Eine Stadt in der Wüste

Eine Stadt in der Wüste

Auf dem Weg nach San Pedro de Atacama treffen wir Becky und Ned, zwei Briten, die so leicht bepackt sind, dass uns die Kinnladen herunterklappen. Sie haben jeder zwei winzige Taschen vorne an der Gabel und eine unter dem Sattel. Auf ihren Rennrädern sind sie schnell unterwegs. Es geht stetig bergauf für etwa 40 km, allerdings ist es eine angenehme, konstante Steigung von 4%, keine Serpentinen. Das britische Ehepaar hat vier Jahre lang in Singapur gelebt und gönnt sich nun noch ein Abenteuer, ehe es zurück auf die Insel zieht. Schon nach kurzer gemeinsamer Zeit müssen wir eine Zwangspause einlegen, denn Ned hat einen Platten. Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass er einen viel zu großen Schlauch in seinem Reifen hat, da er keinen passenden kaufen konnte. Mitten in der Wüste am Straßenrand steht ein Häuschen mit Heiligenfiguren darin, anscheinend ein Schrein für hier verunglückte Unfallopfer. Dahinter sind wir vom Wind abgeschirmt und Ned kann in Ruhe seinen Schlauch flicken, während wir anderen unsere Snacks auspacken und teilen.

Mit frisch geflicktem Reifen fährt es sich dann auch wieder besser, sogar etwas zu gut, denn mit ihrem spärlichen Gepäck fahren sie uns Schwergewichten mit Leichtigkeit davon. Sie wollen im Valle de la Luna campen und das ist noch ziemlich weit. Allerdings ist es eine der wenigen Optionen der Gegend, die Schutz vor dem Wind bieten. Als wir an Nachmittag die nicht enden wollende Steigung hinauf strampeln, hält vor uns ein roter Pickup an. Der Fahrer hat Mitleid mit uns und überhaupt, wo wollen wir denn schlafen, nachts sei es hier bitterkalt. Im Vergleich zu dem, was wir inzwischen gewöhnt sind, haben wir hier nichts zu befürchten, aber sein aus Mitleid vorgebrachtes Angebot, uns nach San Pedro mitzunehmen, nehmen wir gerne an. Und so kommen wir schon einen Tag früher als geplant in die Kleinstadt am Rande der Wüste. Mauricio, der Fahrer, ist eine echte Plaudertasche und erzählt von seiner Arbeit. Er sieht in uns seine Gelegenheit, sich als Fremdenführer zu betätigen und fährt uns erstmal in der Stadt herum. „Hier gibt es günstiges Essen, das ist viel billiger als das für die Touristen“, erklärt er, „Und dahinten gibt es frisches Obst und das hier ist das Busterminal und diese Straße hier müsst ihr nehmen, wenn ihr nach Paso Sico weiterfahrt.“ Nach der Stadtrundfahrt setzt er uns im Zentrum ab und verabschiedet sich. Er hat kein Geld von uns gewollt, sondern war einfach nur nett. In Peru hätten wir jetzt locker 20€ abdrücken müssen. Da wir das von uns ausgewählte Hotel nicht finden, entscheiden wir uns spontan für ein anderes, an dem wir während der Suche einige Male vorbeigelaufen sind. Da das Hotel nicht online gelistet ist, wissen wir nicht, was uns erwartet und kommen uns sehr waghalsig vor, ein Zimmer zu mieten in einem Etablissement, das keine Bewertungen hat. Schnell stellen wir fest, dass unser Vertrauen belohnt wird und wir ins Schwarze getroffen haben. Das Zimmer ist günstig, sauber, es gibt eine Küche und einen mit Gartenstühlen gemütlich gestalteten Außenbereich. Also reichen wir unsere Empfehlung bei unseren britischen Radkollegen ein, die wahrscheinlich gerade im Valle de la Luna vom Wind davongeblasen werden. Wann kommen wohl David und Johanna von der Lagunen-Route? Es ist noch ein bisschen zu früh für sie. Dafür meldet sich am nächsten Vormittag Michael, den wir in der Salar de Uyuni getroffen haben. Marius und er verabreden sich für einen Kaffee am Mittag. Davor wollen wir noch die Gelegenheit für einen Stadtbummel nutzen.

