Zweite Chance bei den Iguazu-Wasserfällen

Zweite Chance bei den Iguazu-Wasserfällen

Es ist heiß. Der Schweiß spült uns die Sonnencreme in die Augen. Das neue Kleid klebt mir an den Oberschenkeln. Wir stehen in einer Schlange und warten darauf, in einen der mit bunten Tieren bedruckten Busse zu steigen. Die Brasilianer haben den Nationalpark auf ihrer Seite der Wasserfälle völlig anders gestaltet als die Argentinier. Auf argentinischer Seite kann man auf zahlreichen Pfaden selbstständig umherlaufen, hier werden die Touristen in Busse gepfercht und direkt zum Start des schmalen Weges gefahren, der zu den Wasserfällen führt. Den Wald sehen wir also nur aus dem Bus heraus, Tiere gar nicht. Dann geht’s etwa anderthalb Kilometer den gepflasterten Weg hinab zur Hauptattraktion, den Cataratas do Iguaçu, wie sie hier heißen. Auf der großen Aussichtsplattform, von der aus man den Weg des fliesenden Elements den Abgrund hinab verfolgen kann, ist es mir eindeutig zu voll. Die Konstruktion scheint aus den 70er Jahren zu stammen und nicht auf die Besuchermassen ausgelegt zu sein, von denen sie heutzutage überrollt wird. Auf dem Weg dorthin bleiben zu allem Überfluss auch noch diverse Leute stehen, um Selfies zu machen und halten damit den ganzen Betrieb auf. Ich drehe mich um und gehe zurück, aber Marius stürzt sich ins Getümmel. Da er so groß ist, kann ich ihn auch aus der Ferne in dem ganzen Gewusel gut ausmachen. Als wir danach noch den Souvenirshop besuchen, werden wir vom brasilianischen Preisniveau eingeholt. Ein Eis für umgerechnet 4,50€ und dazu allerlei quietschbunt mit Vögeln bedruckter Tand, vermutlich Importware aus China. Das schöne an dieser Seite der Wasserfälle ist aber, dass man hier einen besseren Überblick hat, also fast alle Wasserfälle auf einmal sehen kann. Immer wieder blitzen sie zwischen den Bäumen auf. Rechts und links des Weges hat man die Bäume nämlich nicht etwa der Aussicht wegen gefällt, sondern den Wald in seiner Form belassen. Dessen tierische Bewohner kreuzen hier und da unseren Weg.

Das Casa de Ciclistas

Der Besuch bei den Wasserfällen währt diesmal deutlich kürzer und am frühen Nachmittag machen wir uns auf den Rückweg. Hier in Brasilien gibt es Uber, für alle die es nicht kennen: Uber ist ein privater Fahrdienstvermittler. Autofahrer können sich mit ihren Privatwagen in der App registrieren und Nutzer können dann ein Auto bestellen, um sie irgendwo hinzufahren. Das ist deutlich billiger, als mit einem Taxi zu fahren und, da alle Autos mit Kennzeichen registriert sind und jede Buchung gespeichert wird, auch sicherer. Unser heutiger Fahrer ist von meiner Lieblingssorte. Er grüßt uns und schweigt dann die restliche Fahrt. Wir lassen uns am Casa de Ciclistas absetzen, wo wir untergekommen sind. Das Haus ist insgesamt in etwa so groß wie mein Wohnzimmer, drinnen stehen drei Stockbetten mit Platz für sechs Gäste, aber wir sind dir einzigen. Luciano, der uns die kostenlose Unterkunft zur Verfügung stellt, betreibt in der Nähe einen Laden für Haustierbedarf. Auch für kostenlose Unterkünfte muss man zahlen, zwar nicht mit Geld, aber dafür mit den eigenen Ansprüchen. Hier mussten wir unsere besonders weit herunterschrauben. Die kleine Hütte ist zwar nicht überdurchschnittlich dreckig, dafür teilen wir uns Bad und Küche mit ein paar Kakerlaken, die im feuchtheißen Klima besonders gut gedeihen. Wenn ich nachts auf die Toilette gehe und das Licht anknipse, sehe ich sie davonlaufen, sie verstecken sich hinter der Kloschüssel oder im Abfluss der Dusche. Die Matratzen in den Betten sind so alt und von Flecken undefinierbarer Herkunft übersät, dass ich es vorziehe, auf einer Thermarest auf dem Fußboden zu schlafen. Da krabbeln zwar Ameisen umher, aber wer weiß, was sich in der Matratze so angesiedelt hat.

