Auf der Zielgeraden

Auf der Zielgeraden

Nach einigen verregneten Tagen ist es heute wieder ordentlich heiß. Zu allem Übel hat sich auf meinen Oberschenkel und meinem Arm, nachdem ich einen Tag mang in kurzer Hose gefahren bin, ein fetter Sonnenbrand breit gemacht, trotz Sonnencreme. Auf der roten Haut haben sich inzwischen dutzende Brandblasen gebildet. Da uns nichts Besseres einfällt, fragen wir eine befreundete Ärztin in Deutschland im Rat. Sie stuft das Übel als Verbrennung zweiten Grades ein und verordnet mir Cremes und lange Kleidung, wonach mir bei dem Wetter natürlich noch weniger zumute ist. Die Einschränkung verleitet uns dazu, die Mittagsstunden im Außenbereich eines von Bäumen umstellten Restaurants zu verbringen. Der Laden ist voll, obwohl das Essen nur mittelmäßig ist. Da wir keinen eigenen Tisch bekommen konnten, teilen wir einen mit einer asiatisch aussehenden Familie, die aber brasilianisch zu sein scheint, denn sie unterhalten sich auf Portugiesisch. Mein Fahrrad mit Schild, heute mit der Aufschrift „Können Sie uns nach Ourinhos mitnehmen?“ haben wir gut sichtbar auf dem Parkplatz postiert. Unsere Tischgenossen haben aufgegessen, lächeln uns noch einmal zu und gehen. Ich schöpfe schon Hoffnung, die erstirbt, sobald sie an ihrem Auto ankommen. Für unsere Fahrräder wäre es zu klein. Aber da kommt einer von ihnen nochmal zurück und stellt uns Fragen auf Portugiesisch. Es sind nicht die üblichen Fragen wie „Woher kommt ihr?“, „Wo seid ihr gestartet?“, die wir mittlerweile auch auf Portugiesisch erkennen können. Er hält einen Geldschein in der Hand. Unter Zuhilfenahme unseres Übersetzerprogramms können wir uns dann doch verständigen. Er fragt tatsächlich, ob wir Geldspenden akzeptieren; er ist selbst begeisterter Fahrradfahrer und möchte uns unterstützen. Sowas ist uns bisher noch nicht passiert. Obwohl wir nicht auf Spenden aus sind, nehmen wir die umgerechnet 4,50€ an, was ihm ein strahlendes Lächeln aufs Gesicht zaubert. So haben wir einen Teil unserer Rechnung schonmal bezahlt. Bald darauf überqueren wir die Grenze zum Bundesstaat São Paulo, das Ziel rückt näher!

Fahrradmitnahme untersagt

Doch unser Glück für heute scheint aufgebraucht zu sein. Bis nach Ourinhos müssen wir radeln, was fast drei Tage dauert. Eine andere Lösung muss her. Wir wollten weitere Busfahrten vermeiden, da das Diebstahlrisiko groß und die Fahrradmitnahme meist mit noch größeren Diskussionen verbunden ist. Aber es hilft alles nichts. Als wir am nächsten Morgen zum Schalter am Busbahnhof trotten, beginnt es zu gewittern. Es kommt, wie wir befürchtet haben. Die Fahrräder müssen, wie für einen Flug, komplett demontiert und in Kartons verpackt werden. Darauf, den Lenker querzustellen und die Pedale abzuschrauben, würden wir uns ja noch einlassen, aber für eine Busfahrt von gerade mal sechs Stunden das Fahrrad auseinanderzubauen, scheint doch reichlich übertrieben. Der Mitarbeiter am Schalter ist sehr hilfsbereit, betreibt mit uns eine gut halbstündige Konversation über das Übersetzerprogramm und fragt alle Kollegen nach Lösungsansätzen. Dann klappert er mit Marius im Schlepptau drei Fahrradläden in der Umgebung ab, um Kartons zu organisieren. Fündig werden sie nicht und do ziehen wir unverrichteter Dinge wieder ab. Die Aktion hat uns zwei Stunden gekostet und keinen Mehrwert eingebracht, im Gegenteil: Gegenüber Busfahrten sind wir nun noch abgeneigter als zuvor. Im Nieselregen brechen wir auf. Leider artet der kurze Zeit später in einen Regensturm mit Blitzen aus, sodass wir in einer Autobahnunterführung Schutz suchen müssen. An diesem Tag schaffen wir es nur bis ins 28 km entfernte Ipaussu. Dort müssen wir bleiben, einerseits wegen des Wetters, andererseits weil es auf den nächsten Kilometern keine Übernachtungsmöglichkeit mehr gibt. Auf dem Supermarktparkplatz werde ich von Flavio angequatscht in einem Moment, in dem ich eigentlich nur noch meine Ruhe haben will. In gebrochenem Englisch erkundigt er sich nach der Tour und unserer Herkunft. Aufgrund meiner knappen Antworten gerät das Gespräch schnell ins Stocken, aber er gibt nicht auf und packt dann noch ein paar Brocken Deutsch aus. „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ kann er sagen. In dieser Nacht schlafen wir in einer privaten Unterkunft, die wir über AirBnB gebucht haben. Das zahlt sich aus, denn als wir am nächsten Morgen erneut am Busbahnhof stehen, diesmal in Ipaussu, und einen neuen Versuch wagen, kommt unser Gastgeber zu unserer Rettung und überzeugt den Ticketverkäufer, bezüglich der Fahrräder ein Auge zuzudrücken. So schaffen wir es tatsächlich an Bord und fahren um 8:00 Uhr Richtung São Paulo. Zu gern wäre ich mit dem Fahrrad in die Stadt eingefahren, mir war es wirklich wichtig, das Ziel unserer Fahrradtour auch mit dem Fahrrad zu erreichen. Was mich letztlich überzeugt hat, es bleiben zu lassen, waren die Aussagen zahlreicher anderer Radfahrer und Einwohner der 20-Millionen-Stadt. Jeder, wirklich jeder, den wir danach gefragt haben hat gesagt: „Lasst es bleiben.“ Der Verkehr soll zu jeder Tageszeit ein Albtraum sein, Fahrradwege gibt es nur in der Innenstadt. Als wir uns der Stadt nähern, gebe ich ihnen allen recht. Der Verkehr läuft auch bis zu acht Spuren je Richtung meist nur stockend, so viele Autos und LKWs drängen in die Stadt. Ständig muss man sich an unübersichtlichen Abbiegungen, Unter- und Überführungen einordnen. Das wäre nichts für uns gewesen.