Eine charmante Kleinstadt

San Pedro hat es geschafft, sich trotz der Touristenanstürme den ursprünglichen Charakter einer charmanten kleinen Wüstenstadt aufrecht zu erhalten, mit weiß getünchten Fassaden, einer aus Lehmziegeln errichteten Kirche und einem üppig bepflanzten Dorfplatz. Ein Vorzug der Touristenanwesenheit ist, dass alles etwas sauberer und ordentlicher ist als in anderen Kleinstädten. Den Wohlstand sieht man der Stadt an, man bemerkt ihn an den liebevollen Details, den handgefertigten, hölzernen Ladenschildern, den geschmückten, eisernen Laternenpfählen und den Blumenbeeten. Die Häuser sind ausnahmslos einstöckig, drinnen gibt es Souvenirs oder Restaurants aller Preisklassen. Außerdem prägen Cafés das Straßenbild, an den Tischen sitzen die Leute mit Milchkaffee und Törtchen. Eine französische Bäckerei hat es uns angetan. Endlich gibt es mal wieder echtes Brot! Mit einer Kruste!

Sehr zufrieden kehre ich ins Hotel zurück, um meine Postkarten zu schreiben. Marius ist ja mit Michael verabredet und begierig darauf zu hören, wie die Lagunen-Route war. Sein Aufbruch ist sechs Tage her, in den geplanten drei Tagen hat er es also nicht geschafft. Als Marius zurückkommt, ist er sauer, denn Michael hat ihn versetzt. Dafür sind in der Zwischenzeit die Briten im Hotel eingetroffen und ich habe uns für ein Bier verabredet. Das trinken wir in aufgeheizter Atmosphäre in einem Pub mit lauter Musik. Auf dem Fernseher läuft das Duell zweier regionaler Fußballmannschaften, dass die anwesenden Einheimischen mit emotionsreichen Ausbrüchen und viel Gebrüll mitleben. Ned hat beste Laune und bestellt eine Kanne Bier nach der anderen. Das Ehepaar erzählt von seiner Zeit in Singapur, die ebenso wie Südamerika ein Kulturschock war, allerdings in ganz anderer Weise. Ned ist ein guter Geschichtenerzähler und verdeutlicht analog zu seinen Ausführungen mit witzigen Gesichtsausdrücken den Hergang der Geschichte. Wir lachen laut und weil die Musik so laut ist, müssen wir uns am Tisch beinahe anbrüllen. Nach der zweiten Bierkanne bin ich bereits heiser. Dazu kommt noch, dass ich Alkohol nicht mehr gewohnt bin, denn seit wir Deutschland verlassen haben, habe ich keinen getrunken. Das liegt nicht daran, dass ich bewusst darauf verzichten würde sondern vielmehr, dass sich einfach keine Gelegenheit ergeben hat. Die Briten haben für morgen ein Auto gemietet und uns angeboten, mit ihnen ein paar Sehenswürdigkeiten der Umgebung zu besichtigen und die Kosten zu teilen. „Alles, was ich von euch erwarte, sind gute Gespräche und eure Spotify-Playlists“, sagt Ned, der fahren wird. Das klingt nach einem guten Angebot. Eigentlich wollten wir morgen weiter, aber wir entscheiden, stattdessen diese Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen.