„Nie wieder.“, sage ich am nächsten Morgen zu Marius. Er muss sich ein verlegenes Grinsen verkneifen, denn er weiß schon, was ich meine. „Das war das letzte Mal!“, erkläre ich autoritär. „Wir schlafen nicht mehr bei Warmshower-Gastgebern oder in einem Casa de Ciclista.“ Er widerspricht mir nicht. Er fand es wohl auch nicht so prickelnd. Da wir nun den Nachmittag noch Zeit haben, besorgen wir uns neue Simkarten und Marius geht zum Friseur. Mit Google Übersetzer erklärt er, wie kurz die Haare werden sollen, allerdings versteht der Friseur ihn anscheinend falsch, den er schert ihn bis auf wenige Millimeter kahl, was ich mit unterdrücktem Gelächter beobachte. Nun ist es eh zu spät und bei dem Wetter sind Haarstoppeln eh besser als eine Haarmatte.

Noch neun Tage

Jetzt haben wir noch neun Tage Zeit, um São Paulo zu erreichen. Unser Zeitplan ist straff und es zeichnet sich ab, dass wir es nicht schaffen werden, wenn wir radeln. Einige Strecken werden wir per Anhalter oder Bus fahren müssen. Heute wird uns schonmal klar, dass die Strecke nicht so einfach ist, wie wir sie uns vorgestellt haben. Die Straße ist asphaltiert und in gutem Zustand, es gibt einen breiten Seitenstreifen, auf dem wir fahren können, aber die Landschaft ist hügelig und zur Mittagszeit klettern die Temperaturen auf 37 Grad an. Das bereitet mir echte Kreislaufprobleme. So viel kann ich gar nicht trinken. Das ist einfach kein Klima zum Fahrradfahren. Die Strecke ist nach unseren, zugegebenermaßen mittlerweile hohen, Standards auch landschaftlich ziemlich öde. Hier gibt es keine malerischen Bergketten oder türkisblaue Seen sondern nur Stromtrassen und abgeerntete Stoppelfelder. Es sieht ein bisschen aus wie in Schleswig-Holstein.

Dafür sind die Leute sehr nett und scheinen Fahrradfahrer zu respektieren, niemand kommt uns auf der Straße zu nah oder hupt uns an. Ein Fahrer fährt kurz neben uns her um zu fragen, wer wir sind und was wir machen. Am Straßenrand lädt er uns auf einen frischen Zuckerrohrsaft ein und wir unterhalten uns ein wenig. Als ich am Nachmittag völlig verausgabt auf einem Rasenstreifen zusammensacke und mit Schnappatmung liegenbleibe, entscheiden wir, morgen wieder früh aufzubrechen und so hoffentlich der schlimmsten Hitze zu entgehen. Viel hat sich geändert, seit wir aus Ecuador aufgebrochen sind. Hier wo wir sind gibt es keine einsamen Gegenden, alles ist besiedelt oder zumindest landwirtschaftlich erschlossen. Unbemerkt zu zelten ist hier undenkbar und bei der Hitze vermutlich ohnehin nicht ratsam. Marius besteht darauf, am Abend in ein Hotel mit Klimaanlage einzuchecken. Die Hotels sind hier, wie alles andere auch, teurer als wir es mittlerweile gewöhnt sind, aber dafür hätte man in Bolivien auch vergeblich nach sauberen Bettlaken und einer Klimaanlage gesucht. Ich genieße es, nicht mehr fragen zu müssen, ob es fließend Wasser und eine heiße Dusche gibt, denn das ist hier selbstverständlich. Allerdings will ich die heiße Dusche nun gar nicht mehr, lieber eine kalte. Auf dem Weg in die Stadt Medianeira kommen wir auch an einigen Motels vorbei, vor denen auf Plastikstühlen leicht bekleidete Frauen mit blond gefärbten Haaren sitzen, darauf kommen wir noch zurück. Momentan wundern wir uns aber gar nicht darüber. Das Hotel Capri, für das wir uns entscheiden, teilt sich das Gelände mit einer Tankstelle und einem Restaurant. In letzteres gehen wir nach dem Duschen zum Abendessen, es gibt ein kleines Buffet. Die Brasilianer lieben Buffet.