Abstellkammer für zwei

Am Busbahnhof wird es dann wieder stressig, aber als eingespieltes Team bekommen wir schnell alle Taschen zusammen und können los. Acht Kilometer sind es bis zur Unterkunft, durch den dichten Stadtverkehr. Eine Stunde brauchen wir dafür. São Paulo ist hügelig. Als wir in der Straße ankommen, stellen wir fest, dass der Anbieter uns die Hausnummer nicht genannt sondern nur mitgeteilt hat, es sei das Haus mit dem weißen Tor. Leider gibt es hier mehrere Häuser mit weißen Toren und wir klingeln auf gut Glück bei einem. Der Mann, der uns öffnet, weiß zwar nichts von AirBnB, ist aber sehr hilfsbereit. Seine Nachbarin kommt gerade mit ihrem Sohn die Straße entlang und bietet ebenfalls Hilfe an. Der etwa achtjährige Junge erkennt die orangene Maus, die Marius als Maskottchen an seinem Lenker hat. Die Sendung mit der Maus ist dem Jungen von seinem deutschen Vater bekannt. Irgendwie finden wir dann doch das richtige Haus und stellen fest, dass das uns zugewiesene Zimmer nicht das ist, das wir auf den Fotos gesehen haben, sondern eine etwa sieben Quadratmeter kleine Kammer. Wie sollen wir mit unseren vielen Taschen denn da reinpassen? Unser Raum ist nicht einmal in Haus, sondern im Hinterhof. Das Zimmer vom Foto ist natürlich schon anderweitig gebucht. Unser Ansprechpartner ist natürlich nicht vor Ort und die Putzfrau kann uns auch nicht helfen. Also laden wir unsere Sachen ab und gehen erstmal einkaufen. Wenigstens gibt es eine Küche, in der wir uns selbst bekochen können. Dazu kommt es aber nicht, denn Rocco, den wir mit seiner Freundin Rafaela auf der Huayhuash-Wanderung in Peru kennengelernt haben, kann es kaum erwarten, endlich etwas mit uns zu unternehmen, jetzt, wo wir da sind. Das brasilianische Paar war uns in den letzten Wochen eine großartige Unterstützung, Tipps von Einheimischen sind einfach unbezahlbar. Unsere Fahrräder werden für die Zeit bis zu unserer Abreise bei den beiden einziehen. Heute aber schlägt Rocco vor, brasilianisch essen zu gehen, und was essen Brasilianer gerne? Rodizio. Als Marius mir vorschlägt, in ein All-you-can-eat Barbecue-Restaurant zu gehen, das Rocco empfiehlt, klinke ich mich aus. Als Marius in der Nacht zurückkommt, erzählt er mir als erstes, wie sehr er sich ärgere, nicht noch mehr gegessen zu haben; schließlich habe er jetzt keine Bauchschmerzen und das hieße, er hätte noch mehr essen können.

