos drauf. Zum Abendessen wird uns wieder aufgetischt, allerdings sparsamer, es gibt für jeden nur noch einen Teller für die wässrige Suppe und den Hauptgang, diesmal fehlen auch Servietten, Salz und Pfeffer. Das mag daran liegen, dass Marius die Hälfte der Servietten aus der Packung geklaut und eingesteckt hat. Zum Frühstück am nächsten Morgen bekommen wir dann gar keine Teller mehr, sodass wir notgedrungen die Wachstischdecke mit unserer beigesteuerten Marmelade voll tropfen. Jeder bekommt ein Brötchen und ein Spiegelei. Da der Energiebedarf von vier hungrigen Fahrradfahrern damit nicht zu decken ist, bestellen wir zweimal nach. Der Qualitätsstandard ist vom Mittagessen gestern bis zum Frühstück heute erheblich gesunken. Wahrscheinlich rechnet sich unsere Bewirtung nicht.

Hinaus aus der Stadt fahren wir noch gemeinsam, aber bald darauf trennen sich unsere Wege. Johanna und David fahren zur Lagunas-Route, Marius und ich trödeln wieder in unserem eigenen Tempo vor uns hin. Die beiden winken noch, als sie davonfahren.

Der Weg zur Grenze führt uns an einem Bahnhof vorbei, der in dieser einsamen Gegend deplatziert wirkt. Aber während unserer Essenspause kommt tatsächlich ein Güterzug vorbei! Er hupt uns zu, anhalten tut er aber nicht, was Angesichts der Dutzenden, schwer beladenen Waggons wohl auch gar nicht möglich wäre. Eigentlich wollten wir morgen rüber nach Chile, aber entgegen aller Erwartungen kommen wir in der Steppe ausgezeichnet voran und am Nachmittag taucht der weiße Container hinter einer Schranke auf, in dem man sich aus Bolivien ausstempeln kann. Das geht so unbürokratisch und schnell, dass nicht mal Zeit bleibt, sentimental zu werden. Wieder lassen wir ein Land hinter uns. Jetzt müssen wir nur noch einen Streifen Niemandsland durchfahren und uns in Chile wieder einstempeln.

This Post Has 2 Comments

  1. Joachim

    Der gute alte Regenponcho. Wo der schon überall war. Damals dachte ich, das wäre eine gute Idee so einen zu haben. Dieser hat aber immer nur als Unterlage gedient. Aber die 5€ waren wohl gut investiert. Es waren mal 2 Stück.

    1. Hannah

      Er hat uns gute Dienste geleistet! Wir sitzen fast jeden Tag darauf.

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