Am nächsten Morgen stehen wir dann doch nicht ganz so früh auf, da es erst ab 6:30 Uhr Frühstück gibt und da das inklusive ist, wollen wir uns das natürlich nicht entgehen lassen. Es ist wieder ein Buffet, aber endlich mal ein echtes Frühstück, das aus mehr besteht als einem trockenen Brötchen und einem Klecks Marmelade. Heute ist es bewölkt, das freut uns, denn es ist angenehm kühl. Bald sehen wir erste Blitze und es riecht nach Regen, vorsichtshalber stellen wir uns bei einer Tankstelle unter. Dann beginnt es zu schütten. In Minuten steht das Wasser zentimeterhoch. Da prescht eine andere Radfahrerin mit Packtaschen den Hügel hinab auf die Tankstelle. Sie stellt ihr Fahrrad so weit weg von uns ab, wie die Überdachung es erlaubt und wechselt kein Wort mit uns. Bald hört es wieder auf zu regnen und wir fahren weiter. Die Luft ist rein und kühl. So können wir den Tag ohne lange Pausen komplett ausnutzen und fahren die 84 km nach Cascavel. Die Infrastruktur macht uns das Leben so viel einfacher. Mehrmals täglich kommen wir in eine Stadt, kein Dorf mit einem Kiosk, sondern eine richtige Stadt. Wir müssen nicht mehr auf Vorrat einkaufen, sondern können uns in den riesigen, klimatisierten Supermärkten einfach spontan aussuchen, worauf wir Lust haben. Die meisten davon haben sogar gekühlte Wasserspender, an denen wir kostenlos unsere Flaschen auffüllen können. Heute entscheiden wir uns, über AirBnB eine Ferienwohnung zu buchen. Diese liegt unter einer Kunstgalerie und ist auf kleiner Fläche mit allem ausgestattet, was wir benötigen. Die Betreiberin versucht sogar, ein paar einfache Sätze auf Deutsch mit uns zu wechseln, aber ihre Aussprache ist sehr schwer zu verstehen.

Auch am nächsten Tag ist es wieder bewölkt, was uns vor der glühenden Hitze rettet. An dem einen Tag, den wir in der Sonne gefahren sind, haben sich meine Arme und Beine trotz Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 dunkelbraun gefärbt. Dafür, dass wir in niedrigen Höhenlagen unterwegs sind, ist die Strahlung erstaunlich intensiv.

„Können Sie uns mitnehmen?“

Das Problem, das uns nach wie vor beschäftigt, ist unser Tempo. Heute müssen wir mal einen Sprung machen. Also kaufen wir mittags in einem Supermarkt einen Filzstift und klauen einen leeren Pappkarton, um ein Schild zu basteln. Mithilfe des Google Übersetzers reimen wir uns einen einfachen Satz auf Portugiesisch zusammen und schnallen das Schild hinten auf meine Taschen. „Können Sie uns nach Maringá mitnehmen?“ steht darauf. Wir fahren weiter, aber niemand scheint von unserem Schild Notiz zu nehmen, bis am frühen Abend unser Plan doch noch aufgeht. Ein roter Pickup hält neben Marius und der Fahrer bietet an, uns nach Maringá mitzunehmen. Wir laden die Fahrräder auf und versuchen, uns mit dem Fahrer in einer Mischung aus Spanisch, Englisch, Zeichensprache und der Zuhilfenahme unseres Übersetzungsprogramms zu unterhalten. Er warnt uns vor den vielen Überfällen in Rio de Janeiro und erzählt gruselige Geschichten von Menschenhandel. Vor letzterem sind wir als Touristen zum Glück recht sicher. In Maringá werden wir direkt vor einem Ibis Hotel abgesetzt. Maringá ist eine schöne Stadt mit einer Kathedrale, die aussieht wie ein Spitzhut und bei Nacht blau angeleuchtet ist. Leider haben wir keine Zeit, die Stadt zu erkunden, sondern gehen nur ins nahegelegene Einkaufszentrum, um etwas zu essen.