Der unzerstörbare Toyota

Am nächsten Morgen stehen wir also um acht Uhr an der Straße, wir haben als Deutsche schließlich den Ruf der Pünktlichkeit zu verteidigen. Ned vertröstet uns noch eine halbe Stunde, weil in ihrem Gebäude die Warmwasserversorgung unterbrochen ist und er so in unserem Gebäude duschen muss. Das Auto, das nach einem Großeinkauf in der französischen Bäckerei abholen, ist ein knallroter Pickup von Toyota. Während wir fahren erzählt mir Becky, dass dieses Modell in Großbritannien den Ruf habe, unzerstörbar zu sein, und das kam so: In einer Autosendung im britischen Fernsehen testet ein Team von Autofreaks wöchentlich verschiedene Wagen und die Männer stellen sich gegenseitig Aufgaben. In einer Woche war die Aufgabe, einen identischen Toyota-Pickup zu zerstören. Daraufhin wurde der Wagen auf dem Dach eines mehrstöckigen Gebäudes geparkt, welches daraufhin bildgewaltig gesprengt wurde. Als der Staub sich gelegt und die begeisterten Herren die Schuttberge erklommen hatten, steckten sie den Schlüssel ins Zündschloss und starteten den Motor. Der Wagen war voll funktionsfähig. Ned ist ein Autofan und so liegt die Vermutung nahe, er habe das Auto aus ebendiesem Grund ausgewählt. Letztlich war es aber einfach das Einzige, welches so spontan verfügbar war.

Etwa eine Stunde fahren wir zu den Geysiren und heißen Quellen, die hoch in den Bergen liegen. Ned gibt richtig Gas und ich bin froh, diese sandige Piste nicht auf dem Fahrrad bewältigen zu müssen. Hinter uns weht Staub auf. Im Auto sind die im Sand aufgeworfenen Bodenwellen kaum zu spüren. Auf dem Fahrrad haben sie uns immer furchtbar gequält. Als wir ankommen, sind wir die einzigen Touristen. Die großen Busse verlassen das Areal spätestens um 9:00 Uhr. Also haben wir die Attraktionen, die die Natur hier geschaffen hat, ganz für uns alleine.

Das kochende Wasser sprudelt in den kleinen Tümpeln, manchmal türmen sich die Blasen auf zu einem Berg, um dann wieder in sich zusammenzufallen. Fontänen sehen wir sowohl in flüssiger Form wie auch als Gas, allerdings sind sie nur etwa anderthalb Meter hoch. Im Morgengrauen gibt es hier angeblich mehr Spektakel. Nach einem Bad in einer zwar nicht kochenden, aber noch immer heißen Quelle fahren wir für eine Mittagspause zurück in die Stadt. Ned nutzt die Gelegenheit, in einem Fahrradladen einen passenden Schlauch zu kaufen. Für den Nachmittag stehen ein Salzsee und ein Aussichtspunkt mit Flamingos auf dem Plan. Allerdings ist der berühmteste Salzsee durch einen unverhältnismäßig hohen Eintrittspreis getrübt und so entscheiden wir uns, etwas weiter zu einem kleineren zu fahren. Ned heizt über die Sandpiste und wir sind schneller da als gedacht. In einem Container ziehe ich meinen Bikini an. Als ich zurückkomme, liegt Ned unter dem geparkten Auto und Marius verkündet, dass wir gleich zwei platte Reifen hätten. Zuerst denke ich, das müsse ein schlechter Scherz sein. Ist es aber nicht. Wie geht denn das? Zwei Reifen auf einmal? So unzerstörbar scheint das Auto doch nicht zu sein. Ned ist anscheinend ziemlich wütend, verständlicherweise, denn das Auto läuft schließlich auf seinen Namen. Aber eine Lösung wird schnell gefunden. Ein Touristenführer bietet uns an, uns mit zurück in die Stadt zu nehmen. In anderthalb Stunden fährt er ab. Also haben wir sogar noch genügend Zeit für das Bad im Salzsee. Eine Aufseherin erklärt die Regeln auf Spanisch, dafür müssen wir ausnahmslos alle antreten und zuhören, wie bei einem Morgenappell. Ich frage mich, was das soll, wo doch die Hälfte der Touristen eh kein Spanisch versteht.

