Ein verregneter Ausflug zu den größten Wasserfällen der Erde

Ein verregneter Ausflug zu den größten Wasserfällen der Erde

Die Iguazu-Wasserfälle liegen auf dem Grenzfluss zwischen Brasilien und Argentinien, man kann sie also von beiden Ländern aus besichtigen. Beide haben das Gebiet rundherum zum Nationalpark erklärt, in dem sogar Pumas und Jaguare leben, wobei man diese menschenscheuen Geschöpfe wohl niemals zu Gesicht bekommt. Heute nehmen wir uns die argentinische Seite vor. Schon beim Eintritt in den Park wird deutlich, dass die Dinge hier anders gehandhabt werden als bei Sehenswürdigkeiten in Peru, denn alles ist vorbildlich organisiert, die Wege sind gepflastert, überall stehen Wegweiser und das Personal spricht Englisch! Unglaublich, aber wahr. Wir buchen eine Bootsfahrt, um möglichst nah an die Wasserfälle heranzukommen. Der Bus zum Bootsanleger ist voll, anscheinend ist dies die beliebteste Variante. Wir werden allesamt mit Schwimmwesten und einer wasserfesten Tasche ausgestattet, dann geht es flussaufwärts. Brasilien ist zum Greifen nahe, das andere Ufer liegt nur einige Dutzend Meter entfernt. Der Fluss hat es eilig, das Wasser prescht mit hohem Druck über Steine und durch Stromschnellen und wir bleiben dabei nicht trocken. Die Wasserfälle liegen in zwei Buchten, die durch eine Insel voneinander getrennt sind. Die ganz großen Wasserfälle sind in der Bucht auf brasilianischer Seite und die Strömung so stark, dass man dort nicht hineinfahren kann, also landen wir in der anderen Bucht, die sich auf argentinischer Seite befindet. Hier sind zwar die „kleineren“ Wasserfälle, aber dieses Wort ist nur in Relation zu der Nachbarbucht angemessen, denn das Naturschauspiel, das hier geboten wird, ist noch immer gigantisch. Ein feiner Nebel aus Wassertropfen liegt in der Luft und auf den steilen Felswänden haben es sich zahlreiche Überlebenskünstler bereitgemacht. Kleine Büsche und anderes Gewächs haben ihre Wurzeln in den Fels gekrallt und lassen sich Tag und Nacht von oben benetzen. Vögel ziehen hoch am Himmel ihre Kreise, um Ausschau nach Beute zu halten und stürzen sich selbstmörderisch senkrecht hinab in die Fluten. Hier unten auf dem Boot ist das Rauschen des tosenden Wassers so laut, dass man sich kaum unterhalten kann. Unser Guide und unser Kapitän haben sich inzwischen Regenjacken übergezogen, was mir zu denken gibt. Dann gibt der Kapitän Gas und wir fahren mitten in den Wasserfall hinein. Ich muss die Augen vor dem heftigen Wasserdruck verschließen. Binnen Millisekunden sind wir alle nass bis auf die Knochen, bis auf eine stark geschminkte Brasilianerin, die sich rechtzeitig einen Plastikponcho übergezogen hat. „Otra, otra!“, brüllen wir im Chor, noch einmal. Da lässt sich unser Bootsführer nicht lange bitten und wir tauchen erneut ein. Viel zu schnell ist die Fahrt vorbei, wir steigen wieder aus und geben unsere Rettungswesten ab.