Mittlerweile ist es schon November, unser letzter Reisemonat ist angebrochen. Spätestens am 7. des Monats wollen wir in São Paulo sein, denn am 10. fliegen wir schon weiter nach Rio de Janeiro, um dort Marius‘ Schwester zu treffen. Auch heute basteln wir uns wieder ein Pappschild, um ins etwa 100 km entfernte Londrina zu kommen. Als wir am Nachmittag noch immer kein Glück haben und alle Autofahrer ohne Reaktion an uns vorbeiziehen, beschließen wir, die nächste, weiter entfernte Stadt auf das Schild zu schreiben. Kurz darauf hält dann ein blauer Kombi an, der doch nach Londrina fährt. Unsere Fahrräder schnallen wir aufs Dach. Der Fahrer spricht sogar Spanisch, was die Verständigung erheblich erleichtert. Auf den Beifahrersitz sitzt eine zierliche Frau, die sich als Maria vorstellt. Während der Fahrt schauen wir online nach Hotels und finden ein Motel am Stadtrand, wo wir morgen früh gut wegkommen würden. Das Zimmer hat sogar einen Whirlpool und das für umgerechnet gerade einmal 23€. In Londrina wird Maria dann abgesetzt und der Brasilianer fährt direkt danach auf eine Tankstelle, kauft einen Karton mit zwölf Dosen Heineken und öffnet ihn mit zittrigen Händen, sobald er wieder im Auto sitzt. Die erste Dose trinkt er in unter einer Minute aus, die zweite öffnet er unmittelbar danach, während er sich in den Stadtverkehr einfädelt. Großzügig bietet er an, dass wir bei ihm zuhause übernachten können. Da der Mann offensichtlich Alkoholiker ist und mir zunehmend unbehaglich wird, sagen wir, dass wir das Motel bereits gebucht hätten. „Ein Motel?“, fragt er. „Hier in Brasilien sind Motels für Sex.“ Oha. Das erklärt den Whirlpool für 23€. Da können wir jetzt also doch nicht hin. In den vergangenen Monaten habe ich immer wieder aus Höflichkeit mein schlechtes Bauchgefühl ignoriert und bin dann in Situationen gelandet wie der, nachts auf der Toilette Kakerlaken zu finden. Das mache ich nicht mehr. Ich fühle mich unwohl und werde uns jetzt irgendwie aus dieser Situation herausreden. Dafür bietet sich kurz darauf eine Gelegenheit, denn wir kommen an einem Einkaufszentrum vorbei. Ich gebe vor, unbedingt einkaufen zu wollen. „Ja klar, wir können die Sachen zu mir bringen und dann könnt ihr hier einkaufen.“ Vermutlich will er einfach nur gastfreundlich sein, aber ich bestehe darauf, jetzt anzuhalten und unsere Sachen auszuladen, damit ich in das Einkaufszentrum kann. Das wird dann auch gemacht und endlich sind wir den Alkoholiker los. Im Einkaufszentrum hole ich uns Abendessen, das wir draußen bei den Fahrrädern verspeisen. Inzwischen ist es dunkel geworden. Nebenan findet gerade das Konzert einer Queen-Coverband statt, die passenderweise den Song „I want to ride my bicycle“ spielt. Für heute jedenfalls möchte ich auf meinem nicht mehr weiter fahren.

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