Der Brocken

Der Brocken

geschrieben von Hannah

Die größte Herausforderung, die der Harz bietet, ist der Brocken. 1142 m über dem Meeresspiegel, über verschiedene Wanderwege oder mit der Brockenbahn zu erreichen machen sich täglich hunderte Wanderer an den Aufstieg. Für Mountainbiker ist das Gebiet ein Paradies. Für uns mit unseren voll bepackten Rädern ist es vor allem anstrengend.

Die ersten Kilometer legen wir auf der B4 zurück, dicht an die Leitplanke gepresst in der Hoffnung, dass die mit 80km/h vorbeirasenden Autofahrer uns rechtzeitig bemerken. Mich kostet das Nerven und wirklich Spaß machen tut es auch nicht, also schlagen wir uns bei erster Gelegenheit in den Wald und fahren auf einem ungeteerten Weg der Forstwirtschaft weiter. Das ist zwar holprig, aber dafür richtig schön: Keine Menschenseele begegnet uns auf den ersten Kilometern, selbst die Vögel lassen sich nicht blicken sondern machen sich nur durch ihr Zwitschern in den Baumwipfeln bemerkbar. Manchmal raschelt es links und rechts vom Weg im Gebüsch, aber unsere Begleiter bleiben unsichtbar. Der Weg verläuft in ständigen Biegungen und wird so abwechselnd in Sonnenlicht getaucht oder verläuft zwischen den Bäumen in an Dunkelheit grenzendem Schatten.

Beim Fahren bergauf wird mir schnell heiß, ich beginne zu schwitzen und trage Schicht für Schicht der in der morgigen Kälte angelegte Kleidung ab. Doch sobald wir eine Pause machen, spüre ich, wie die Kälte mir in die Knochen kriecht und so fahren wir schnell weiter. An einer Stelle wird der Wanderweg zum Trampelpfad, Baumwurzeln und Steine hindern uns am Weiterfahren und wir müssen schieben. Zu Beginn ist das kein Problem, doch es wird immer steiler und mein Rad alle paar Meter um ein Kilo schwerer. Ich stemme mich gegen den Lenker, komme aber kaum voran. Also hilft Marius mir, er schiebt von hinten an und ich lenke, so bekommen wir schließlich beide Räder nach oben, wo wir wieder auf einem Wanderweg landen.

“Wollt ihr auswandern?”

Als wir weiter oben am Berg wieder auf die stärker frequentierten Wanderwege stoßen, ziehen wir einige Aufmerksamkeit auf uns. “Wollt ihr auswandern?”, fragt ein älterer Herr beim Anblick unserer voll bepackten Räder. Bevor wir antworten können, ist er schon vorbei, anhalten können wir nicht, an der Steigung wieder anzufahren ist mühsam.

An der nächsten Kreuzung wissen wir nicht, wohin. Drei Wege führen nach oben, die Beschilderung hilft uns auch nicht weiter. Während wir da so stehen und diskutieren, kommt ein Rennradfahrer vorbei, grüßt stumm und biegt links ab. Kurz darauf, während wir die Phase unserer Ratlosigkeit in eine kurze Trink- und Essenspause verwandeln, kommt ein Pärchen mit E-Mountainbikes die Steigung hinauf und verschwindet ebenfalls links im Wald. Als dann der vierte Radfahrer links abbiegt, beschließen wir, dass das ja so verkehrt nicht sein kann und folgen.

Je weiter wir nach oben kommen, desto mehr Wanderern begegnen wir. “Na denn man tau!”, ruft mir eine Frau zu, und ihre norddeutsche Redensart motiviert mich. Der Großteil der Passanten scheint aus Touristen zu bestehen. Plötzlich höre ich ein rhytmisches Schnaufen und die Brockenbahn zieht an mir vorbei, eine uralte schwarze Lokomotive, die Wolken dunklen Qualms ausstößt. Ich fühle mich an den Hogwarts-Express erinnert. Das Spektakel, von allen Anwesenden mit zahlreichen Ahs und Ohs bewundert, ist schnell vorbei, da die Bahn zügig im Wald verschwindet.

Inzwischen sind wir über drei Stunden unterwegs (inklusive Pausen), ich kann die Wetterstation auf dem Gipfel schon seit geraumer Zeit immer wieder zwischen den Bäumen durchblitzen sehen, doch ich habe das Gefühl, einfach nicht voranzukommen. “Fast geschafft!!”, ruft mir eine Frau zu, die mir entgegen kommt. Na gut. Also sammle ich all meine Kräfte und trete in die Pedale. Die letzten Meter muss ich dann doch schieben. Doch wir haben es geschafft: Wir sind oben! 1142 m verkündet stolz das messingfarbene Schild auf dem Gipfel.

Talfahrt

Bei der Abfahrt fliegt die Landschaft an mir vorbei. Die Strecke ist asphaltiert und kein Auto ist in Sicht, also lasse ich mein Fahrrad einfach rollen. Das Gepäck gibt zusätzlichen Schub. Die Straße hat nur wenige Biegungen, sodass die Strecke gut einsehbar ist, man muss selten bremsen. Marius filmt das Ganze mit der Actioncam, ich fahre voraus und bemerke kaum, wie ich immer schneller werde. Doch als mein Blick auf den Tacho fällt und ich die 55 sehe, bremse ich dann doch etwas ab. Marius zieht an mir vorbei, mit 60km/h, wie ich später erfahren werde. Die Geschwindigkeit ist euphorisierend. Die hart erarbeiteten Kilometer gleiten in Minuten unter meinen Reifen dahin. Viel zu schnell sind wir unten angekommen, vier Stunden Bergfahrt für ein paar Minuten Talfahrt, mit teilweise nur 5km/h bergauf und dann mit 55 km/h bergab.

Wir erreichen den Ort Schierke und sehen im Vorbeifahren ein buntes Schild. Hier gibt es eine Sommerrodelbahn! Und weil wir von der Raserei noch nicht genug haben, halten wir an und steigen ein. Und so fahren wir ein weiteres mal durch den Wald, doch diesmal muss ich keine Angst haben, aus der Kurve zu fliegen, der Wagen liegt auf Schienen. Der Ort, an dem wir an diesem Abend unser Zelt aufschlagen heißt, passend zur Verfassung meiner Muskulatur, “Elend”.

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