Unser erster Tag in São Paulo geht komplett für die Organisation der Heimreise drauf. Uns bleibt gar keine Zeit zu realisieren, dass die Fahrradtour vorbei ist, wir feiern nicht, sprechen es nicht einmal aus. Stattdessen fährt Marius durch die Stadt auf der Suche nach Kartons. Vier Stück brauchen wir, zwei möglichst lange für die Fahrräder, um sie nicht komplett demontieren zu müssen, und zwei für unsere Satteltaschen und unser Gepäck. Erstaunlich schnell findet er in einem Schreibwarenladen Umzugskartons, die exakt die Maße haben, die die Fluggesellschaft als Maximum erlaubt. So können wir die Kapazität perfekt ausnutzen. Die Suche nach Fahrradkartons gestaltet sich schwieriger. Da wir nicht den ganzen Tag in der Stadt herumkurven und suchen wollen, schwenken wir auf unseren Plan B um. Rocco hat für uns recherchiert und einen Fahrradladen gefunden, der einen Packservice anbietet. Wir investieren die 99 Reai und sparen dafür Zeit und Nerven. Marius und ein Mitarbeiter machen sich zunächst über sein Fahrrad her. Beim Anblick der Kartons, die sie vorrätig haben, wird schnell klar: Alles, wirklich alles muss ab. Marius ist ziemlich kritisch und will unbedingt bei jedem Arbeitsschritt selbst Hand anlegen aus Angst, sein Heiligtum könne beschädigt werden. Ich mache mir währenddessen mehr Sorgen darüber, wie das riesige Fahrrad in den winzigen Kartons passen soll. Aber anderthalb Stunden und zwei Rollen Klebeband später ist tatsächlich alles fachmännisch verstaut. Die Mitarbeiter des Ladens scheinen routiniert zu sein, denn sie wissen genau, in welcher Reihenfolge die Teile verpackt werden und was wo hinkommt. Am Ende ist alles so gekonnt ineinander verschachtelt, dass von dem Karton sogar noch ein ganzes Stück abgeschnitten wird.

Vier Monate in vier Kartons verpacken

Leider geht dann die Diskussion los: Der Handwerker will mehr Geld. Bei der Preisabsprache hätten wir nicht angegeben, dass es sich um Elektroräder handle, und deren Demontage sei nun einmal teurer. Das ist ziemlich frech, denn unsere Fahrräder haben keinen Akku sondern sind kein mechanisch, nichts mit elektro. Das müsste ein Fahrradfachmann eigentlich wissen. Solche Fahrräder wie unsere scheint er noch nie gesehen zu haben, wahrscheinlich hält er die Rohloff-Nabe für einen Motor, dabei ist es die Gangschaltung. Wir bleiben stur, mehr zahlen wir nicht. Der nächste Diskussionspunkt ist dann mein Fahrrad. Es ist bereits 17:15 Uhr, um 18:00 Uhr ist Ladenschluss. Also sollen wir morgen mit meinem Fahrrad wiederkommen. Das kommt für uns natürlich genauso wenig in Frage. Sturheit siegt, mein Fahrrad wird auseinander gebaut. Nun wissen wir ja auch schon, wie man es am besten anpackt. Diesmal geht alles ganz schnell, als der letzte Klebestreifen auf dem Karton platziert wird, ist es Punkt 18:00 Uhr. Wir haben es geschafft! Jetzt, wo die Fahrräder weg sind und die Kartons vor uns stehen, wird es mir erst bewusst. Vier Monate und eine Woche sind vergangen, seit wir aus Quito in Ecuador losgefahren sind. Wir sind in sieben Ländern gefahren, habe tausende Kilometer auf den Fahrrädern zurückgelegt. Jetzt sind wir angekommen und können gar nicht mehr weiter, selbst wenn wir wollten. Es ist vorbei.

Am Abend gehen wir mit Rocco und Rafaela essen. Ich beginne, die brasilianische Küche lieb zu gewinnen. Typisch sind Reis und Bohnen als Beilage. Eine klassische Vorspeise sind panierte, frittierte Tapioka-Würfel. Dazu gibt es natürlich Caipirinha mit einem in Brasilien üblichen Schnaps als Basis. Wir stoßen an, auf vier Monate und sieben Länder.

This Post Has 4 Comments

  1. Joachim

    Tolle Leistung! Wir sind stolz auf euch und freuen uns euch am 29. November wieder in Empfang zu nehmen lieben Gruß Mama und Papa

    1. Hannah

      Dankeschön 🙂 Wir bringen viele Geschichten im Gepäck mit nach Hause, und auch den einen oder anderen Magneten.

  2. Hardy May

    Unsere Glueckwuensche zum erfolgreichen Abschluss der Radtour. Geniesst Hike mit Schwester, und wir hoffen weiter Eure Abenteuer verfolgen zu koennen.
    Elke & Hardy

    1. Hannah

      Vielen Dank! Ja, wir werden auch über den Rest der Reise (ohne Fahrräder) berichten!

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