Nun wollen wir unsere Perspektive noch um die Sicht von oben erweitern. Mit einer Bummelbahn fahren wir durch den Dschungel, während der Himmel sich merklich zuzieht. Pünktlich zu unserer Ankunft am Wanderweg beginnt es zu regnen, es ist ein richtiger Regenwald-Regen, kräftig, unerbittlich und ausdauernd. Die ersten Blitze zucken am Himmel. Wir sind wieder klitschnass, aber diesmal haben wir keine Sonne und keinen Fahrtwind, die uns trocknen. Trotzdem laufen wir die anderthalb Kilometer über die Metallstege, die den Fluss überspannen. Immer wieder kommen wir dabei an Bäumen vorbei, die aus dem Wasser ragen. Am Wasserfall angekommen rauscht das Wasser über und unter uns, aber der Ausblick ist unglaublich, als würde man durch ein Loch in den Planeten hineinblicken, in dem gurgelnd die Wassermassen verschwinden. Durch den aufsteigenden Wassernebel ist der Grund nicht zu sehen. Der Wasserfall verliert sich in der Tiefe. Wir machen ein paar Fotos und starren gebannt hinab, lange halten wir es aber nicht aus. Als wir zurückgehen, verwandelt sich der Regen in Hagel. Die Körner werden immer größer, deshalb suchen wir Schutz zwischen einigen Bäumen unter die sich andere Wanderer drängen, die genauso durchnässt sind wie wir. Es hört einfach nicht auf und irgendwann rennen wir einfach los, um aus der Eiseskälte zu entkommen. An der Bahnstation fährt kurz darauf die Bummelbahn ein und wir quetschen uns in ein überfülltes Abteil. Alle sind nass, allen ist kalt, durch die offenen Waggons fegt der Wind den Regen in Böen hinein. Wir versuchen, es mit Humor zu nehmen. „Wollen wir noch den anderen Wanderweg gehen?“, fragt Marius und ich halte das für einen Scherz. Ich will nur irgendwo rein und mich aufwärmen, aber er meint es ernst. Mein Freund will aus diesem Park alles rausholen, was geht. Also setze ich mich in eine nach Frittierfett stinkende Burgerbude und er zieht alleine los. Eine Dreiviertelstunde später lässt er sich wieder auf den Stuhl neben mir fallen, ohne Shirt, tropfend, aber zufrieden. In den 45 Minuten ist er in strömendem Regen sogar beide verbliebenen Wanderwege abgerannt und schwärmt jetzt von der diesigen, aber dennoch traumhaften Aussicht. Diese Schilderungen wecken in mir nun das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Das bemerkt Marius und nutzt meine Nachdenklichkeit, um mich zu überzeugen, doch noch mal ein Stück mitzukommen, was ich schließlich tue. Getrocknet bin ich eh kaum also macht eine weitere Dusche wohl keinen Unterschied. Wir rennen durch den Regen bis zum Aussichtspunkt. Hier kann man die Wasserfälle aus der Distanz begutachten, durch einen Vorhang aus Palmwedeln und Baumstämmen. Das üppige Grün des Dschungels wird nur von den senkrechten Wasserläufen durchschnitten. Man fühlt sich aus dieser Perspektive wie ein Entdecker im Urwald und nicht wie ein Tourist auf einem sorgfältig gepflasterten Weg. Wir sind die einzigen Leute weit und breit. Aber nun reicht es auch und wir suchen den Ausgang.

