Ipanema und Copacabana

Ipanema und Copacabana

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Die vier Tage, die wir in São Paulo verbringen, vergehen wie im Flug. Die gigantische Stadt hat so Einiges zu bieten, auf das wir in den letzten Monaten meistens verzichten mussten. Aber dennoch zieht es uns weiter, denn am Sonntag haben wir eine Verabredung in Rio de Janeiro. Wir finden, Busfahrten hatten wir mehr als genug, also fliegen wir in die weltberühmte Stadt am Südatlantik. Oder besser gesagt: Wir haben vor zu fliegen und finden uns am nationalen Flughafen von São Paulo wieder. Typisch Deutsch sind wir schon drei Stunden vorher vor Ort, gefasst darauf, dass irgendetwas schiefgehen könnte: Ein vergessener Gegenstand im Hotel, Stau auf dem Weg zum Flughafen oder oder… Aber alles klappt wie geplant und wir sitzen vor unserem Gate, schauen Netflix auf dem Handy und vertreiben uns die Zeit. Doch es kommt, wie es kommen muss: Eine halbe Stunde vor Abflug wird unser Flug gestrichen. Durchsagen gibt es hier ausschließlich auf Portugiesisch, aber wir bemerken die plötzliche Unruhe, die um uns herum ausbricht. Alle stehen auf, nehmen ihre Koffer und gehen. Marius rennt zur Anzeigetafel: Cancelled steht da neben unserer Flugnummer. Es ist auf der Tafel der einzige gestrichene Flug. Unsere Rettung ist eine Brasilianerin, die im Gegensatz zum Flughafenpersonal Englisch spricht und uns die Situation erklärt. Am Flugzeug sei ein Schaden aufgetreten, eine Ersatzmaschine gäbe es nicht, wir müssten alle umbuchen. Am Schalter der Fluglinie bildet sich schon eine Schlange, aber die meisten unserer Mitreisenden nehmen die Treppe nach unten. Natürlich stehen wir in der falschen Schlange, wir müssen raus und wieder neu einchecken, um neue Tickets zu bekommen. Marius Stimmung kocht mittlerweile, um 20:00 Uhr landet seine Schwester in Rio und seine Eltern haben ihm schon vor Wochen eingebläut, er müsse sie unbedingt abholen. Es ist erst 14:00 Uhr, aber dennoch malt ihm sein wütendes Gemüt aus, dass wir es möglicherweise nicht rechtzeitig schaffen würden. Alle Versuche, ihn zu beruhigen, verpuffen wirkungslos und als wir uns an einem weiteren Schalter in einer noch viel längeren Schlange wiederfinden, wohlwissend, dass der nächste Flug längst ausgebucht sein wird, ehe wir an der Reihe sind, grummelt Marius Beschimpfungen gegen die Fluglinie vor sich hin. Anderthalb Stunden warten wir, um dann gesagt zu bekommen, der nächste Flug mit freien Plätzen wäre der um 18:40 Uhr. Ich tische eine tränenreiche Geschichte auf von Marius´ kleiner, zwölfjähriger Schwester, die alleine am internationalen Flughafen steht und darauf wartet, dass ihr Bruder kommt, der aber nun mal nicht da ist. Die Frau am Schalter spricht kein Englisch, wir werden weiter verwiesen und geben die Geschichte erneut zum Besten. Das zeigt Wirkung. Der nächste Flug geht auch gar nicht um 18:40, sondern 16:40 Uhr, aber die erste Dame hatte mit mangelnden Sprachkenntnissen falsche Auskunft gegeben. Wir bekommen zwei Plätze. Dass Marius´ Schwester schon 26 Jahre alt ist, braucht ja keiner zu wissen.

Vom nationalen Flughafen in Rio zum internationalen fährt man etwa eine Stunde. Aber wir sind gut in der Zeit. Natürlich konnten wir nicht wie geplant in unsere Wohnung und unser Gepäck abladen, also haben wir eine Ortlieb-Tasche und eine mittlerweile sehr verknitterte und zerfetzte Papiertüte, die mir als Koffer dient, dabei. Tatsächlich warten wir dann sogar noch eine halbe Stunde auf Vanessa, die tränenreich in unsere Arme geschlossen wird. Jetzt kann der Urlaub beginnen! Auf der Fahrt zum Appartement hören wir gar nicht auf zu erzählen, wir haben einfach so viel verpasst, so viele Geschichten, die bisher in keinen Blogartikel gepasst haben. Die Wohnung liebt im beliebten Viertel Ipanema, hat vier Zimmer und zwei Bäder, eins davon mit Badewanne. Mir kommt es vor wie ein Palast hinter sauberer, weißer Fassade und blauen Fensterläden.

Am nächsten Morgen regnet es in Strömen, aber wir lachen darüber und gehen shoppen, weil uns bei dem Wetter einfach nichts Besseres einfällt. Ich brauche dringend ein paar neue Klamotten, denn mit Outdoor-Kleidung bin ich erstmal durch. Ich möchte mich wieder wie eine Frau fühlen. In Rio gibt es eine der bekanntesten und wohl schönsten Treppen der Welt, die Escaderia de Selarón. Künstler aus aller Welt haben Fliesen bemalt und auf der Treppe angebracht. Jede Stufe sieht anders aus, alles ist bunt und es gibt bei jedem Schritt etwas zu entdecken, zum Beispiel ein Bild des niederländischen Malers Vermeer oder, wie Marius und Vanessa feststellen, das Wappen ihrer Heimatstadt Quickborn.