Der Salzsee ist leider viel weniger angenehm temperiert als die heißen Quellen am Morgen, trotzdem wagen wir uns alle hinein, ich zugegebenermaßen erst nach einer sehr sehr langen Eingewöhnungszeit, in der ich mit den Füßen im kalten Wasser plansche. Das Salz trägt uns auf der Wasseroberfläche, wenn man zu schwimmen versucht, paddelt man gegen einen unsichtbaren Widerstand an. Als wir uns abtrocknen, haben wir Salzkrusten auf der Haut. Insgesamt sind es sieben kleine Seen, die in eine mondkraterähnliche Landschaft ohne Vegetation oder Tiere eingebettet sind. Auf der Rückfahrt teilen Marius und ich den letzten freien Sitz, Becky und Ned sitzen auf einer Kühlbox. Der Touristenführer hält auf einer Baustelle an und serviert allen Cocktails. Da haben wir ja Glück im Unglück! Am Abend sehen wir die Sonne über dem Valle de la luna untergehen und gehen gemeinsam in der Stadt zum Abendessen. Irgendwie war es trotz der Autopanne ein gelungener Tag.

Aber wir müssen weiter! Chile hat uns mit seinem Charme und Aufgebot völlig umgarnt, doch die Zeit rennt. Ohne, dass wir es wirklich wahrgenommen hätten, ist es Mitte Oktober geworden. Für unseren Weg nach Argentinien haben wir uns für die südliche Route entschieden, da diese uns als die schönere empfohlen wurde. Sie führt uns nochmals auf 4600 m über den Meeresspiegel und den Paso de Sico, der auf 4200 Höhenmetern liegt. Auf dem Weg kommen wir noch durch zwei kleinere, weniger touristische Städte, aber danach wird es ziemlich einsam. Dabei soll das hier die stärker frequentierte Route sein. In den dreieinhalb Tagen, die wir zum Pass brauchen, kämpfen wir uns die Steigungen hoch und treten dabei nicht selten noch gegen den Wind an. Dieser facht auch die Buschfeuer an, die an mehreren Stellen abseits der Straße brennen und dunkle Rauchsäulen gen Himmel schicken. Wir wurden oft vorgewarnt, dass in Chile nachmittags der Wind auffrischt, aber das möchte ich hier ganz klar als Untertreibung des Jahrhunderts entlarven, denn erstens weht der Wind den ganzen Tag und zweitens tut er es mit Geschwindigkeiten von bis zu 130km/h. Hier zu zelten ist beinahe unmöglich, also verkriechen wir uns in der ersten Nacht in einen sandigen Canyon und in der darauf verstecken wir unser Zelt zwischen einer Gruppe von Felsformationen. Trotzdem rüttelt der Wind die ganze Nacht am Gestänge und außerdem ist es ziemlich kalt hier oben. Dafür haben wir die Landschaft ganz für uns. Es ist mal wieder eine Wüste. Sand und kleine Büsche, soweit das Auge reicht, in der Ferne ein paar Berge und Vulkane, einige mit Schnee darauf. Am Tag sehen wir vielleicht fünf Autos. Unser Trinkwasser füllen wir an einem Bach auf, weil uns nichts Anderes übrig bleibt. Allerdings sind natürliche Wasserquellen in der Trockenzeit rar. Daher sind wir dankbar, als uns ein paar Bauarbeiter Wasser schenken.

Mit dem Abschied von Chile ist auch der Abschied von asphaltierten Straßen verknüpft. An der Grenze hört sie einfach auf. Selbige liegt mitten in der Wüste, kein Gebäude weit und breit. Auf unser klassisches Grenzübertritts-Foto müssen wir wegen des starken Windes diesmal verzichten. Die Grenzbeamten beider Nationen sitzen gemeinsam in einem Gebäude elf Kilometer hinter der eigentlichen Grenze auf argentinischer Seite. Das ist zwar ungewöhnlich, aber von dieser Grenzstelle haben wir nur Gutes gehört, die Beamten sollen freundlich sein und wir erhoffen uns dort, Wasser erbetteln zu können, denn bis zur ersten argentinischen Stadt sind es noch gut 70 km.

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