Gegen den Wind

Gegen den Wind

Wo Chile beginnt, erkennt man am Asphalt. Der Unterschied ist offensichtlich: in Bolivien gab es keinen. Mit der positiven Stimmung kommt plötzlich auch Gegenwind auf. Und der zeigt gleich, was er so kann. Für die etwa zwei Kilometer bis zur Grenzstation auf chilenischer Seite benötigen wir an die 20 Minuten. Dann kommt und auch noch eine Front aus aufgewirbeltem Sand entgegen. So wird man also in Chile empfangen, mit Gegenwind und einem riesigen Plakat, auf dem abgebildet ist, was man alles nicht mitbringen darf. Dazu gehören Obst und Gemüse. Wir haben Äpfel und Bananen dabei, da wir gehört haben, dass Fahrradfahrer einfach durchgewunken werden. Die Grenzbeamtin gewährt uns nach kurzer Datenaufnahme 90 Tage Aufenthaltsgenehmigung, und während wir uns schon freuen, dass das ja einfach war, rollen wir auf die nächste Station zu. Jetzt kommt also doch noch der schwierige Teil. Wir müssen Formulare ausfüllen, alle Taschen öffnen, erläutern, was darin ist, die Anschaffungspreise der Fahrräder nennen, wobei wir natürlich maßlos untertreiben. Wir zeigen auch unser Obst. Da kennen die Beamten kein Pardon, das muss weg. Also fangen wir an zu essen, dabei werden wir die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen. Die Kerngehäuse der Äpfel und die Bananenschalen müssen wir abgeben. Aber dann dürfen wir passieren. Hallo Chile, wir kommen! Allerdings nur bis ins Dorf. Wegen des starken Windes möchte ich nicht wie geplant weiter nach Ollagüe, denn das sind zwar nur acht oder neun Kilometer, aber wenn man sich dabei gegen den Wind stemmen muss, kann das trotzdem anderthalb Stunden dauern. Das Grenzdorf ist klein, aber es gibt einen Laden, in dem Marius gleich verschwindet. Wir haben nur noch US-Dollar und hoffen, damit weiterzukommen. Zum Glück hat sich eine Gruppe chilenischer Motorradfahrer vor dem Laden versammelt, die uns etwas Geld wechselt. Während Marius einkauft, komme ich mit ihnen ins Gespräch. Sie fragen mich nach Uyuni, wo sie hinwollen. Es ist nur ein Smalltalk, aber ich merke, dass die Sätze mir flüssig über die Lippen kommen und ich keine Pause mache, um nach einer Vokabel zu suchen oder zu überlegen, wie ich ein Verb konjugiere. Spanisch lernt man am besten, indem man zuhört und dann einfach spricht.

Campen neben einer öffentlichen Toilette

In dem Dorf sind zwei Optionen zum Wildcampen eingezeichnet, einmal an dem Bahnhof und einmal an einen öffentlichen Toilettenhäuschen. Da wir am Bahnhof niemanden finden, den wir um Erlaubnis fragen können, ziehen wir weiter zur zweiten Option. Allerdings ist das Tor in der Mauer, die das Toilettenhaus einrahmt, abgeschlossen. „Kann ich euch helfen?“, fragt eine junge Frau. „Wir suchen einen Platz, wo wir heute Nacht campen können.“, erläutere ich. „Ah, ja kein Problem. Ich hole den Schlüssel!“ Tatsächlich wird uns keine fünf Minuten später der kleine Hof aufgeschlossen, es ist ein gepflegtes, mit Kies ausgestreutes Areal, teilweise überdacht, es gibt Sitzbänke und in einer Ecke steht ein Stuhl mit einem Klapptischchen daran. Die Mauer schützt vor dem Wind. Neben einem Toilettenhäuschen zu campen, klingt ja erstmal nicht so attraktiv, aber es stellt sich als der komfortabelste Campingplatz heraus, den wir bisher in Südamerika hatten. Das Dorf hat ein öffentliches WLAN-Netzwerk, dessen Signal bis zu uns reicht, die Toiletten sind sauber und es gibt sogar Duschen mit fließend heißem Wasser! Selbiges wird nicht mit einem wackelig angeschraubten Stromheizer erwärmt, bei dem man fürchten muss, dass er einem auf den Kopf fällt, sondern kommt vorgeheizt aus der Leitung. Außerdem kann man die gewünschte Temperatur einstellen. Steckdosen gibt es auch. Wir sind völlig hin und weg. „Wollen wir hier eine Woche Ferien machen?“ Marius lacht. Besonders angetan hat es ihm der Stuhl. Beim Campen und Essen sitzen wir immer auf dem Boden. Aber heute ist ein besonderer Tag, wir sind in Chile und in Chile gibt es WLAN, fließend heißes Wasser und Stühle! Alles gratis.