Ein kurzer Besuch in Paraguay

Am Morgen brechen wir dann auf. Heute wird ein besonderer Tag für uns, ein Dreiländer-Tag. Zuerst wollen wir mit einer Fähre nach Paraguay fahren. Puerto Iguazu liegt direkt am Dreiländereck, daher ist es ein Katzensprung. Also kaufen wir zwei Tickets und nutzen die Stunde, die uns noch bis zur Abfahrt bleibt, um zu einem etwa zwei Kilometer entfernten Aussichtspunkt zu fahren, von dem aus man neben Paraguay auch Brasilien sehen kann. Wüsste man nicht, dass hier drei Nationen aufeinandertreffen, wäre es einfach nur eine bewaldete Flussbiegung. Drei Flussarme trennen die Landmassen voneinander. Neben dem Aussichtspunkt gibt es ein paar kleine Souvenirshops. Die Fähre teilen wir uns mit einigen Autos. Das Gefährt wirkt wie ein notdürftig zusammengeschweißtes Provisorium. Am Rande der rostigen Plattform ist ein kleines Schleppschiff angebunden, dass die Konstruktion, die ihre besten Tage hinter sich hat, anschiebt. Die Rampe, über die die Autos auffahren, ist ziemlich verbogen und die Fähre muss in einem zehnminütigen Manovrierprozess eingeparkt werden. Die Überfahrt dauert weitere zehn Minuten und verläuft unspektakulär. Eine Grenzkontrolle gibt es nicht, alle verlassen die Fähre ohne Aufhebens von der Grenzüberschreitung zu machen. Aber wir wollen auf Nummer sicher gehen und uns als pflichtbewusste deutsche Bürger einen Stempel in unsere Pässe geben lassen. Mithilfe der Einheimischen finden wir einen gelangweilten Grenzbeamten, der in einem Container sitzt und an seinem Handy spielt. Er schaut nicht einmal auf unsere Namen, klatscht nur die Stempel auf eine freie Seite und schließt dann wieder das kleine Fenster. Die Stadt auf paraguayischer Seite heißt Ciudad del Este, dorthin fahren wir etwa eine Dreiviertelstunde. Von der Straße aus sehen wir einfache Holzhütten, herumlaufende Hühner und kaputte Maschendrahtzäune. Die Autos, die uns entgegenkommen, sind alt und klapprig. Plötzlich fühlen wir uns wieder wie in Peru. Das Leben hier ist einfacher, der Standard niedriger und die Menschen ärmer als ihre Nachbarn in Argentinien und vermutlich auch die in Brasilien. Die Stadt, die wir bald darauf erreichen, ist das totale Chaos. Die Straßen sind eng, die Gehwege voller Verkaufsstände und daher weichen die Fußgänger auf die Straße aus. Wir müssen uns zwischen Taxen, Gemüseverkäufern und Marktschreiern hindurchschlängeln. Ständig werden wir angesprochen, aber ich ignoriere die vielen Stimmen und schiebe schnell weiter, denn häufig sind Gespräche in vollen Straßen nur Ablenkungsmanöver für Taschendiebstähle. Deshalb bin ich auch sehr nervös, als Marius in einer Wechselstube verschwindet und ich plötzlich auf zwei Fahrräder achtgeben muss. Aber es geht alles gut. Diese Gegend hier ist wegen ihrer Lage recht touristisch und bietet zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten. Viele der Einkaufszentren werden von chinesischen Unternehmen betrieben. Das Preisniveau in Paraguay ist niedriger als bei den Nachbarn und da wir nur noch etwa zehn Fahrradtage vor uns haben, können wir uns ein bisschen zusätzliches Gewicht auf dem Gepäckträger inzwischen wohl leisten. Wir gehen nacheinander in ein Einkaufszentrum. In Chile, Argentinien und offensichtlich auch hier lieben die Menschen Weihnachten und zelebrieren es mit übertriebenem Kitsch. Auch hier gibt es mehrere Läden, die ausschließlich Weihnachtsartikel verkaufen, und zwar das ganze Jahr. Lebensgroße Weihnachtsmannpuppen, bunte Christbaumkugeln, Lichterketten und batteriebetriebene Krippenspiele. Alles ist bunt und blinkt, Kunstschnee liegt in den Schaufenstern, man kann gar nicht hinsehen. Ich kaufe zwei Kleider und eine Sonnenbrille, Marius Technikkram. Dann haben wir auch schon wieder genug von der Lautstärke und dem geschäftigen Gewusel.

Über die Brücke

Paraguay ist über eine Brücke mit Brasilien verbunden. Diese ist am Nachmittag total überfüllt und wir stehen in undurchdringlichem Stau. Auch hier schert sich wieder niemand um eine Einreisekontrolle, jeder der will, läuft einfach durch. Wir finden das Migrationsbüro und lassen uns wieder Stempel geben. Dass wir keinen Ausreisestempel aus Paraguay haben, bleibt entweder unbemerkt oder interessiert nicht. Offiziell muss man bei der Einreise nach Brasilien eine Gelbfieberimpfung nachweisen und wir haben nur für den heutigen Tag vier Monate lang unsere Impfpässe mitgenommen. Daher sind wir ein bisschen enttäuscht, als auch danach niemand fragt. Plötzlich sind alle Straßenschilder auf Portugiesisch, die Sprache spart nicht an Akzenten. Über jedem zweiten Buchstaben schwebt ein Hütchen, ein Strich oder eine Welle. Die Aussprache ist komplett anders als im Spanischen und wir verstehen kein Wort. Nach vier Monaten haben wir uns ein gutes Alltagsspanisch angeeignet, das uns ab heute wohl nichts mehr nützen wird – wir müssen jetzt ein bisschen Portugiesisch lernen!

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