Trotz der dunklen Wolken und des frischen Windes treibt die Neugierde uns an die Copacabana, einen von Rios berühmten Stränden. Außer uns sind kaum Leute da, was wohl dem Wetter geschuldet ist. Vanessas Wunsch, einen Ipanema-Cocktail am Copacabana zu trinken, könne wir leider nicht nachkommen, denn den Cocktail gibt es hier anscheind gar nicht. Hat da jemand eine deutsche Erfindung nach dem brasilianischen Strand benannt? Der Wind schäumt die Wellen auf und treibt sie mit Gewalt auf den Strand. Die Bucht wird eingepfercht von den Bergen, die bis ans Meer reichen und der Stadt einen einmaligen Charme verleihen. Wo sonst gibt es Berge direkt am Meer?

Der Regen begleitet uns fast die ganze Woche in Rio. Wir machen eine Wanderung durch einen der zahlreichen Nationalparks der Stadt, es regnet. Aber unser Führer gibt sich alle Mühe, keine schlechte Stimmung aufkommen zu lassen. Alex ist ein Draußenmensch, das merkt man sofort. Er hat seinen Bürojob aufgegeben, um Touren zu leiten. Der gebürtige Brasilianer erzählt uns vom Leben in Rio. “Ich kenne niemanden, der hier noch nie überfallen wurde.”, sagt er mit einem Grinsen auf den Lippen. Er sagt das so, als würde er über sein Frühstück sprechen. “Wirklich, das ist ganz normal hier. Wenn ich überfallen werde und meinen Freunden davon erzähle, fragen sie ´Und, wie war´s?´” Die Amerikanerin, die heute ebenfalls zur Truppe gehört, hängt an seinen Lippen. Wir lachen, denn in Alex´ Worten klingt das Überfallenwerden nicht bedrohlich. “Man kann auch mit den Räubern verhandeln. Man kann sagen: ´Hey, ich geb dir mein Handy und mein Geld, aber lass mich den Führerschein und den Ausweis behalten, damit kannst du doch eh ncihts anfangen.´, oder man bittet darum, fünf Reai für den Bus behalten zu dürfen und der Räuber sagt: ´Ok´.” Es scheint, Räuber und Beraubte haben sich in dieser Stadt an den Umgang miteinander gewöhnt. “Ein Kumpel von mir wurde mal an der Bushaltestelle angequatscht von einem Typen, ob er ihm zwei Reai für den Bus geben könnte. Mein Freund gab ihm das Geld, der Typp stieg in den Bus, kaufte eine Fahrkarte und raubte den ganzen Bus aus. Als er wieder ausstieg sagte er zu meinem Kumpel, dass er ihn nicht ausrauben würde, weil er ihm ja das Geld für den Bus geliehen habe. Danach dachten alle im Bus, er sei ein Komplize und waren wütend.”

Wir haben Glück, denn unseren einzigen Sonnentag stopfen wir voll mit Attraktionen. Als wir uns anstellen, um mit dem Zug zur Christusstatue hoch zu fahren, hängen die Wolken so tief, dass wir den Mann mit ausgebreiteten Armen gar nicht sehen können, aber kaum sind wir oben, klart es auf und der steinerne Jesus streckt seine Hände in den blauen Himmel. Marius und Vanessa sind nicht nur genetische Geschwister, sondern auch Geschwister des Humors. Bei all den Insidern und den neckischen Provokationen komme ich als Außenstehende, obwohl ich beide gut kenne, kaum mehr mit. Man merkt beiden die Freude an die sie empfinden darüber, wieder vereint zu sein.

Den Mittag verbringen wir dann am Strand von Ipanema. Heute ist dort jeder Quadratzentimeter belegt, zwischen all den bunten Schirmen kann man das Meer kaum erkennen. Komischerweise sind fast nur junge Männer anwesend und komischerweise tragen sie alle sehr enge und knapp geschnittene Badehosen in Pink oder Silber oder mit Leopardenmuster. Schon bevor die beiden jungen Herren hinter uns zu knutschen beginnen wird uns allen klar, dass wir am Schwulenstrand gelandet sind. Marius ist enttäuscht, denn Bikini-Nixen gibt es hier nicht, dafür interessierte Blicke. Zwischen den Handtüchern und Decken schlängeln sich mobile Verkäufer mit fertig gemixten Cocktails, Sonnenbrillen und Badekleidung hindurch. Zum Baden ist der Atlantik aber leider zu kalt. Rechts von uns sehen wir auf dem Berghang hunderte kleiner Hütten stehen, jede sieht anders aus. Wie ein heterogenes Gewächs, das mit Konkurrenten um den Platz buhlt, drängen sie sich aneinander. Das sind die Favelas von Rio. Durch die geografischen Gegebenheiten leben Arme und Reiche hier so nah zusammen wie nirgends sonst. Durch die Berge ist der Baugrund limitiert, die Berghänge eignen sich nicht für die hohen Wolkenkratzer mit verglasten Fassaden, wohl aber für die kleinen Ziegelhütten. Wo immer die Stadt wächst, entsteht eine neue Favela, denn die Armen sind es, die die Häuser der Reichen bauen und die Arbeiter müssen irgendwo wohnen. Dieses Zusammenleben zweier Lebenswelten an einem Ort hat Auswirkungen auf die Stadt. Überfälle sind hier so alltäglich wie in keiner anderen Großstadt Brasiliens, besonders Touristen sind beliebte Opfer. Also fahren wir selbst zum nur zwei Blocks entfernten Supermarkt mit einem Uber, lassen die Handys in der Wohnung, nehmen nur Bargeld mit. Am Nachmittag fahren wir mit der Seilbahn auf den Zuckerhut, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Die Stadt leuchtet im Dunkeln, die Verteilung der kleinen Lichter zeigt an, wo die Stadt Natur und wo Kultur ist.

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  1. Elke May

    Alles sehr abenteuerlich, und hoffentlich kommt Ihr nicht unter die Raeder.

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