Die Freundlichkeit der Chilenen

In Chile stellen wir schnell fest, dass der Wind zum Land gehört wie die Flagge. Er ist immer da, mal schiebt er uns von hinten, mal drückt er von der Seite und mal bläst er uns direkt ins Gesicht. Landschaftlich ist die Gegend wunderschön, hohe Berge, teilweise mit schneebedeckten Gipfeln, weite, von Gräsern bewachsene Ebenen und dazwischen immer wieder türkisblau leuchtende Seen. Hier liegt auch kein Müll mehr am Straßenrand, wie wir es von unserer bisherigen Reise kennen, stattdessen stehen an den Parkplätzen immer Mülltonnen. Ein Auto überholt uns und hält an. Ob wir genug Wasser hätten, fragt der Beifahrer. Nun, Getränke kann man eigentlich nie genug haben und bis zur nächsten Siedlung ist es weit. Ohne die Antwort abzuwarten, springt der Mann aus dem Auto, öffnet die hintere Tür und schenkt uns jedem eine Flasche Wasser und ein orangefarbenes Sportgetränk. Sowas ist uns auf der Reise bisher nie passiert und wir freuen uns über die freundliche Geste.

Unser Weg führt uns durch zahlreiche kleinere Wüsten, alle in Tälern zwischen den Bergen gelegen. In einem davon staksen Flamingos durch brackiges Salzwasser. Wovon leben die hier? Wir haben uns mit Wasser und Essen für mehrere Tage eingedeckt, in dem Glauben, an alles gedacht zu haben. Bis Calama sind es 200 km, die Straße ist asphaltiert, das schaffen wir in zwei Tagen, haben wir uns vorgenommen. Aber der Wind macht uns einen Strich durch die Rechnung. Mit bis zu 120 km/h kann er hier auf uns eindreschen, das ist mehr, als selbst wir von der Nordsee gewohnt sind. Zunächst steht die Windrichtung zu unseren Gunsten, wir werden geschoben, als hätten wir Motoren an den Rädern. Ich erreiche 40 km/h, ohne überhaupt in die Pedale zu treten. Aber leider macht die Straße eine Biegung, die Flamingos verschwinden hinter unseren Rücken, der Wind dreht ein bisschen und plötzlich müssen wir gegen ihn antreten. Sand und Salz werden aufgewirbelt, sodass wir uns schützend die Arme über die Köpfe halten. Um uns zu verständigen, brüllen wir uns an, denn der Wind reißt uns die Worte von den Lippen und trägt sie über die Berge davon. Auf keinen Fall können wir hier zelten. Unser Ziel ist eine Polizeistation, hinter der wir vielleicht etwas Windschatten finden könnten, allerdings ist die noch 15 km entfernt und liegt auf einem Hügel. Doch die Rettung aus unserer Lage kommt unerwartet, von Gott, würde ein Gläubiger sagen, vielleicht auch nur von einem Architekten. Denn hinter der nächsten Kurve schmiegen sich die Baracken einiger Minenarbeiter an den Hang und auf der anderen Straßenseite steht, als einziges steinernes Gebäude weit und breit, eine Kirche. Sie sieht recht neu aus, Lichterketten prangen an der Fassade. Die Bewohner der kleinen Hütten erlauben uns, dort zu übernachten und wir schlüpfen dankbar durch die demolierte Tür ins Innere des Kirchenschiffs. Hier hängen noch mehr Lichterketten, die in allen Farben blinken und den am Kreuz hängenden Jesus in buntes Licht tauchen. Darunter pranken nicht minder farbenfroh bestickte Tücher mit dem Antlitz einer Heiligen. Auch an Plastikblumen wurde nicht gespart. Auf uns wirkt das etwas skurril, aber in Südamerika ist es üblich, den katholischen Glauben mit moderner Technik und dem gebührenden Kitsch zu zelebrieren. In prunkvolle Kleider gehüllte Puppen, die Maria mit dem Christuskind darstellen sollen, stehen ebenfalls ganz hoch im Kurs. Sobald wir die Kirche betreten, ist der Wind zwar noch zu hören, aber nicht mehr zu spüren. Es ist angenehm warm und als wir die Stecker der Lichterketten herausziehen, beruhigt sich auch die Atmosphäre etwas. Außer uns ist eh niemand hier. Also machen wir es uns gemütlich.

Die versteckte Siedlung

Am nächsten Morgen passieren wir dann die Polizeistation auf dem Hügel. Als Fahrradfahrer werden wir nicht kontrolliert, sondern einfach durchgewunken. Der Beamte füllt uns sogar noch eine Wasserflasche auf. Der weitere Weg nach Calama führt, wie könnte es anders sein, durch die Wüste. Doch unser Weg dorthin scheint mit Wundern gepflastert zu sein, denn auch am nächsten Tag finden wir überraschenden Schutz vor dem Wind, diesmal gestiftet von Mutter Natur. Als wir das erste Mal in einer Wüste gefahren sind, dachte ich: Oh, wie cool, wir fahren mit dem Fahrrad durch eine Wüste! Und inzwischen ist es einfach nur noch noch eine Wüste. Nichts Besonderes eben. Auf freien Flächen kann der Wind besonders viel Fahrt aufnehmen und an ihm als Gegner kann man sich echt die Zähne ausbeißen: Man strampelt, gibt alle Kraft in die Pedale, verausgabt sich völlig für fünf Kilometer pro Stunde. Das demotiviert. In der App iOverlander haben wir gesehen, dass es hier einen Canyon gibt, den alle über den grünen Klee loben. Solange wir damit dem Wind entkommen, bin ich inzwischen zu allem bereit. Wir nehmen einen kleinen Feldweg und tauchen ab. Die Straße führt an roten, deformierten Felswänden entlang abwärts, in vielen Windungen geht es über den Schotter nach unten. Ich bin zu müde, um enthusiastisch zu sein und daher umso überraschter von dem Bild, das sich uns plötzlich bietet. Von der Oberfläche aus war der Canyon nicht sichtbar, von alleine hätten wir ihn nie gefunden. Aber auf seinem Grund hat sich eine Welt gebildet, die zu der an der kargen, vegetationslosen Oberfläche in keinem größeren Kontrast stehen könnten. Alles ist grün, ein schmales Flüsschen plätschert dahin, zwischen den Gärten und Feldern stehen kleine, pastellfarbene Häuschen. Vögel zwitschern, ein paar Pferde grasen. Ist das hier unten eine geheime, unabhängig bestehende Zivilisation? Jedenfalls ist es nachvollziehbar, wieso die Menschen sich hierhin zurückgezogen haben, denn es ist das reinste Paradies. Auf dem Campingplatz ist niemand, weswegen es uns zu unserem großen Bedauern nicht möglich ist, die Gebühr zu bezahlen. Diese Nacht campen wir umsonst, in völliger Ruhe am Fluss mit ein paar Pferden als Nachbarn.

In der Schlucht gibt es eine schmale Straße, die sogar asphaltiert ist. Das Beste daran ist: Sie ist windgeschützt. Daher fahren sich die paar Kilometer bis zum kleinen Ort Chiu Chiu wie von selbst. Das Dorf mit dem chinesisch klingenden Namen hat als Sehenswürdigkeit die älteste Kirche Chiles zu bieten. Der weiß getünchte, gedrungene Lehmbau mit Türmchen stammt von 1660. Auf dem üppig bepflanzten Dorfplatz setzen wir uns zum frühstücken auf eine Bank. In einem Laden haben wir tatsächlich richtigen, echten Käse bekommen, nicht die weiße, gepresste Molke, die sie in Peru und Bolivien Käse nennen. Chile gefällt mir richtig gut. Nach Calama sind es jetzt nur noch 35 km und mit vollem Magen fahren wir die ohne Pause durch. Calama hat den Ruf einer von Kriminalität gebeutelten Stadt. Einbrüche in die Autos von Touristen sind die Haupteinnahmequelle der Banden. Zum Glück haben wir kein Auto, aber dafür viele einzelne Taschen an den Fahrrädern. Also suchen wir uns auf der Karte ein Hotel aus und fahren dorthin durch, ohne anzuhalten. Als unsere Sachen in einem abschließbaren Raum mit kameraüberwachtem Flur verstaut sind, fühlen wir uns besser und erkunden die Stadt. Es ist tatsächlich eine richtige Stadt mit buntem Treiben und vielen Geschäften. Da wir noch immer nicht im Besitz von chilenischen Pesos sind, müssen wir zuerst zur Bank. Bisher sind wir immer um Gebühren herumgekommen, aber die einzige Bank, die hier in der Stadt keine erhebt, hat geschlossen. Also beißen wir in den sauren Apfel und bezahlen. Dafür haben wir jetzt Bargeld um alles zu kaufen, was uns die letzten Monate gefehlt hat, denn Chile ist auf einem höheren Entwicklungsstand als Bolivien und Peru und westlich orientiert. Marius geht erstmal in ein Burgerrestaurant. Im hiesigen Einkaufszentrum essen wir Sandwiches bei Subway und schlendern durch die Regalreihen eines gigantischen Supermarktes, der die chilenische Version des nordamerikanischen Wallmarts zu sein scheint. In unserem Einkaufswagen stapeln sich Schokolade, Schlagsahne, Tortellini und Milchkaffeepulver. Erst jetzt weiß ich die große Auswahl wirklich zu schätzen. In Bolivien gab es einfach kaum Essen, also haben wir Einiges aufzuholen. Schlagsahne beispielsweise hatte ich zuletzt in Deutschland, Milchprodukte sind hier nicht verbreitet, und Schokolade gab es bisher nur in kleinen, einzelnen Riegeln, die immer Erdnüsse enthielten.

Calama ist keine außergewöhnliche Großstadt, es gibt keine Attraktionen oder herausragend schöne Orte, aber allein schon in einer Großstadt zu sein ist für uns eine Attraktion. In Hamburg können wir jeden Tag alles einkaufen, was wir wollen, hier kaufen wir an einem Tag alles, was wir über Wochen gewollt haben. Marius bekommt sogar neue SPD-Platten für seine Schuhe. Die wären in Peru unmöglich aufzutreiben gewesen. Im Vergleich kommt Chile uns vor wie das Paradies, die Rückkehr in die Zivilisation.

This Post Has 2 Comments

  1. E & E May

    Die Elke hat frueher mit Cola ihre Waxfussboeden gereinigt, und hoffentlich ruiniert es nicht Eure Maegen. Folgendes lesen wir in den Economist Kurznachrichten:

    “Sebastián Piñera, Chile’s president, announced a raft of measures to try and quell violent protests. He promised more affordable health care and electricity, as well as increases in the state pension and minimum wage. A hike in public-transport fares (since scrapped) sparked unrest last weekend, reflecting anger over the high cost of living.”
    Wir freuen uns schon jetzt auf den naechsten Bericht von Euch.

    1. Hannah

      Wir trinken hier so viel Cola, das hätte uns schon längst umbringen müssen… Schön, dass ihr unsere Berichte so fleißig lest!

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